Vettel: "Geld ist nur Mittel zum Zweck"

Der 25-jährige Deutsche im Gespräch über Werbeauftritte, sein Leben als dreifacher Weltmeister der Formel 1 und warum er gerne am Herd steht.

So sieht man Sebastian Vettel selten: dunkles Jeans-Hemd, helle Hose – und als Beifahrer. Der dreifache Formel-1-Weltmeister gibt nur ungern die Kontrolle aus der Hand – im Auto wie im übrigen Leben. Für den aktuellen TV-Spot seines Werbepartners, den Online-Reifenhändler Tirendo, wechselt der 25-Jährige ausnahmsweise den Sitzplatz.

Einen ganzen Tag dauert der Dreh unter der spanischen Wintersonne. Vettel ist gut gelaunt und gilt als unkompliziert. Dabei dürfte er gerade anderes im Kopf haben. Am 17. März beginnt in Australien die neue Saison, noch bis heute bereiten sich seine Gegner bei den Testfahrten auf die Jagd nach dem Chefpiloten von Red Bull vor.

"Maximale Konzentration" erfordere der Job, meint der Deutsche. Freizeit ist ihm wichtig, die Privatsphäre heilig. Ausnahmen gibt es keine, an Medienanfragen mangelt es nicht. Umso offener gibt er sich im KURIER-Interview.

KURIER: Herr Vettel, Ihre Kollegen werben für Uhren, teure Kosmetik und noble Mode, Sie nun für einen Online-Reifenhändler. So bescheiden?
Sebastian Vettel: Der Sponsor muss einfach zu mir passen, und das ist in diesem Fall so. Ein Reifen hat ja jede Menge mit der Formel 1 zu tun.

Zwischen einem herkömmlicher Reifen und einem Formel-1-Reifen liegen doch Welten.
Stimmt schon. Nur: Wenn ich an die Box komme, möchte ich möglichst schnell den richtigen Reifen montiert bekommen. Das ist doch bei Ihnen auch nicht anders, oder?

SPAIN FORMULA ONE
epa03590765 German Formula One driver Sebastian Vettel, of Red Bull Racing, during the first day of the pre-season training at t… © Bild: APA/ALBERTO ESTEVEZ
Gutes Argument. Und Sie müssen jetzt wohl auch sagen, dass man brav Reifen wechseln und möglichst immer das neue Modell haben soll.
Man glaubt zwar immer, dass die Reifen noch eine Saison halten, ich bin da manchmal auch nicht anders. Aber es macht schon einen riesigen Unterschied aus. Und leider ist es auch so, dass viele Unfälle auf abgefahrene Reifen zurückzuführen sind.

Hand aufs Herz: Schon einmal selbst Reifen gewechselt?
Klar. Es war leider kein geplanter Boxenstopp, aber zum Glück hat alles geklappt.

Wie steht es denn um Ihre Kenntnisse als Mechaniker?
Ich weiß schon grob, wo was an meinem Auto ist. Einen kleinen Schaden könnte ich schon beheben. Dennoch ist es heute leider so, dass in den modernen Pkw ziemlich viel versteckt ist und man meistens gar nicht richtig an die verschiedenen Teile rankommt. Bei älteren Fahrzeugmodellen ist es deutlich einfacher, herumzuschrauben. Das gefällt mir.

Lernt man es als Weltsportler zu schätzen, online einzukaufen, anstatt vor die Haustür zu gehen, wo einen jeder kennt, Fotos macht und nach Autogrammen fragt?
Weltsportler, das klingt für mich ein bisschen fremd. Ich traue mich schon noch vor die Tür und ich gehe auch noch selbst einkaufen, wenn ich Lust habe. Aber es ist verdammt bequem, wenn Sachen gleich nach Hause geliefert werden. Allerdings gibt es auch Dinge, die man nicht im Internet kaufen sollte, sondern in einem Fachgeschäft – ein Musikinstrument etwa. Das würde ich vor dem Kauf schon ausprobieren wollen. Bei Reifen ist das nicht der Fall.

Sie lehnen mehr Werbeangebote ab, als sie annehmen. Was bedeutet Ihnen Geld?
Geld ist nur Mittel zum Zweck, mehr nicht. Mir ist meine persönliche Freizeit wichtiger und dass ich Zeit habe für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Sebastian Vettel
Sebastian Vettel of Germany walks in the paddock during a test at the Jerez racetrack in southern Spain, Thursday Feb. 7, 2013. … © Bild: AP/Miguel Angel Morenatti
Als dreifacher Weltmeister stehen Sie auf einer Stufe mit Sportlern wie Dirk Nowitzki oder Bastian Schweinsteiger und haben eine gewisse Vorbildfunktion. Was macht für Sie ein Idol aus?
Ich weiß, nicht ob ich mit den Jungs auf einer Stufe stehe, das müssen andere beurteilen. Man kann Vorbilder haben, aber man muss immer sich selbst treu bleiben. Deshalb fühle ich mich nicht als Idol, sondern als aktiver Sportler, der schon ein wenig erreicht hat. Wenn Kinder ein Idol in mir sehen, macht mich das stolz. Ich bin mir aber auch der Verantwortung bewusst.

