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10.11.2017

WM-Test: Englands Hoffnung gegen Deutschland

Drei Nachwuchstitel holten die Three Lions im Sommer – nun ist das erste Talent reif für den großen Auftritt im Wembley.

Tammy Abraham war der Überraschungsgast bei der ersten Pressekonferenz des englischen Nationalteams im Rahmen der Vorbereitung auf das Testspiel-Doppel im Wembley-Stadion gegen Weltmeister Deutschland (Freitag, 21 Uhr/live ZDF) und Brasilien (Dienstag).

Tammy Abraham durfte also vor die Medien treten, die im britischen Königreich als nicht besonders zurückhaltend gelten. Deshalb werden junge Talente zumeist nicht gleich bei ihrer ersten Einberufung ins Team den Journalisten überlassen.

Tammy Abraham ist 19 Jahre alt, wurde von Chelsea an Swansea verliehen, hat ganze 13 Spiele in der Premier League bestritten und dabei vier Tore erzielt.

Tammy Abraham personifiziert aber auch das, was der englische Verband derzeit vorzuweisen hat – große Erfolge im Nachwuchs.

Sorgenkind Team

Das Nationalteam hingegen dümpelt so vor sich hin, ist Mittelmaß. So wie der Trainer als Spieler Mittelmaß war. Gareth Southgate fiel vor allem mit seiner Wortmeldung über eine Halbzeitansprache des damaligen Teamchefs Sven Göran Eriksson auf. "Wir haben Winston Churchill erwartet und Iain Duncan Smith bekommen", sagte er über den Schweden. Im Gegensatz zu Churchill ist der 63-jährige, britische Politiker Smith rhetorisch nur mäßig begabt.

Zurück zu Tammy Abraham. Er soll heute zeigen, was der britische Verband gelernt hat. Es ist das dritte Testspiel binnen 20 Monaten gegen Deutschland und gehört zu einer Vereinbarung über den Austausch von Fachwissen im sportlichen und strukturellen Bereich. Im englischen Verband hat man sich entschieden, Deutschlands Entwicklung zum Weltmeister 2014 als Vorbild zu nehmen. Nun werden den Deutschen die ersten Ergebnisse auf höchster Ebene präsentiert.

2017 ungeschlagen

Auf den Stufen darunter standen die Engländer diesen Sommer ganz oben. Sie haben sich zu Weltmeistern bei der U 18 und der U 20 sowie zu Europameistern der U 19 gekürt. England ist in allen 45 Nachwuchs-Länderspielen 2017 ungeschlagen geblieben, bei der U 17 und der U 21 ist man zwar ausgeschieden, aber jeweils nur im Elfmeterschießen.

Trotzdem scheint es, dass die Toptalente nur wenig Zukunft bei den Topklubs sehen. So wechselte der erst 17-jährige Jadon Sancho im Sommer von Manchester City zu Dortmund. Das letzte Talent aus dem eigenen Nachwuchs, das bei Manchester City den Durchbruch geschafft hat, war Micah Richards. Das war 2006, noch bevor die Scheichs die Macht übernommen haben. Dabei soll die "City Football Academy" 250 Millionen Euro gekostet haben.

Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick sagte kürzlich in einem Interview mit dem Boulevard-Blatt Sun: "Manchmal scheint es mir so, als würde ein Milliardär Briefmarken oder Münzen sammeln, die er stolz herzeigt, wenn Gäste kommen. Aber wenn sie weg sind, verschwinden die Münzen wieder im Regal."

Oft hapert es auch beim Übergang von den Reserveteams zu den Profis. Die englischen Trainer, sie heißen Manager, sind ganz allein für die Kaderzusammenstellung zuständig: Der schnelle Erfolg steht im Fokus. Deshalb glaubt Rangnick, dass in absehbarer Zeit auch die englischen Klubs Sportdirektoren haben werden.

Charakter-Bildung

Vor fünf Jahren hat der Verband zusammen mit der Liga einen "Elite Players Performance Plan" erarbeitet und umgesetzt. Talente sollen nicht nur fußballerisch ausgebildet werden, sondern auch charakterlich. Damit nicht etwas passiert wie bei der WM 2010 in Südafrika. Damals zogen es die Teamspieler vor, schlafen zu gehen, anstatt Nobelpreisträger Nelson Mandela zu treffen.

Abraham trat im St- George’s Park vor die Presse. Das ist das kostspielige Trainingszentrum, das sich der Verband seit fünf Jahren leistet, es liegt in Burton upon Trent, nordöstlich von Birmingham.

Vor mehr als 50 Jahren hat England den letzten großen Titel geholt, den Titel bei der Heim-WM 1966. Um an alte Erfolge anschließen zu können, versucht Southgate das Nationalteam zu erneuern.

Vier Debütanten hat er nominiert, dafür Sturridge, Oxlade-Chamberlain, Smalling und Wilshere nicht mehr berücksichtigt. Allerdings kamen danach kurzfristige Absagen, teils wichtiger Spieler wie von Kane und Alli von Tottenham. Henderson von Liverpool und Sterling von Manchester City können verletzungsbedingt nicht mitmachen.