Sport | Fußball
29.03.2014

"Wenn du nichts sagst, ist das Bild schwarz"

Dank Audiodeskription können sich auch Blinde von einem Fußball-Spiel ein Bild machen.

Test, Test, Test", sagt Florian Knöchl in sein Mikrofon. Das Ergebnis, das er im Kopfhörer vernimmt, scheint ihn zufriedenzustellen. Er nickt. Das technische Puzzle aus Kabeln, Mischpult und dem Gerät, das in einem großen schwarzen Koffer herangeschleppt wurde, hat er offenbar richtig zusammengesetzt. Die Lampen blinken, der grüne Balken auf dem Mischpult schlägt aus.

Es kann losgehen.

"Herzlich willkommen in der Generali-Arena in Wien", sagt der 26-Jährige und beginnt mit der Analyse der bevorstehenden Bundesliga-Partie. Während die Fans im Stadion die Namen der Spieler rufen, werden auch die Zuhörer via Radiofrequenz, Bundesliga-App oder TV-Zweikanalton über Aufstellungen, Veränderungen und Vorzeichen des sportlichen Hauptabendprogramms informiert. Details sind wichtig für die bis zu 900 Zuhörer, die allein via Livestream dabei sind. Denn Florian Knöchl und seine Kollegen sind für die Audiodeskription zuständig, die akustische Bildbeschreibung, die speziell auf die Bedürfnisse von blinden und sehbehinderten Menschen ausgerichtet ist.

Liebe zum Detail

"Der Tormann der Rieder ist heute ganz in Weiß gekleidet, nur die Schuhe sind grün", sagt Sara Telek. Auf den Zetteln vor sich hat sie die Aufstellung mit gelben Post-its aufgeklebt. Tore, Einsätze und andere Informationen zu den einzelnen Spielern dienen als Gedächtnisstütze. "Aber da hat jeder seine eigene Herangehensweise", sagt die 25-jährige Hungarologie-Studentin. Seit September arbeitet sie für Datamatix, jenes Wiener Unternehmen, das sich mit der Marke audio2 Marktführer im Bereich Audiodeskription nennen darf.

Kommentiert wird immer als Duo. Alle fünf Minuten wird abgewechselt. "Weil du sonst die Emotion nicht so halten kannst. Außerdem ist es auch für den Zuhörer angenehmer", erklärt Telek. Anders als beim Fernsehkommentar für Sehende gibt es bei der Bildbeschreibung für Sehbehinderte kaum Pausen für diejenigen, die dafür sorgen, dass sich andere ein Bild machen können. "Das ist der große Unterschied. Du musst wirklich alles beschreiben, sprichst eigentlich durch, was du beim normalen Kommentar ja nicht machen sollst. Sonst quälst du ja die Leute", sagt Knöchl.

Der junge Mann mit der schwarzen Haube weiß, wovon er spricht, arbeitet er doch auch beim TV-Sender Puls4. Der Audiodeskription bleibt er dennoch treu: "Es ist einfach eine gute Möglichkeit, um Übung zu bekommen", sagt Knöchl, der von Beginn an dabei war, als die Audio-Idee nach der EURO 2008 Formen annahm.

600 Stunden live

Von der evangelischen Christvesper bis zur Vierschanzentournee, von der Hochzeit von William und Kate bis zum Hahnenkamm-Rennen, von Dancing Stars bis zur Theateraufführung – das Spektrum könnte kaum größer sein. 400 bis 600 Stunden pro Jahr kommentieren die Mitarbeiter von Michael Kastelic für den ORF live. "Allein während der Olympischen Spiele in Sotschi waren es 118 Stunden, bei den Paralympics immerhin 30", erzählt der Geschäftsführer des Vorreiters in Sachen Audiodeskription. "Wir sind eigentlich die Einzigen, die das anbieten", sagt Kastelic, der mittlerweile 13 Mitarbeiter in Österreich und fünf in Deutschland hat. Während der EURO 2008 hat er die Technik für einen Radiosender gemacht, danach nahm die Erfolgsgeschichte ihren Lauf.

"Wenn ein Blinder mit mir nach dem Spiel diskutiert, ob das ein Elfer war oder nicht, ist das toll", sagt Kastelic. Das könnte zum Beispiel Erico Zeyen sein. Der späterblindete Fußball-Fan mit argentinischen Wurzeln geht gerne ins Stadion. "Als Zuschauer habe ich das doppelte Erlebnis: Die Stadionatmosphäre selbst und den Kommentar", sagt Zeyen, den es allerdings hauptsächlich bei Länderspielen, Europa oder Champions League in österreichische Stadien zieht. "Ohne dem österreichischen Fußball nahetreten zu wollen, aber ich bin ein anderes Niveau gewöhnt", sagt der Argentinier und lacht.

Er hat auch ein Negativbeispiel für Audiodeskription parat: "In Deutschland haben bei Länderspielen einfach normale Radiomoderatoren kommentiert. Die unterhalten sich mehr miteinander, als dass sie das Spiel beschreiben und drucken sich lieber gegenseitig G’schichtln rein." Denn das Wichtigste für einen, der sich durch die Worte eines anderen ein Bild über ein Fußballspiel machen soll, ist immer noch die Frage: Wo ist der Ball gerade?

Oder wie es Florian Knöchl auf den Punkt bringt: "Wenn du nichts sagst, ist das Bild schwarz."

www.audio2.at