Sport
29.11.2017

Missbrachsvorwürfe im Sport: "Leider kein neues Thema"

Laut dem deutschen Forschungsprojekt "Safe Sport" handelt es sich um ein weitverbreitetes Phänomen.

"Es ist höchste Zeit, zu enttabuisieren", sagte Christa Prets, Vorsitzende der Initiative "100% Sport", bei einer bereits im Oktober eingereichten Pressekonferenz zum Thema "(Sexualisierte) Gewalt an Mädchen und Frauen im Sport". Diese hatte aufgrund der Vorwürfe durch die Ex-Skirennläuferin Nicola Werdenigg besondere Aktualität erlangt. Noch werde nur reagiert, statt agiert, kritisierte Prets.

Bei den Vereinen gebe es immer noch eine Abwehrhaltung, die mit einem "bei uns nicht" reagiert, sagte die Vorsitzende am Mittwoch in Wien. Käme tatsächlich der Verdacht auf sexuelle Übergriffe auf, so riet sie den Vereinen unbedingt, auf externe Beratung zurückzugreifen, denn "wenn es intern bleibt, fehlt oft das Vertrauen", riet sie bei der PK im Rahmen der Aktion "16 Tage gegen Gewalt an Frauen".

Appell an die Medien

Neben der Hauptforderung, verstärkt präventive Maßnahmen in allen Verbänden, Vereinen und Organisationen zu setzen, setzte sich Silvia Moosmaier vom Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport (BMLVS) auch für einen fairen Umgang mit den von sexueller Gewalt Betroffenen ein: "Es muss einfach klar sein, dass alle Menschen, die einen sexuellen Übergriff erlebt haben, das Recht haben, darüber zu sprechen." Aber nicht jeder wolle dies im Licht der Öffentlichkeit, so Moosmaier, die in diesem Zusammenhang an die Medien appellierte, nur jene Personen publik zu machen, die auch dazu bereit sind. Es habe jedenfalls lange genug gedauert, die Tabus zu durchbrechen.

"Es ist leider kein neues Thema"

Was den Umgang mit sexualisierter Gewalt im österreichischen Sport betrifft, da fange man nicht bei null an, sagte Rosa Diketmüller, die eine entsprechende Arbeitsgruppe leitet. Man habe in den vergangenen Jahren bereits einen Aktionsplan mit konkreten Maßnahmen entwickelt. Es handle sich jedenfalls um ein weitverbreitetes Phänomen, so Diketmüller unter Hinweis auf das deutsche Forschungsprojekt "Safe Sport". Laut diesem hat ein Drittel aller Kaderathleten und -athletinnen, die an der Studie teilgenommen haben, von leichten Formen der sexualisierten Gewalt berichtet, ein Neuntel gab an, mit schwereren Formen zu kämpfen. Bei den Frauen war es gar die Hälfte, die eine leichte Form erfahren hat und fünf Prozent der Frauen wurde mit schwereren Gewaltformen, als bis hin zur Vergewaltigung, konfrontiert, erläuterte Diketmüller. Täter waren laut der deutschen Studie überwiegend Männer.

"Es ist leider kein neues Thema", stellte der Präsident der Bundes-Sportorganisation (BSO), Rudolf Hundstorfer, fest. Man habe aufgrund von "vielen, vielen Anlassfällen aus der Vergangenheit" bereits 2009 eine größere Aktivität gemeinsam mit der Kinderschutzorganisation "die möwe" gestartet - das werde jetzt weiter ausgebaut. Er sei froh, dass die Debatte in der Öffentlichkeit geführt wird, dass gebe die Möglichkeit, noch mehr Druck auszuüben. Denn man wolle bei der BSO, dass in Zukunft sämtliche Trainer einen Strafregisterauszug vorlegen müssen, und einen Ehrenkodex wolle man ebenso implementieren. Was die aktuellen Anlassfälle betrifft, so versuche man als BSO alle verschiedenen Anlaufstellen und Hotlines bis Weihnachten einmal zusammen zu bringen. Es sollen dabei etwa Möglichkeiten von Entschädigungen ausgelotet werden, dies alles in "einer sehr anonymisierten Plattform", kündigte Hundstorfer an.

Fünf-Punkte-Programm der BSO zur Prävention:

  1. Im Grundkonsens über die Priorität des Schutzes von Kindern und Jugendlichen wird der Österreichische Sport schnellstmöglich ein dichtes Netz an Vertrauenspersonen zum Kinderschutz in allen Mitgliedsverbänden aufbauen. Bis Mitte 2018 soll ein Netzwerk von 100 geschulten Vertrauenspersonen vorhanden sein, die in allen Sportarten verankert sind.
  2. Bis Mitte 2018 schicken BSO und der Verein 100% Sport externe Expertinnen und Experten in alle Führungsgremien der Bundesverbände, um in diesem internen Rahmen offen und sachlich die Ausgangslage, die Bedrohungspotenziale und die möglichen Maßnahmen zu besprechen.
  3. Den Verbänden wird empfohlen, bei ihren Trainerbestellungen und bei denen ihrer Mitgliedsvereine auf die persönliche Eignung der Trainerinnen und Trainer besonderes Augenmerk zu legen, einen erweiterten Strafregisterauszug einzufordern und einen Ehrenkodex unterzeichnen zu lassen.
  4. Die Bundes-Sportorganisation verstärkt ihr bereits vorhandenes Fort- und Weiterbildungsprogramm durch Verdoppelung der Workshops zur Prävention.
  5. Als zweite Säule neben der verbandsinternen Präventionsarbeit und der Implementierung von Notfallplänen im Anlassfall verstärkt die BSO die Kooperation mit externen Fachinstitutionen. Zu diesem Zweck lädt die BSO noch in diesem Jahr zu einem Round Table mit den Opferschutzeinrichtungen ein, um für alle Fälle aus dem Sport eine abgestimmte Vorgangsweise bei der Wahrung der Opferinteressen und der Folgemaßnahmen zu diskutieren. Durch die verstärkte Kooperation mit fachlichen Expertinnen und Experten soll eine Anlaufmöglichkeit außerhalb des "Systems" Sport geboten werden und eine externe Begleitung der Maßnahmen des Sports sichergestellt sein.