Sport
04.05.2017

Lukas Müller: "Natürlich zipft es mich extrem an"

Der gelähmte Skispringer spricht vor dem Wings for Life World Run über die Härten des Alltags.

Tischtennis, Rollstuhltherapie, Bewegungsübungen, dazu Krafteinheiten. Der Trainingsplan von Lukas Müller ist intensiver als zu seiner aktiven Zeit als Skispringer. Der Kärntner befindet sich gerade wieder im Reha-Zentrum in Bad Häring, in dem er vor einem Jahr in den Monaten nach seiner inkompletten Querschnittslähmung schon so enorme Fortschritte gemacht hatte. "Mein ganzes Leben ist eine einzige Therapie", pflegt Lukas Müller gerne zu sagen. "Wenn man einen Querschnitt hat, dann hört dieser Weg nicht auf."

Am Sonntag wird der 25-Jährige beim Wings for Life World Run an den Start gehen. Seite an Seite mit Thomas Morgenstern, mit dem er ein eigenes Team ins Leben gerufen hat. "Uns verbindet einiges. Wir kommen aus der gleichen Gegend, wir verstehen uns gut, und wir hatten beide beim Skifliegen am Kulm eine schwere Brez’n. Bei ihm ist es zum Glück besser ausgegangen als bei mir", sagt Müller.

KURIER: Herr Müller, wie geht’s Ihnen aktuell?

Lukas Müller: Ich habe leider feststellen müssen, dass ich gegenüber dem vergangenen Jahr körperlich doch brutal abgebaut habe. Ich bin fast ein wenig erschrocken.

Wie kommt das?

Mir fehlt ganz einfach die Zeit zum Trainieren. In der Reha in Bad Häring hatte ich damals acht Stunden Therapie am Tag. Das war megaanstrengend, aber du weißt und siehst am Ende, warum du es gemacht hast.

Woran merken Sie, dass Sie körperlich nicht mehr so beisammen sind wie noch 2016?

Ich merke es im Alltag, gewisse Dinge, die ich schon einmal gekonnt habe, funktionieren jetzt nicht mehr so leicht. Wenn ich es zum Beispiel fast nicht mehr aufs Klo schaffe. Besonders deutlich wurde es bei einem Belastungstest.

Was ist da passiert?

Im Juli 2016 haben wir einen Gehtest gemacht: Wie weit komme ich in sechs Minuten? Damals habe ich immerhin 150 Meter geschafft.

Und diesmal?

Diesmal habe ich den Versuch nach drei Minuten abbrechen müssen. Ich habe mich einfach nicht mehr auf den Beinen halten können, weil der Rücken so gebrannt hat und die Hüfte ausgelassen hat.

Wie frustrierend sind solche Erlebnisse für Sie?

Natürlich zipft es mich extrem an, wenn etwas nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte. Solche Momente kommen immer wieder vor. Aber was soll ich machen? Ich kann es nun einmal nicht ändern, ich kann nur schauen, dass ich so gut wie möglich damit umgehe und mit meinem Leben zurechtkomme.

Apropos zurechtkommen: Wie sieht denn Ihr Alltag aus?

Ich komme auch deshalb nicht mehr so viel zum Trainieren, weil ich so viel zu tun habe. Ich arbeite noch bei der Firma Manner, die mich nach dem Unfall extrem unterstützt hat, obwohl ich längst nicht mehr unter Vertrag war. Dazu mache ich eine Ausbildung bei der Wirtschaftskammer Steiermark. Und im Herbst möchte ich einen akademischen Abschluss machen.

Das klingt wirklich nach Stress. Urlaub gönnen Sie sich nie?

Den gibt’s im Dezember. Mein Bruder lebt in Australien, und ich freue mich schon darauf, ihn in Melbourne zu besuchen. Körperlich sollte das machbar sein.

Und was ist am Sonntag beim Wings for Life Run für Sie realistisch? Wie ehrgeizig sind Sie?

Wenn ich mit meinem Alltagsrolli 15 Kilometer schaffen sollte, dann wäre ich happy. Aber darum geht es ja sowieso nicht. Wichtig ist, dass da so viele Leute mittun und sich für eine gute Sache einsetzen. Ich weiß, dass es durch diese Initiative große Fortschritte gibt. Aber leider ist der Querschnitt noch immer eines der letzten großen Geheimnisse der Medizin.

Der Lauf für all jene, die nicht mehr laufen können

Der von Red Bull organisierte Wings for Life World Run wurde innerhalb weniger Jahre zu einer der größten Laufsportveranstaltungen der Welt. Bis zu 14.000 Menschen werden sich am Sonntag mit unbestimmtem Ziel durch Wien bewegen. Ein sogenanntes Catcher-Car wird eine halbe Stunde nach dem Start um 13 Uhr in Wien losgeschickt. Das Auto beginnt mit einer Geschwindigkeit von 15 km/h und wird sukzessive schneller. Wenn alle Läufer bzw. Rollstuhlfahrer eingeholt sind, ist das Rennen vorbei. Die globalen Bestmarken halten seit dem Vorjahr der Italiener Giorgio Calcaterra mit 88,44 und die Japanerin Kaori Yoshida mit 65,71 Kilometern.

13,6 Millionen Euro

Eine Anmeldungen ist noch bis heute, 13 Uhr, möglich (www.wingsforlifeworldrun.com). In den ersten drei Jahren registrierten sich weltweit 212.156 Läufer, die insgesamt 2.815.457 Kilometer zurücklegten. Gleichzeitig wurden damit 13,6 Millionen Euro für die Rückenmarkforschung gesammelt. Gelaufen wird heuer unter anderem in Dubai, im norwegischen Stavanger, in der mexikanischen Stadt Guadalajara oder in Tainan in Taiwan.

Wie schon in den vergangenen Jahren gehen in Österreich auch wieder prominente Teilnehmer an der Start: Dabei sind zum Beispiel Marcel Hirscher, Andreas Goldberger und Thomas Morgenstern. Neben Lukas Müller (siehe Interview) wird auch Kira Grünberg erwartet. Hinter dem Steuer des Catcher-Cars sitzt der querschnittsgelähmte Rallye-Fahrer Reini Sampl.