Sport | Fußball
24.07.2017

Videoanalyse im Fußball: Alles Leinwand

Hoffenheim ist innovativ wie kein zweiter Klub. Jetzt soll eine Video-Wall neben dem Trainingsplatz einen Vorteil verschaffen.

Sie sind längst fixer Bestandteil des Fußballs. Nicht bei allen Spielern beliebt, vor allem wenn sie zu lange dauern, aber für die Trainer der Moderne unersetzlich.

Die Videoanalysen.

Zumindest vor jedem Spiel werden Stärken und Schwächen des Gegners seziert. Auch das eigene Spiel oder gar Trainings werden gefilmt und analysiert. Vorgetragen wird entweder vom Cheftrainer selbst, dem "Co", oder gar dem Videoanalysten, der seinem "Chef" im Idealfall diese Arbeit zur Gänze abnehmen kann.

Auch diese Spezialisten sind im internationalen Spitzenfußball längst eine Selbstverständlichkeit. Bei großen Klubs und Verbänden lassen sich diese nicht mehr an einer Hand abzählen. Hoffenheim beschäftigt "nur" fünf. Zwei bei den Profis und je einen bei den Amateuren, dem U-19- und U-17-Team.

Der deutsche Champions-League-Qualifikant beschreiten in punkto Videoanalyse seit Kurzem überhaupt neue Wege. Hoffenheim mit dem 29-jährigen Cheftrainer Julian Nagelsmann ist der erste deutsche Klub, der ins tägliche Training eine Videowall integrieren möchte.

Über diese kann das Trainerteam künftig Situationen live korrigieren und den Spielern noch auf dem Platz Lösungen an die Hand geben, ohne dass diese ihre Position auf dem Feld verlassen müssen.

Wetter-Test

"Wir testen die Videowall eine Woche lang, lassen sie Tag und Nacht sowie bei jeder Witterung laufen, um zu sehen, wie sie bei Wind und Wetter reagiert", sagt Rafael Hoffner, der in Hoffenheim als "Koordinator IT" für Sport-Innovationen zuständig ist. Der Test läuft in Zusammenarbeit mit einer israelischen Firma. Während des Testlaufs möchte man auch herausfinden, ob alle Spieler von ihren jeweiligen Positionen aus, in der Lage sind, die Videosequenzen auf der Leinwand einwandfrei zu erkennen.

Die 6 x 3 Meter große Videowall steht auf höhe der Mittellinie neben dem Trainingsplatz. Das System läuft mit vier Kameras, zwei auf Höhe der Mittellinie und jeweils eine hinter den beiden Toren. Das Trainerteam kann den "Film" je nach Spielsituation anhalten und dem Team zeigen, was besser gemacht werden kann. Zusätzlich könnten die Trainer dazu eine Kameraposition auswählen, aus der sie die Situation am besten erklären können, beispielsweise aus der Perspektive des Tormannes.

"Sollte sich das System bewähren, könnten wir die Spieler in großen Spielformen in ihren Positionen belassen, ihnen aber dennoch Lösungen aufzeigen", erklärt Trainer Julian Nagelsmann. "Dafür habe ich ein iPad in der Hand, mit dem ich die Kameras steuern kann. Wenn ich eine Situation anhalte, habe ich die Möglichkeit, meine Lösungen und Verbesserungsvorschläge auf dem iPad einzuzeichnen."

Zeit-Faktor

Bei der Videoanalyse spielt der Faktor Zeit eine große Rolle. Informationen müssen nicht nur exakt sein, sondern auch so schnell wie möglich zusammengetragen werden. Mit der modernen Technik ist es kein Problem mehr, schon bei der Pausenansprache in der Kabine Sequenzen aus Halbzeit eins zu sehen. Zu diesem Zweck werden oft auch eigene Kameras am Stadiondach angebracht. Etwa eine Weitwinkelkamera auf Höhe der Mittellinie, die nicht wie die TV-Kamera dem Ball bzw. dem Spielgeschehen folgt, sondern das gesamte Spielfeld abdeckt und damit die Laufwege aller 20 Feldspieler über die gesamten 90 Minuten einfängt.

Um die Fülle an Videomaterial verarbeiten zu können, braucht es Taktik-Experten. Ein Video-Analyst mit Trainerausbildung kann dem Chefcoach, der nur im schlechtesten Fall selbst stundenlang vor dem Bildschirm sitzt, vermutlich weit mehr Arbeit abnehmen.

