Sport
24.03.2017

Jürgen Melzer: "Einfach herzeigen, wie man ist"

Der Routinier spricht über Versäumnisse, Spaßfaktoren, Gassen und neue Wege.

Südstadt. Jürgen Melzer genießt das Training. Die vielen Verletzungen, die seine jüngsten Karriere-Jahre begleiteten, stellen keine Plage mehr da. Gut aufgelegt plaudert der 35-Jährige über ein anstehendes freudiges Ereignis, aber auch seine zweite Leidenschaft, den Fußball.

KURIER: Wird man Jürgen Melzer noch einmal im Fußball-Dress des ATSV Deutsch-Wagram sehen?

Jürgen Melzer: Heuer wahrscheinlich nicht mehr. Eventuell nach meiner Karriere. Aber das war für mich extrem wichtig, ich habe bis Juli des Vorjahres zehn Monate nicht spielen können. Zuhause fiel mir die Decke auf den Schädel, und der Spaßfaktor bei der Reha ist überschaubar gering. Freilich, mit 25 wäre es nicht superschlau gewesen, da die Verletzungsgefahr hoch ist. Aber ich war mit Leidenschaft dabei, und der Zusammenhalt mit den Burschen war großartig.

Mit Ausnahme der Australian Open waren die Tennis-Bühnen auch nicht die größten. Was ist es für ein Gefühl, als ehemalige Nummer acht der Welt Challenger-Turniere zu spielen?

Bei den Challengers, die ich heuer spielte in Budapest und Wroclav, waren die Centre Courts mit 2500 Zuschauern gar nicht so klein. Sicher, auf dieser Ebene ist es zäh. Spielen können die alle, und ein 19-Jähriger ist auch extrem motiviert gegen mich. Schlimm ist, dass du selbst kaum einen Gegner kennst. Ich muss da durch, um Punkte zu sammeln, damit es wieder nach oben geht.

Besagte Australian Open brachten aber eine nette Abwechslung: Vor 15.000 Zuschauern gegen Roger Federer aufzutreten, dafür spielt man, oder?

Ja, es war ein schönes Match, ich habe auch sehr gut gespielt. Aber bei meinem Karriere-Stand, bei dem ich jeden Punkt brauche, wäre mir ein Duell mit Federer später lieber gewesen. In der ersten Runde hätte es ein Qualifikant auch getan. Bei den French Open nehme ich ihn auch, aber wenn er wieder in der ersten Runde kommt, bin ich heiß.

Die Qualifikationen für die großen Turniere in Indian Wells und Miami haben Sie aber ausgelassen. Warum?

Ich werde in den nächsten Wochen Vater, da möchte ich den Zeitraum rund um die Geburt zu Hause verbringen.

Beim Daviscup ab 7. April in Weißrussland sieht man aber Rekordspieler Jürgen Melzer?

Grundsätzlich will ich immer im Daviscup spielen. Vom Geburtstermin her sollte es sich ausgehen, aber wenn sich das Kind entscheidet, zu spät zu kommen, dann geht es sich nicht aus.

Sicher nicht spielen wird Dominic Thiem. Waren Sie in einmal in einer ähnlichen Situation?

Ich habe 2011 im Schwechat gegen Frankreich auf Sand gespielt, unmittelbar danach auf Hartplatz in Indian Wells. Klar wäre es schön, wenn er als Top-Ten-Spieler dabei wäre. Aber es ist müßig, darüber zu reden. Er spielt nicht, und aus.

Was sagen Sie zu seiner Entwicklung? Gab es ein bisschen Neid, als er Sie bei den Turniersiegen überholt hat?

Neid ist im Sport völlig unangebracht. Seine Erfolge sind toll, auch für das österreichische Tennis.

Ihr Bruder Gerald wechselte heuer von Challenger- auf ATP-Turnier-Ebene. Mit wechselndem Erfolg. Gibt es viele Tipps vom Bruder?

Er hat sehr phänomenal begonnen, die Auftakt-Niederlage bei den Australian Open hat ihm aber einen Knacks gegeben. Und in Südamerika war er praktisch drei Wochen lang krank. Klar, wenn mir etwas auffällt, dann sag’ ich es ihm.

Wer sagt Ihnen derzeit, wo es langgeht? Ihr Langzeit-Trainer Jan Velthuis ging ja zum Deutschen Tennis-Bund.

Ich trainiere vorerst bis Jahresende einmal mit dem Schweden Fredrik Rosengren, der schon einige Spieler in den Top Ten betreut hat.

Ihre Heimatgemeinde Deutsch-Wagram hat eine Gasse nach Ihnen benannt. Sollten Sie nicht als Dank gerade dort ein Haus bauen?

Ich baue tatsächlich in Deutsch-Wagram, nur in dieser besagten Gasse war leider kein Platz mehr. Aber vielleicht kann man die Gassennamen irgendwann noch tauschen. Und dann hab’ ich die Adresse: Jürgen Melzer, Jürgen-Melzer-Gasse.

Einen Gassennamen hat zumindest nicht jeder. Es zeugt von einer erfolgreichen Karriere. Gibt es trotzdem einiges, was Sie heuer anders machen würden?

Ich hätte meinen langjährigen Trainer Joakim Nyström (kam 2010, Anm.) zwei Jahre früher nehmen sollen. Ich hätte riskieren sollen, noch mehr in mein Team zu investieren. Und vor allem hätte ich einen offeneren Zugang zu den Medien finden sollen. Einfach herzeigen, wie man wirklich ist. Aber mir ist auch immer vom Umfeld geraten worden, Mauern aufzubauen. Erst als ich älter wurde, hat sich das geändert. Aber das Interessante am Leben ist, dass man nichts zwei Mal machen kann.

Noch einmal zurück zum Fußball: Für welchen Verein schlägt Ihr Herz?

Im Herzen war ich immer Austrianer. Aber ich habe in Nachbarschaft zu den Rapidlern Hedl und Dober gelebt. Und seinen Kumpels vergönnt man nichts Schlechtes. Und mit meinem Schwager Robert Almer (der derzeit verletzte Team- und Austria-Tormann, Anm.) plaudere ich oft über Fußball, Tennis, aber auch über die Reha. Er macht derzeit ja Ähnliches durch wie ich.

Der Rekord-Teamspieler

Laufbahn

Jürgen Melzer, geboren am 22. Mai 1981 in Wien, holte bei den Junioren 1999 den Titel in Wimbledon und den Doppel-Sieg bei den Australian Open. Der Deutsch-Wagramer sicherte sich in seiner Profi-Karriere fünf Einzel-Titel: Bukarest (2006), Wien (2009 und 2010), Memphis (2012, sein einziges ATP-500-Turnier) und Winston-Salem (2013). 2010 stand er im Halbfinale der French Open, 2011 war er im Einzel die Nummer acht (derzeit Nr. 156). Im Doppel war er ebenfalls in den Top Ten, in Wimbledon gewann er 2010, bei den US Open 2011 (jeweils mit dem Deutschen Petzschner).

Jürgen Melzer ist mit 32 Teilnahmen Rekordspieler im rot-weiß-roten Daviscup-Team. 2010 war er Sportler des Jahres.

Privates

Seit September ist Melzer mit der ehemaligen Schwimmerin Fabienne Nadarajah verheiratet.