Sport | Fußball
02.02.2012

Schöttel: "Sind jetzt so richtig hungrig“

Peter Schöttel bläst zum Angriff. Der Rapid-Trainer spricht über heikle Entscheidungen, Experten und Fans.

An der Algarve-Küste bei optimalen Bedingungen bereitet sich der Winterkönig auf das Fußball-Frühjahr vor. Die portugiesische Sonne entfacht in dem sonst so besonnenen Peter Schöttel ungewohnten Kampfgeist. Im KURIER-Interview spricht der Rapid-Trainer Klartext.

KURIER: Rapid trainiert bei Sonnenschein und 15 Grad plus. Fürchten Sie einen Kälteschock bei der Rückkehr, nur vier Tage vor dem Auftakt in Wr. Neustadt?

Peter Schöttel: Nein, wir haben es hier sehr gut erwischt. Training auf gefrorenem Boden bringt Wehwehchen, die den Spielern bis ins Frühjahr nachhängen. Ich bin aber überrascht, dass der ORF gerade den Auftakt in Wr. Neustadt ohne Rasenheizung als Livespiel am Sonntag ausgesucht hat. Mal schauen, ob wir auf gefrorenem Boden überhaupt spielen können.

Was hat Sie früher als Spieler an der Wintervorbereitung gestört?

Gar nichts. Für mich war die Hitze im Sommer schlimmer, als die Kälte. Und ich bekenne mich dazu: Ich bin immer sehr gerne gelaufen.

Ist die Bedeutung der Testspiel-Ergebnisse für Sie mittlerweile gestiegen?

Nein, das sind weiterhin Trainingseinheiten mit Gegnern. Wir legen die Vorbereitung darauf an, zum Start voll da zu sein, das hat auch mit Wr. Neustadt perfekt funktioniert. Etwa 2011 mit einem 2:0 gegen Rapid. Der Unterschied: Bei Wr. Neustadt waren die Testspiel-Ergebnisse allen wurscht. Bei Rapid gibt es sogar nach jedem nicht gewonnenen Test Diskussionen.

So wie über Ihre Festlegung auf das 4-2-3-1-System. Wie oft müssen Sie noch hören, dass Rapid doch mit zwei Stürmern spielen müsste?

Wir haben uns für dieses System entschieden, weil es für die Rolle von Hofmann und unsere Dynamik am besten passt. Man könnte aber auch zur Kenntnis nehmen, dass die Flügel Trimmel und Drazan zwei gelernte Stürmer sind. Andere Trainer würden unser System als besonders offensives 4-3-3 verkaufen.

"Wir bei Rapid versuchen hingegen, systematisch besser zu werden"

Für den statischen Salihi war kein Platz mehr, Donnerstagabend wurde er nach Washington verkauft. Wären Sie enttäuscht gewesen, wenn er wegen der Absage, nach China zu wechseln, übrig geblieben wäre?

Ich bin nie auf ihn böse gewesen, weil er immer korrekt war. Sein Problem ist, dass er gleich mehrere Manager beschäftigt und sich dadurch aufreibt. Aber jetzt wünsche ich ihm alles Gute für die USA und Washington.

Ihr Plan einer Kaderreduktion ist aber gescheitert.

Es ist schon besser, wenn Amateure wie Wydra und Grozurek um einen Platz auf der Bank kämpfen und nicht gestandene Kicker wie Saurer und Salihi. Und die beiden Jungen sind übrigens sehr gut.

Dass auch Reservisten kaum gehen wollen, beweist doch, dass die Grundgehälter bei Rapid zu hoch sind ...

Es zeigt, dass sie bei Rapid gutes Geld verdienen, was aber kein Verbrechen ist. In Zukunft will ich aber schon eine andere Kaderstruktur. Ich wusste ja, dass sehr heikle Personalentscheidungen anstehen.

Und zwar?

Kritik wird es immer geben, wenn etwa ein verdienstvoller Spieler mit großer Lobby nicht mehr spielt.

War die Entscheidung gegen Payer und für Königshofer somit Ihre mutigste?

Königshofer hat seine Chance bekommen, weil wir damals mit Payer nicht zufrieden waren und Novota verletzt war. Jetzt ist er die Nummer eins, seine Vertragsverlängerung wird bald über die Bühne gehen. Er kann eine schöne Karriere machen, die eigentlich aus einer für ihn glücklichen Fügung entstanden ist.