Für gute Analysten können sich im gehobenen Profifußball sogar lukrative Türchen öffnen. Carles Planchart etwa folgte Pep Guardiola 2008 von der zweiten Mannschaft des FC Barcelona zunächst zu den Profis und später zu den Bayern und Manchester City. Richard Kitzbichler indes kehrte Red Bull Salzburg erst vor wenigen Wochen den Rücken, um Ex-Trainer Roger Schmidt in China bei Guoan Beijing zu unterstützen. Und das bestimmt nicht für eine Hand voll Reis.

In Österreich ist Videoanalyse noch eine One-Man-Show

Maurizio Zoccola ist seit rund vier Monaten bei Rapid als Videoanalyst engagiert, derzeit als One-Man-Team bei den Profis. "Auch im Akademiebereich beschäftigen sich Mitarbeiter mit der Materie, aber Ziel ist es künftig breiter aufgestellt zu sein", sagt der 48-Jährige, der für die Analyse der Gegner gleichermaßen wie für das eigene Spiel zuständig ist. "In größeren Fußballländern, wo mehr Budget vorhanden ist, werden diese Bereiche natürlich auf mehrere Personen aufgeteilt."

Bei der Analyse des Gegners werden meist drei Spiele als Rohmaterial herangezogen. Zoccolas Aufgabe ist es auch, zu filtern. "Da werden dann Szenen aus drei Spielen auf nur wenige Minuten komprimiert. "Aber auch der Cheftrainer hat Zugriff auf das Rohmaterial. Jeder Trainer ist anders. Goran Djuricin schaut sich auch immer wieder gerne ganze Spiele der Gegner an", erklärt Zoccola, der auch selbst über die UEFA-B-Lizenz verfügt und 18 Jahre lang im Amateurfußball als Trainer tätig war. "Was der Mannschaft gezeigt wird, entscheidet der Cheftrainer. Da ist kein Platz für persönliche Animositäten. Nach einer gewissen Zeit weiß man aber, worauf der jeweilige Trainer Wert legt."

Erleichtert wird Zoccolas Arbeit durch moderne Technik. "Wir sind mit unserem Kamerasystem bei Rapid technisch auf dem Letztstand und Vorreiter in Österreich." Im Allianz Stadion sind zwei Kameras unter dem Stadiondach angebracht, die das gesamte Spielfeld und die Laufwege aller 20 Feldspieler einfangen. Zoccola: "Dieses System funktioniert vollautomatisch, ich kann es vom Laptop aus steuern und wir brauchen keinen Mann zur Kameraführung abzustellen."

Halbzeit-Analyse

Zoccola selbst kann sich auf das Beobachten eben dieser Bilder konzentrieren. "Bei Heimspielen sitze ich dabei im Trainer-Büro, kann sofort einzelne Spielsituationen markieren und in der Halbzeit dem Trainer und der Mannschaft zeigen." Eine große Hilfe für den Chefcoach. "Denn der Trainer hat vom Spielfeldrand die schlechteste Sicht von allen im Stadion."

Anders als Rapid funktioniert die Analysearbeit bei Erzrivale Austria, wo Kai-Norman Schulz seit der Ära von Thorsten Fink mit Beginn der Saison 2015/’16 für die Thematik verantwortlich ist. Der Deutsche, der Sport studiert aber im Gegensatz zu seinem grün-weißen Kollegen keine Trainerausbildung hat, führt die Kamera selbst und sieht darin auch einen Vorteil gegenüber dem vollautomatischen System.

"Bei der manuellen Kameraführung kann ich mich genau auf die 20 Feldspieler, die auf dem Rasen meist auf einer Breite von 30 bis 40 Metern und nicht auf dem gesamten Spielfeld verteilt zu finden sind, fokussieren. Dadurch wird das Bild konkreter." Von der Ersatzbank aus markiert Co-Trainer Sebastian Hahn mittels eines Time Code am Tablet einzelne Spielsituationen, die Schulz wiederum in der Halbzeitpause Trainer und Mannschaft präsentieren kann.

Im Zuge der Spielvorbereitung werden bei der Austria diverse Videos vom Gegner von den verschiedenen Mitgliedern im Trainerstab beobachtet. Schulz: "Dann gibt es eine Sitzung und jeder bringt sich ein. Im Vordergrund steht die Frage: Wie können wir unser Spiel gegen diesen Gegner durchbringen?" Oberster Video-Analyst ist für Kai-Norman Schulz aber Thorsten Fink: "Der Trainer, der sein eigenes Bild hat, ist der erste Analyst im Verein. "