Der Weg durch das Fahrerlager wird für Sie von Jahr zu Jahr beschwerlicher. Sind Sie manchmal froh, ins Auto steigen zu können?
Ich bin immer froh, ins Auto steigen zu können. Das ist genau das, was ich liebe: Die Kiste am Limit bewegen. Das Cockpit ist nicht das Ergebnis einer Flucht, sondern das reine Vergnügen.

Die Formel 1 besteht aus Routine und Stress – zwanzig Wochen im Jahr. Wie gelingt es Ihnen, privat aus diesem Rad herauszukommen?
Man muss seine Batterien öfters aufladen, weil sonst funktionieren sie nicht mehr. Kleinigkeiten entscheiden Formel-1-Rennen, ein unkonzentrierter Moment genügt schon. Ruhe finde ich abseits der Strecke.

Wobei denn?
Am besten beim Sport. Fußball mit meinen Kumpels, Badminton, Radfahren. Unsere Hotels und die Verpflegung sind ausgezeichnet, aber ich genieße es, im eigenen Bett zu schlafen und einmal selbst in der Küche am Herd zu stehen.

Denken Sie an die Anfänge Ihrer Karriere zurück. Wie haben Sie sich damals das Leben als Weltmeister vorgestellt?
Gar nicht. Es war immer mein Traum, aber für eine Vorstellung zu weit weg. Wenn ich geträumt habe, dann vom Fahren nicht vom Leben als Weltmeister.

Sebastian Vettel
© Bild: REUTERS
Man weiß mittlerweile, dass Sie gerne Beatles hören, Badminton spielen, zum Frühstück Müsli bevorzugen und Fan der Frankfurter Eintracht sind. Wo beginnt für Sie das Private?
Genau hier, würde ich sagen (lacht). Im Ernst: Alles, was ich im Fahrerlager, auf der Rennstrecke oder bei Sponsor-Terminen mache, ist für mich Teil des Jobs. Alles, wo keine offiziellen Kameras stehen, ist für mich privat. Mir war schon klar, worauf ich mich in der Formel 1 einlasse. Das gehört zum Spiel.

Apropos Eintracht: Ist es für Sie noch möglich, in der Fankurve zu stehen?
Ich bevorzuge Sitzplätze, ganz normale übrigens. Natürlich kann ich noch zur Eintracht gehen, leider hab’ ich nicht oft Zeit dafür.

Verspüren Sie noch Druck nach drei Weltmeistertiteln?
Es hat sich nichts geändert. Ich will Rennwochenende für Rennwochenende das Maximale erreichen, das ist, wenn man so will, der Druck, den ich mir selbst mache. Diese Forderung ist maximal, auch wenn ich durch den ersten WM-Titel gelassener geworden bin .

Sie haben in den letzten vier Jahren zahlreiche Bestmarken in der Formel 1 gebrochen. Was bedeuten Ihnen Rekorde?
Schön zu hören, dass unsere Arbeit Früchte getragen hat. Aber es geht hier um anderes als um Rekorde.

Weiterführende Links: www.tirendo.at
www.tirendo.at/pkw/reifen

Vettel über den RB9 und die neue Saison

Die Werbewelt der Formel 1

Sponsoring
© Bild: KURIER
Witali Bytschkow kann die Freude über den Sensationscoup nicht verbergen: Der erfolgreichste Formel-1-Fahrer der Gegenwart wirbt neuerdings für einen Online-Reifenhändler. "Markenbotschafter", betont Bytschkow, der Österreich-Chef von Tirendo, " Sebastian ist Markenbotschafter, nicht bloß Werbeträger."

Tirendo ist eines von zwei Unternehmen, für das Sebastian Vettel privat sein jugendliches Gesicht in die Kamera hält. Der Rest sind Werbeverpflichtungen seines Rennstalls Red Bull Racing. Bytschkow: „Wir wussten, dass er sehr sorgfältig bei der Auswahl seiner Partner ist. Wir mussten ihm etwas bieten, mit dem er sich auch privat identifizieren kann.“

Vettels Kollegen und die Teams sind da weit weniger wählerisch. Sie wissen ob der weltumspannenden Wirkung ihrer funkelnden Rennserie. Über einhundert Unternehmen haben ihre Logos werbewirksam auf die Boliden lackieren lassen. Die Branchenvielfalt kennt dabei kaum Grenzen.

Vom Software-Riesen bis zum Hersteller von Sanitäranlagen reicht die Palette. Die 150 größten Sponsoren vereinen einen Jahresumsatz von kaum vorstellbaren 2900 Milliarden Euro. „Die Formel 1 ist eines der stärksten Marketing-Werkzeuge der Welt“, glaubt McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh.

Philip Morris ist noch immer einer der größten Sponsoren des Ferrari-Rennstalls, obwohl Tabakwerbung im Motorsport längst verboten ist. Davor betrugen die jährlichen Zuwendungen der Tabakindustrie im Motorsport gut 400 Millionen Euro.

"Unsere Firma wird in vierter Generation als Familienunternehmen geführt, agiert aber global in 90 Ländern. Hierfür ist die Formel 1 das ideale Vehikel", sagt Daniel Wüstner von der Rauch-Geschäftsleitung. Der Getränkehersteller aus Vorarlberg ist beim Weltmeister-Team Red Bull an Bord. Die Verbindung ist seit jeher eng, Red Bull lässt seinen Energy-Drink in den Betriebshallen von Rauch abfüllen.

( Kurier ) Erstellt am 04.03.2013