Sport | Fußball
16.04.2012

Polen: Grenzerfahrungen vor der EM

Tausende Fußball-Fans werden in die Ukraine fahren und zurück. Die Beamten an der Schengengrenze brauchen Fingerspitzengefühl

Der Bauchansatz des Reporters und seine Schuhspitzen ragen nach Polen, der Rest befindet sich noch hinter einem Eisenverhau in der Ukraine. Von hinten drücken achtzig Menschen nach vorn, immer ungeduldiger drängen sie die polnischen Grenzer, endlich das Gatter zu öffnen.

Dann, nach zwei Stunden, schiebt ein polnischer Beamter, der zuvor lässig die Szenerie betrachtet hat, den Riegel zur Seite: Nun heißt es rennen wie beim Stierlauf in Pamplona, um nicht niedergetrampelt zu werden und um sich direkt vor dem modernen polnischen Zollgebäude anzustellen.

Eingezäunt

Etwa 300 Ukrainer, in Gruppen geordnet, warten an diesem Abend auf einer hoch eingezäunten Fußgängertrasse vor dem Einlass. „Manchmal geht das bis zu acht Stunden so", ächzt ein älterer Mann mit einem Gepäckkarren. Immer müssen die Menschen hinter dem Gatter warten, bis die vordere Gruppe vollständig durch den Zoll ist, erst dann dürfen die Nächsten hineinrennen.

Die Szene ist am polnisch-ukrainischen Grenzübergang Medyka/ Scheginy zu beobachten. Nur 60 Kilometer vom ukrainischen EM-Austragungsort Lemberg (Lviv) entfernt, werden hier – natürlich nicht zu Fuß, sondern per Bus und Auto – ab Juni Massen von Fußballfans von einem Austragungsort zum anderen wechseln und dabei die Grenze passieren. Drei Achtelfinalspiele finden in Lviv statt, in der Viertelfinalszeit vom 20. bis 24. Juni wird ein großes Hin und Her erwartet.

Dabei ist ein Dilemma zu lösen: Die Polen sind nach den Auflagen Brüssels angehalten, den Schengenraum zu schützen. Nun soll die Grenze dem großen Fußballfest aber keine allzu ärgerlichen Steine in den Weg legen.

Die Szenerie am Grenzübergang wirkt alles andere als einladend: Neben dem käfigartigen Zugang zur polnischen Grenze liegen auf der westlichen Seite Unrat und Müll herum. Tausende Ukrainer passieren hier zu Fuß die Grenze, Güter in Gepäckwagen karrend. Die Zeiten des großen Grenzhandels sind seit Schengen vorbei. Anwohnende Ukrainer dürfen nur eine Flasche Schnaps und zwei Packungen Zigaretten über die Grenze schaffen. Die ukrainische Rentnerin mit Mohairmütze und Goldzähnen, die anonym bleiben will, macht dies täglich: Umgerechnet ein bis zwei Euro kann sie so pro Tag verdienen – „für meine Enkel in Lviv". Eine polnische Witwe ist nur an die Grenze gekommen, um einen Bekannten zu treffen – für sie lohnt sich mit umgerechnet 180 Euro Rente der Handel nicht mehr.

„Sind vorbereitet“

Die Offiziellen der Grenze sind besser gestimmt. „Wir sind vorbereitet", meint Major Robert Inglot, Vize-Kommandant des polnischen Grenzschutzes beim Gespräch im neu errichteten Grenzschutzgebäude. Geplant sei eine gemeinsame Kontrolle von Zoll und Grenzschutz beider Länder auf polnischer Seite. Auf dem „grünen Korridor", einem separaten Streifen, sollen die Fußballfans möglichst schnell abgefertigt werden.

Doch es bleiben offene Fragen. Unklar ist etwa, woran Fans zu erkennen sein sollen. Eine Eintrittskarte brauchen sie ja nicht unbedingt, schließlich fahren viele nur zum Public Viewing. Auch hält die monopolistische UEFA den polnischen Zoll an, nach Raubkopien von Fanartikeln zu suchen – das kann aufhalten. Mit dem Auto kann die Wartezeit gelegentlich bis zu acht Stunden betragen.

Auf ukrainischer Seite scheint die Zeit ein wenig stehen geblieben zu sein: Die Zoll- und Grenzschutzgebäude sind kleiner als auf Schengen-Seite, und Oberleutnant Vitali Arnoldowitsch Hofnong trägt die großflächige Offiziersmütze, die an die Sowjetzeit erinnert. Es werde Sanitäts- und Informationspunkte auf ukrainischer Seite geben, berichtet er. Seit Anfang letzten Jahres übe man intensiv Englisch, zudem sorgten die Ukrainer am Übergang Medyka/Scheginy generell für eine flotte Abwicklung: „Etwa 20 Sekunden pro Fußgänger und zwei, drei Minuten pro Auto", so Hofnong. Ein Seitenhieb gegen die polnischen Kollegen.

Doch was die Straßenbeschaffenheit betrifft, erscheint die Ukraine deutlich weniger gastfreundlich. In Scheginy und darüber hinaus ist die E 40 mit Schlaglöchern übersät. „Wir erhielten die Anweisungen, dies zu ändern, doch haben wir kein Geld dafür", erklärt Gemeindevorsteher und Volksschuldirektor Stepan Jurijowitsch Paraska. „Mehr als die Hälfte der Menschen hier hat keine Arbeit", ergänzt Luba Debera, die im Restaurant des Dorfes die Bücher führt. Bis sie die topmodernen Stadien und Fan-Zonen erreichen, lernen die motorisierten Fußballfreunde die Gastgeberländer jedenfalls von deren ungeschminkten Seite kennen.