© Martin Gnedt

Sport Fußball
12/05/2011

Viel Theater um den neuen Teamchef

Marcel Koller spricht im Interview über die heftige Kritik an seiner Person, Eitelkeiten und seine ersten Amtshandlungen.

Welches Stück denn abends aufgeführt wird? "Was ihr wollt". Komödie von William Shakespeare.

Was er eigentlich will? Das erzählt der neue österreichische Fußball-Teamchef nach dem Rundgang durch das Burgtheater, den das ehrwürdige Haus gestattet. Marcel Koller, 50, schaut sich alles genau an, sitzt in der Loge, sagt, dass er hier bald eine Vorstellung erleben wolle und genießt sichtlich die Abwechslung. Stress habe er schon genug. Jeder will den Mann aus der Schweiz. Zum Vorzeigen, für ein Foto, für ein Interview. Der KURIER kriegt ihn dann auch. Zum Plausch im Café Landtmann.

KURIER: Ihre ersten Eindrücke von Wien?
Marcel Koller: Ich war 1987 beim Stadthallenturnier mit Grashoppers Zürich schon einmal da. Gesehen hab ich damals nicht viel. Auch meine Freunde in der Schweiz freuen sich jetzt, weil ich in Wien bin. Wunderschön sind diese Gebäude ...

Diverse Willkommensgrüße waren weniger schön. Beginnend mit den Worten "Nix gegen die Person Marcel Koller, aber ..." haben einige Experten und Trainer in Österreich Ihr Engagement in fast peinlicher Weise kommentiert. Stört Sie das?
Ich kann das ja irgendwie verstehen. Man hat etwas dagegen, wenn jemand von außen kommt. In der Schweiz haben wir Ottmar Hitzfeld. Ein Deutscher. Natürlich besitzt der mehr Reputation als ich, er war Trainer von Bayern München, Champions-League-Sieger.

Ein bisschen überrascht war ich aber schon. Denn in der Schweiz und Deutschland kriegt die Trainer-Gilde von rundherum auf den Deckel. Aber dort ist die Akzeptanz untereinander größer. Man sollte besser miteinander sprechen und nicht in den Clinch gehen.

Doch sind in der Schweiz derartig vorverurteilende Reaktionen vorstellbar?
In der Schweiz läuft so etwas wahrscheinlich etwas ruhiger ab. Das betrifft auch die Ex-Internationalen, die nicht so sind, wie ich es hier kennenlernen durfte. Hier sind ziemlich deutliche Worte gefallen. Aber es ist vielleicht schon so, dass sich jene Leute, die mich engagiert haben, genauer informiert haben.

Die negative Stimmung ging so weit, dass eine Zeitung wegen Ihrer Scheidung von einer Tirolerin einen "schwarzen Fleck" in Ihrem Leben ausgemacht hat ...
Komisch, der Journalist, der das behauptete, hat mich dazu nicht befragt. Aber das gehört eben zu meinem Leben. Ich bin seit elf Jahren wieder verheiratet, mit meiner Ex-Frau hab' ich noch Kontakt. Was soll's, ich kenn' die Scheidungsrate nicht genau, aber ...

... es besagt die Statistik, dass beispielsweise in Wien mehr als die Hälfte der Ehen wieder in die Brüche geht ...
... na dann hat hier jeder zweite Erwachsene auch so einen schwarzen Punkt in seinem Leben.

Kurt Jara, Teamchef-Ex-Kandidat und ehemaliger Klubkollege von Ihnen, hat sich ebenfalls negativ geäußert. Gab es eine Aussprache?
Wir haben telefoniert, das Thema ist aus der Welt. Wir waren schließlich vier Jahre auf dem selben Zimmer.

Seit zwei Jahren waren Sie ohne Job. Ist das nicht ein Argument für die Kritiker?
Das kann ich erklären: In der Schweiz war ich als Spieler in der Spitze dabei, später konnte ich als Trainer mit St. Gallen und Grasshopper die Meisterschaft holen. Danach kam ich über Köln zu Bochum, bin aufgestiegen, konnte den Klub drei Jahre in der 1. Liga halten. Das ist vor mir 16 Jahre lang keinem Trainer gelungen. Aber der ständige Abstiegskampf kostet Energie.

Das war der Grund für die Pause?
Wenn du oben bist, hast du die positive Energie, das ganze Umfeld ist euphorisch. Bist du unten, kriegst du auf Deutsch gesagt, dauernd auf die Fresse. Und du musst gleichzeitig das Team zusammenhalten. Steigst du ab, sind gleich einmal 15 Millionen futsch, Arbeitsplätze gefährdet. Das ist Druck, den man auf Dauer wegstecken muss.

So lange, bis ich mir gesagt habe: Ich möchte wieder nach oben. Ich hab mich in der Zwischenzeit natürlich weitergebildet, in Deutschland, Italien und in der Schweiz. Und ich hab' dabei zusätzlich Spieler psychologisch und taktisch unterstützt. Weil es ja auch Trainer gibt, die nicht mit allen Spielern sprechen. Und ich wollte diesen Spielern eben die Sicht des Trainers vermitteln.

