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16.11.2017

Porsches kurze Ära auf der Langstrecke

Porsche dominiert seit Jahren die Langstrecken-WM, setzt aber in Zukunft lieber auf die Formel E – mittendrin: ein Steirer.

Drei Konstrukteurstitel in vier Jahren und Siege bei mehr als jedem zweiten Rennen. Die Teilnahme von Porsche an der Langstrecken-WM ist eines der erfolgreichsten Motorsport-Engagements dieses Jahrtausends.

Nun ist damit Schluss.

Nur sechs Jahre nach Projektstart (siehe Zusatzkasten unten Mitte) wandert der Porsche Hybrid 919 mit seinen 900 PS nach dem Sechs-Stunden-Rennen von Bahrain (Start: 14 Uhr MEZ) bereits ins Konzernmuseum. "Wir dürfen wieder bei Null anfangen", sagt Fritz Enzinger – und freut sich.

Der 61-jährige Steirer ist der Vater des Langstrecken-Projekts der deutschen Edelmarke. Begonnen hat alles Ende 2011 mit lediglich fünf (!) Mitarbeitern und ohne Werkshalle für den Bau eines Sportwagens. "Die Freiheiten für mich bei diesem Projekt waren grenzenlos", sagt Enzinger, der davor bei Konkurrent BMW für das Formel-1-Projekt zuständig gewesen war. "Das weiße Blatt Papier ist der Traum jedes Ingenieurs." Auf besagtem weißen Blatt Papier sind rasch Zeichnungen für ein Gebäude entstanden, in dem 270 Menschen ein Auto entworfen und gebaut haben, das eine Erfolgsära begründet hat. Rekrutiert hat Enzinger die dafür nötigen Ingenieure aus aller Herren Länder, aber vorwiegend aus einem bestimmten Kosmos: aus der Formel 1.

Eine Tatsache, die von der alteingesessenen Konkurrenz anfangs noch belächelt worden war, wie der Mitarbeiter eines Gegners einmal zugab: "Als die Porsche-Leute in die WM gekommen sind, haben wir über all die Formel-1-Jungs gelächelt. Wir haben ihnen nicht viel zugetraut. Da haben wir uns wohl getäuscht."

Großes Jammern

Bereits nach dem ersten Rennen in der Saison 2014 (Rang drei) lachte niemand mehr, dafür herrscht nun das große Jammern. Weil mit Porsche der nächste namhafte Hersteller nach Audi der Langstrecken-WM den Rücken kehrt und schon bald unter Strom steht. Zeitgleich mit Mercedes steigt Porsche ab der Saison 2019/2020 in die vollelektrische Formel E ein, wo die beiden Autobauer unter anderem gegen Audi und BMW (ab 2018/2019) um Siege und Prestige kämpfen werden.

"Die Formel E hat mehr Eventcharakter als ein herkömmliches Autorennen. Die Rennen kommen zum Fan, zu neuen Fans. Für die Hersteller ist das eine ideale Ergänzung für ihre Motorsportaktivitäten", sagt Fritz Enzinger, der bei Porsche damit für den nächsten Neuaufbau verantwortlich zeichnet. Zeitgleich "denkt Porsche den Sechszylinder-Motor zu Ende, der 2021 im Heck eines Formel-1-Wagens schlummern könnte". In der großen, weiten Motorsportwelt genießt der Obersteirer einen exzellenten Ruf. Nach dem ersten von nun drei Le-Mans-Siegen mit Porsche im Jahr 2015 wurde er in Frankreich zum Motorsportmanager des Jahres gekürt.

Große Zukunft

Enzinger ist trotz seiner treibstoffgetränkten Sozialisierung nahe des ehemaligen Österreich-Rings ein untypischer Benzinbruder. Er kann sich ebenso für schwere, laute Oldtimer begeistern wie auch für die Formel E: "Die Autos werden von Jahr zu Jahr schneller und können schon bald ein Rennen mit einer Batterie-Ladung durchfahren." Derzeit müssen die Piloten in der Rennmitte in ein frisch aufgeladenes Auto wechseln, um über die Runden zu kommen.

Die Vielzahl an neuen, großen Herstellern dürfte die Rennserie rasant beschleunigen. "Die Hersteller, die am Wochenende nicht gewonnen haben, werden am Montag dem Vorstand berichten müssen", glaubt Enzinger.