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Interview
02/11/2013

Meissnitzer: "Neue Wege einschlagen"

Die zweifache Weltmeisterin spricht über festgefahrene Strukturen, kritische Kollegen und fehlende Typen.

von Stefan Sigwarth, Christina Pertl

Expertin. Dieses Wort gefällt Alexandra Meissnitzer nicht. Schon gar nicht, wenn man es an sie richtet. "Ich mog’ den Ausdruck ned’", sagt die 39-jährige Ex-Rennläuferin, die als TV-Kommentatorin für den ORF gerade ihre vierte Saison erlebt. "Das klingt immer so, als ob man alles wissen würde", erklärt die Doppel-Weltmeisterin von 1999 (Super-G, Riesenslalom).

"Ich möchte mich ganz klar von anderen Meinungen von ehemaligen Skifahrern distanzieren, die im Ziel stehen und sagen, wie man es hätte besser machen können", sagt Alexandra Meissnitzer, die beim Teambewerb wieder in der Kommentatoren-Kabine Platz nehmen wird.

KURIER: Frau Meissnitzer, warum ist es Ihnen so wichtig, sich von den kritischen Kommentaren Ihrer ehemaligen Kollegen zu distanzieren?
Alexandra Meissnitzer:Wir haben alle schlechte Phasen gehabt, daran sollte sich jeder einmal erinnern. Auch Renate Götschl, Michaela Dorfmeister und ich sind beispielsweise von der WM in Bormio ohne Medaillen heimgefahren. Es gibt so viele, die immer nur g’scheit reden, und das will ich nicht. Ich weiß, wie schwierig es ist, wenn man da oben steht und eine Leistung bringen muss.

Verstehen Sie die Aufregung über die Medaillenlosigkeit in den Speedrennen?
Ja, klar hätte man sich das bei der Heim-WM anders gewünscht. Aber wenn man sich die Saisonergebnisse anschaut, waren da auch die Erwartungen zu hoch, gerade bei den Damen. Jetzt muss von Trainern, Skifirmen und Läufern gemeinsam analysiert werden, was man anders machen kann.

Zum Beispiel?
Von einer Tina Maze oder einer Lindsey Vonn kann man sich sicher etwas abschauen. Wie viel sie trainieren, oder auch wie sie auftreten. Bei uns ist es vielleicht endlich an der Zeit, festgefahrene Strukturen zu verlassen, neue Wege einzuschlagen und auch individueller zu werden. Es braucht nicht jeder eigene Trainer oder ein eigenes Team – das meine ich auf keinen Fall – aber es kann nicht für jeden das gleiche Trainingsprogramm geben. Eine Anna Fenninger und eine Elisabeth Görgl sind eben sehr verschieden.

Was macht Tina Maze so stark?
Im Skisport ist mehr schon auch mehr. Tina Maze sagt ja ganz offen, dass sie im Sommer einfach mehr gemacht hat als früher – und es hat vorher schon nicht viele gegeben, die so viel trainiert haben wie sie. Das macht sich bezahlt.

Aber heißt das nicht im Umkehrschluss, dass unsere Läuferinnen zu wenig tun?
Ich kenne die Trainingspläne nicht, aber ich glaube schon, dass manchmal noch ein bisschen mehr ginge. Ich kann das vielleicht deshalb so formulieren, weil ich die Situation selber gehabt habe: Ich habe auch geglaubt, ich trainiere viel und dann ist Karl Frehsner gekommen – dann hamma viel trainiert! Ich werde nie vergessen, wie er zu mir gesagt hat: "Du hast ja gar keine Ahnung, wo deine Grenzen liegen."

Gibt es Dinge im Skizirkus, die Ihnen auf die Nerven gehen?
Heutzutage ist es total in Mode, dass über den Spaß geredet wird. Alle sagen, sie brauchen den Spaß beim Skifahren, dann werden sie auch wieder schnell. Aber im Prinzip geht es darum, dass du schnell sein musst, dann hast du auch wieder Spaß.

Aber ist das nicht nur eine von vielen Floskeln?
Ja, sicher. Wir haben damals vielleicht manchmal zu viel gesagt, aber heute würde ich mir manchmal wirkliche Aussagen wünschen und nicht 'Ich versuche Spaß zu haben, dann schau’ ma was rauskommt'.

Fehlen die Typen im Skisport?
Ich denke schon. Lindsey Vonn hat für den Damensport sehr viel gemacht. Dessen sind sich viele andere Läuferinnen gar nicht bewusst. Oder Tina Maze. Es braucht jemanden, der polarisiert. Da ist es mir tausend Mal lieber, die Tina zeigt, wenn sie nicht gut drauf ist. Warum soll sie auch gut drauf sein und lächeln, wenn sie Sechste wird? Das ist doch o.k., sie verstellt sich nicht.

Das ist Ihre vierte Saison beim ORF. Was haben Sie gelernt?
Schon viel. Am Anfang will man es jedem recht machen, aber das geht nicht und ich kann nur dann gut sein, wenn ich ich bin – und das wird auch immer besser. Ich rede auch bewusst so, wie ich rede, im Dialekt, damit ich authentisch bleibe. Das ist mir wichtig.

Ihre Kollegen Hans Knauß und Armin Assinger sind dafür bekannt, sehr emotionell zu kommentieren. Bevorzugen Sie bewusst die leiseren Töne?
Ja, das würde für mich sonst auch nicht passen. Für mich muss die Wortwahl eine andere sein und auch die Lautstärke. Wenn eine Frau da einikreischt, will das keiner hören. Ich freue mich immer über konstruktive Rückmeldungen. Aber es gibt auch Dinge, die mich berühren.

Zum Beispiel?
Wenn jemand schreibt, ich rede zu viel. Was ich auf keinen Fall will, ist am Sonntagvormittag jemandem auf die Nerven zu gehen.