In Bochum hat die Klubführung Ihre Arbeit gelobt. Die Fans haben sich aber gegen Sie gestellt. Trotzdem sind Sie nicht von Ihrer Linie abgewichen, haben z.B. jungen Spielern immer wieder eine Chance zu geben. Ist das Sturheit, oder sind Sie von sich selbst so überzeugt?
Ich gehe meinen Weg. Weil ich weiß, dass der Weg erfolgreich sein kann. Ich befolge nicht irgendwelche Tipps, nur um besser dazustehen und dem Team bringt es null. Ich war erfolgreich mit einem Klub-Budget von 30 Millionen, der Schnitt in der Bundesliga liegt aber bei 90. Ich denke, ich kann auch in einem Nationalteam etwas bewegen. Du musst die Spieler jedenfalls von der eigenen Idee überzeugen.

Welche Fehler haben Sie gemacht?
Ich hab alles genau analysiert, arbeite jetzt grundlegend nicht anders. Aber ich weiß jetzt, dass ich den Fans einfach zeigen muss, was ich gerade unternehme. Auf meiner Homepage können es alle genau verfolgen. Ja, es war ein Lernprozess, mehr nach außen zu gehen, mehr zu kommunizieren.

Apropos Homepage. Es gibt darauf Fotos, die erinnern ein wenig an einen Dressman. Sind Sie gar eitel?
Eigentlich nicht, mir ist wichtig, authentisch zu sein. Doch, ein wenig eitel ist jeder. Sie etwa nicht?

Schon, aber es nützt nix, völlig zwecklos. Der vierte Platz in einer KURIER-Reihung der schönsten internationalen Fußballtrainer hat Sie aber doch gefreut, oder?
Dritter war der Mourinho? Ich war ein bisschen enttäuscht, weil ich nicht auf dem Treppchen stand. Ernsthaft: Dank an die Jury.

Ihre Ideen wollen Sie den Teamspielern schon jetzt zumindest theoretisch in Einzelgesprächen mitteilen. Was sind die Eckpfeiler Ihrer Fußball-Anschauung?
Ich lege großen Wert darauf, dass die Spieler bei Ballverlust auf Position bleiben, sofort attackieren, in Ballbesitz gelangen und sich nicht gleich wieder zurückziehen. In der Offensive sollen alle mit dabei sein, so schnell wie möglich in den Sechzehnmeter-Raum kommen, vertikal spielen.

Ab der 30-Meter-Zone ist Risiko erwünscht. Mit dem Hintergedanken: Wenn keiner besser steht, dann geh' ich alleine. Wenn jemand aber freisteht und den Ball verliert, bekommt er Probleme. Mit mir. Ich bin überzeugt, wenn du drei, vier gut einstudierte Bewegungsabläufe in der Offensive hast, hast du bereits Vorteile.

Das klingt nicht nach hundertprozentiger Kontertaktik, die man Österreichs Team im Regelfall zubilligt?
Wenn du dich dafür entschließt, vorne draufzugehen, muss jeder mitziehen. Tut es einer nicht, ist es schlecht. Tun es zwei nicht, ist es noch schlechter. Hast du drei, kannst du die Sache gleich abblasen.

Der Gegner wird wohl ein Wörtchen mitreden.

Ein Trainer muss flexibel sein und auf den Gegner eingehen. Für mich ist es ein ungutes Gefühl, wenn ich nicht weiß, was auf mich zukommt. Aber die eigene Grundordnung kannst du nicht ändern.

Warum hat das Schweizer System mehr Früchte getragen, als das österreichische?
In der Schweiz wurde schon vor 15 Jahren eine gemeinsame Philosophie kreiert. Man hat sie auf Papier gebracht und konsequent umgesetzt. Es gab vorfabrizierte Trainings in der Trainerausbildung, speziell für die Nationalmannschaften bis hin zu allen Amateurbetreuern. Jeder konnte die Unterlagen bestellen. Man hat also immer gewusst, was gerade läuft.

In Österreich gibt es Bedenken, Sie würden sich in die Abhängigkeit von ÖFB-Sportdirektor Ruttensteiner begeben. Lassen Sie das zu?
Es geht nicht darum, dass ich alles alleine entscheide. Es geht um das beste Nationalteam. Klar ist: Was das Sportliche im Team betrifft und die Aufstellung, da entscheide nur ich.

Werden Sei auch Ihren Vorgänger, Dietmar Constantini, um seine Meinung fragen?
Ja, in nächster Zeit. Ich hab' seine Nummer.

Ihr ehemaliger Schweizer Teamkollege Charly In-Albon wunderte sich, dass sie Trainer geworden sind. Weil Sie "viel zu ruhig waren, sich nie exponiert und eingemischt haben."
Er hat mich als 20-Jährigen kennengelernt und er war weg, hat nicht mitgekriegt, als ich als Kapitän und Trainer Einfluss gewonnen habe. Einer meiner Gegenspieler hat einmal gemeint: 'Mensch, du warst früher ganz anders.' Ich glaub, weil ich ihn kurz zuvor ziemlich weggeputzt habe. Ich hab' ihm nur gesagt, was ich will: gewinnen.

Das Klischee der Schweizer besagt, sie seien überkorrekt, sprechen langsam, hätten keinen Schmäh. Gemein?

Wenn ich Schwyzerdütsch spreche, kommen Sie mit Ihrem Wiener Dialekt nicht hinterher. Hochdeutsch ist für uns eine Fremdsprache.

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