Die Formel 1 von den billigsten Plätzen

© Bild: Florian Plavec

Viel Lärm und einige offene Fragen: Der Ungarn-Grand-Prix aus der Perspektive eines Stehplatz-Zuschauers.

Die Motoren werden angeworfen, einer nach dem anderen heult auf. Immer lauter wird das Gebrüll der 780-PS-Aggregate, es übertönt den Platzsprecher.

Die fünf roten Lichter der Ampel leuchten auf, die Lautstärke nimmt infernalische Dimensionen an. Gleichzeitig lassen die 24 Piloten die Kupplung kommen, sie beschleunigen von null auf 100 in 2,5 Sekunden. So muss es klingen, wenn ein Schwarm überdimensionaler Monster-Heuschrecken über ein Land herfällt.

Lärm

Die Geräuschkulisse ist das Eindrucksvollste an der Formel 1. Doch die Formel 1 fühlt man auch - als Vibration im Brustkorb; sie riecht nach Abgasen und fetten Würsteln; man kann sie sogar schmecken - meistens ist sie recht staubig, diesmal allerdings schmeckt sie nach Sprühregen.

Aber was sieht man bei einem Formel-1-Rennen? Nicht im Fernseher, nicht auf den teuren Tribünen, sondern auf dem billigsten Stehplatz am Hungaroring? Wobei "billig" in den Dimensionen der Formel 1 genau 99 Euro bedeutet.

Angeblich soll man von den Stehplätzen 80 Prozent der Strecke überblicken können. Doch wo sind diese Plätze? Von hier sieht man drei der insgesamt 14 Kurven und die erste Hälfte der Start-Ziel-Geraden. Es ist gerade noch zu erkennen, wie Vettel einen guten Start erwischt, dann verschwinden die Fahrer hinter einer Stahlrohr-Tribüne. Die erste Kurve ist einen Kilometer entfernt - und entzieht sich den Blicken.

Fragezeichen

Die Zuschauer kämpfen um die besten Plätze auf dem steilen und vom Regen feuchten Hang. Ein Meter weiter vorne bedeutet hundert Meter mehr Einblick in die Start-Ziel-Gerade. Im Blickfeld sind drei große Bildschirme. Doch die sind so weit weg, dass man zwar das TV-Bild erkennen kann, Namen oder Platzierungen sind aber nicht mehr zu lesen. Die routinierten Zuschauer helfen sich mit Feldstechern oder den Teleobjektiven der Fotoapparate. Die Unerfahrenen verlieren langsam den Überblick. Ich verliere den Überblick.

Führt jetzt tatsächlich Schumacher? Auf dem Bildschirm ist zu sehen, dass Vettel etwas im "Team Radio" sagt. Aber was? Springt da soeben Heidfeld oder Petrow aus dem brennenden Renault? Warum brennt der überhaupt? Auch der ständig auf Ungarisch, Englisch und Deutsch redende Platzsprecher ist keine Hilfe. Sobald man die Ohrenstöpsel herausnimmt, ist der Lärm kaum zu ertragen, der von den Motoren erzeugt und von den Tröten der Zuschauer noch verstärkt wird. Hat man die Stöpsel hingegen drinnen, versteht man den Sprecher nicht mehr.

Emotionen

Voller Euphorie schwenken die Ferrari-Fans die Fahnen, als Alonso an Schumacher vorbeifährt. Entsetzt schreien sie auf, als er von der Strecke rutscht. Jubel kommt auf, als Hamilton Vettel überholt, die Frau mit der Vettel-Fahne schlägt die Hände vors Gesicht. Der ungarische Fan neben ihr nimmt zufrieden einen Schluck Bier aus der Zwei-Liter-Plastikflasche.

Doch es bleiben Fragen offen: Wer muss noch an die Box? Warum muss Hamilton schon wieder rein? Und die wichtigste: Wie viele Runden geht's eigentlich noch? Der Nachbar mit dem Feldstecher streckt drei Finger in die Höhe. Alles klar. Kurz darauf winkt uns Button zu. Auf den folgenden Plätzen liegen Vettel, Alonso, Hamilton und Webber, so viel ist klar.

Was sonst noch war? Keine Ahnung. Netterweise hat der Kollege in der Redaktion in Wien das Rennen im Fernseher verfolgt und den Artikel zum Rennen verfasst ...

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Erstellt am 05.12.2011