Sind Sie überzeugt, dass Rapid im Frühjahr auf einem höheren Level als im Herbst spielen wird?

Wenn unsere Entwicklung normal weitergeht, ja. Besonderes Augenmerk legen wir darauf, gegen defensive Gegner mehr Kreativität zu entwickeln. Wir sind als Mannschaft sicher weiter. Das ist nach dem großen Umbruch, der im Sommer stattgefunden hat, logisch. In Österreich wird das aber kaum wahrgenommen.

Wie meinen Sie das?
Es werden Siege gefordert, denn in Österreich wird auch gerne gefeiert. Aber den Weg mit der Entwicklung dorthin wollen alle am liebsten überspringen. Wir bei Rapid versuchen hingegen, systematisch besser zu werden.

"Spieler sind viel freier, auch wieder mal goschert"

Wann machen Sie sich Sorgen?

Nach jeder schlechten Leistung. Ich weiß ja, dass man bei Rapid ohne Erfolg nicht lange überlebt. Aber es geht jetzt alles schon viel einfacher als im Sommer.

Was hat sich geändert?

Wir haben viel mehr Selbstvertrauen. Die Spieler sind viel freier, auch wieder mal goschert. Es war für sie viel schwerer als sie es zugegeben haben. Weil sie lange das Gefühl hatten, die Zuschauer warten nur auf ihre Fehler, um dann gnadenlos zu reagieren.

Sie hatten bei der Rückkehr gedacht, die Fan-Problematik nach dem Platzsturm wäre bis zum Saisonstart erledigt. War das Ihre größte Fehleinschätzung bei Rapid?

Ja, das habe ich mir ganz anders vorgestellt. Ich habe das unterschätzt. Es sind schon besondere Erlebnisse, wenn wir gegen Kapfenberg einen Angriff aufbauen, nach dem vierten Ballkontakt ausgepfiffen werden und 15 Ballkontakte später schießen wir das Tor. Das alles hatte aber sicherlich auch sein Gutes.

Tatsächlich?

Die Mannschaft hat sich sehr alleinegelassen gefühlt. Dadurch ist gruppendynamisch viel entstanden. Wir sind zusammengewachsen. Und jetzt sind wir so richtig hungrig, weil neben den Fans Rapid ja auch von vielen ehemaligen Kollegen und Experten, die sich mit flotten Sprüchen inszenieren, besonders kritisch beurteilt wurde.

Sie wirken sehr zuversichtlich. Denken Sie dennoch auch daran, was einmal nach Rapid sein wird?

Es klingt pathetisch. Aber ich genieße wirklich jeden Tag als Rapid-Trainer und es macht mich stolz. Auch, weil ich weiß, dass es sehr schnell vorbei sein kann. Was dann kommt, hängt wohl davon ab, wie erfolgreich ich mit Rapid noch sein werde.

Web-Offensive: Rapid entdeckt die neuen Medien

Rapid ist in den klassischen Medien der am meisten genannte österreichische Verein. Seit einiger Zeit versuchen die Hütteldorfer auch, sich im Web 2.0 offensiv zu positionieren. Mit Peter Klinglmüller, der als Kommunikationschef vom ÖFB geholt wurde, ist seit Mittwoch ein Experte für neue Medien am Werk.

In dem von Digital Affairs erstellten Social Media Ranking belegt Rapid österreichweit den 22. Rang, noch vor allen anderen Sportvereinen und -verbänden. Die Facebook-Seite (facebook.com/skrapid) hat mittlerweile mehr als 50.000 Follower.

Die früher gestartete „inoffizielle“ Rapid-Seite hat sogar doppelt so viele. Der Klub will mit täglich aktualisierten News und Fotos aufholen. Zuletzt wurde der You-Tube-Channel (youtube.com/skrapidtv) mit Video-Updates aus dem Trainingslager gestartet. Auch auf dem Kurznachrichten-Dienst Twitter (twitter.com/skrapid) ist die Kommunikationsabteilung aktiv. Die Spiele aus Portugal sind live via laola1.tv zu sehen, tags darauf können auf skrapid.at die Highlights der Begegnungen abgerufen werden.

Die Web-Offensive soll sich auch auf den am Samstag startenden freien Vorverkauf für das 300. Derby im Happel-Stadion positiv auswirken.