Doktor Rossi sucht nach dem Rezept

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Motorrad-WM: Superstar Valentino Rossi kommt mit seiner Ducati immer noch nicht zurecht und fährt nur hinterher.

Lässig steht Valentino Rossi über seinem Motorrad, die Hände in die Hüften gestützt, und düst die enge Boxengasse hinunter. Davor und dahinter fädeln sich die Kontrahenten des Italieners ein, fokussiert und angespannt wirken sie, den Finger stets am Gasgriff.

Und was macht Rossi? Der 32-Jährige zupft sich im Schritt seine enge Hose zurecht. Die Menge tobt. Bevor er sich auf seine schnelle Runde begibt, winkt er noch einmal lässig ins Publikum. "Ich versuche, immer ein Lächeln im Gesicht zu haben", sagt er.

Ausnahmefahrer

Valentino Rossi, Spitzname Der Doktor, liebt die Show und das Spektakel. Auch in der bislang schwierigsten Phase seiner Karriere.

Mit 105 Grand-Prix-Siegen und neun Weltmeistertiteln ist er der erfolgreichste Motorradfahrer der Gegenwart, der zweiterfolgreichste der Geschichte nach Giacomo Agostini. Ende des letzten Jahres gab Rossi seinen letzten großen Deal bekannt: Er wechselte zu Ducati, eine italienische Legende wie Rossi.

Der Traumhochzeit folgte der Weg in die Beziehungskrise: Die Desmosedici GP11, Rossis Dienstgefährt, ist eine Höllenmaschine. Die 235 PS sind auf Höchstgeschwindigkeit ausgerichtet, weniger auf Fahrbarkeit. "Sie ist ein schlimmes, ein böses Motorrad", sagt Rossi, der Stilist, der in der Vergangenheit mit seiner sauberen Fahrweise brilliert hat. Seit 1997 war Valentino Rossi nie schlechter als Dritter im Endklassement, vor dem Grand Prix von Tschechien am Sonntag lag er nur auf dem fünften Gesamtrang.

Realität

Eine Trendwende war auch in Brünn, wo er vor 15 Jahren seine erste Poleposition und seinen ersten Sieg bejubeln durfte, nicht zu erwarten. Der Sprung aufs Podest ist derzeit nur in einem turbulenten Rennen realistisch.

Das entspricht natürlich nicht den Erwartungen des Branchenprimus und ebenso wenig denen seines Arbeitgebers. Mit Rossi glaubten die Italiener die Titelgarantie eingekauft zu haben. Schon seinen vorigen Arbeitgeber Yamaha erlöste Rossi umgehend nach elf sieglosen Saisonen. "Es ist die ultimative Herausforderung", sagt Rossi nun.

Doch nicht nur in die Siegerlisten sollte die Luxusinvestition wieder mehr Bewegung bringen, auch in die Auftragsbücher der Motorrad-Schmiede. Mit 30 Millionen Euro ließ sich Rossi seine Dienste für zwei Jahre vergüten und wurde so zum bestbezahlten Sportler Italiens. Im Schlepptau hatte er seine Yamaha-Crew und die Markenwerte eines Weltstars. Hollywood-Star Brad Pitt witzelte einmal, er wäre gerne so cool wie Rossi.

Gespart sollte bei Ducati an anderer Stelle werden: Als die Firmenleitung beschloss, den Arbeitern in Bologna die Fünf-Minuten-Pause zum Händewaschen zu streichen, drohte der Betriebsrat mit Streik.

Fehler

Allmählich mehren sich die Stimmen, dass es ein Fehler gewesen sei, Casey Stoner ziehen zu lassen. Der Australier war 2007 der letzte Weltmeister auf Ducati und liegt heuer ebenfalls in aussichtsreicher Position - allerdings mit der Honda.

Offiziell ist die Schuldfrage geklärt: "Wir arbeiten an jedem Detail, bis wir ein Motorrad haben, das Valentinos Talent entspricht", sagt Technik-Chef Preziosi. Die Ducati ist der Patient, nicht der Doktor.

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Erstellt am 05.12.2011