Sport | Fußball
05.12.2011

Paul Scharner, der Dauerrenner

Paul Scharner startet am Sonntag mit West Bromwich bereits in seine siebente Saison in der englischen Premier League.

Paul Scharner und seine Frisuren - eine haarige Angelegenheit. Immer wieder überraschte der 31-jährige Niederösterreicher mit neuen Farben und Schnitten. Doch vor dem Start in seine bereits siebente Premier-League-Saison am Sonntag gegen Meister Manchester United sagt der Legionär von West Bromwich: "Dieses Thema ist für mich erledigt. Nur wenn es die Fans unbedingt wollen, gibt es vielleicht noch einmal den bunten Paul."

Der "bunte Paul" war kein reines Spaßprojekt. Scharner ist ein Mann mit großem Sendungsbewusstsein und verpackte Botschaften in seine Färbungen. Einmal trug er die Haare Rot-Blau, um zu zeigen, dass er sich für Österreich (Rot) genauso engagiert wie für seinen damaligen Klub Wigan (Blau). Die Kombination Schwarz-Weiß sollte auf das traditionelle Schwarz-Weiß-Denken in seiner Heimat, im besonderen im Fußball, aufmerksam machen.

Noten & Misstöne

Heute vertraut der Defensivallrounder auf seine Naturfarbe, trägt seine Ansichten aber dennoch offensiv vor. Der 35-fache Teamspieler musste gegen die Slowakei wegen einer Reizung der Achillessehne passen, sah das 1:2 im TV und stellt im KURIER-Gespräch fest: "Wenn Verteidiger Fehler machen, werden sie öffentlich zerlegt. Wenn die Offensiven ihren Job nicht machen, weil sie keine Tore schießen, bekommen sie trotzdem die besten Noten. Das ist unfair."

Scharner machte es sich und seinen Trainern nie leicht. Eine verweigerte Einwechslung im rechten Mittelfeld kostete ihn unter Joachim Löw den Platz bei der Austria. Peter Pacult wollte ihn zum FC Kärnten holen und erzählte nach einer Vertragsverhandlung: "Scharner war sich nicht sicher, ob er als Einzelsportler in den Winterbereich wechselt. Was soll ich mit so einem?" Und Teamchef Josef Hickersberger richtete er ausgerechnet in der EURO-Vorbereitung aus, dass er lieber nicht mehr im Team spielt.

Fehler & Feinde

Scharner steht nicht an, von "Fehlern" zu sprechen und wie sehr er sich seither entwickelt habe. Scharners ausgeprägter Eigensinn hat Probleme und Feinde bereitet, ohne der kämpferischen, bis zur Selbstausbeutung gehenden Einstellung wäre die außergewöhnliche Karriere aber gar nicht möglich gewesen. Denn vom Talent erschlagen wurde der Purgstaller nicht.

Unterstützt wurde der dreifache Familienvater stets von Mentalbetreuer Valentin Hobel, der sich auch um Skistar Kathrin Zettel kümmert. "Die ersten vier Jahre in England waren harte Arbeit. Der Fokus lag immer auf der Persönlichkeitsentwicklung. Mittlerweile ist Paul im zwölften Jahr unserer Zusammenarbeit so weit gereift, dass er mich nur noch manchmal für die Spielvorbereitung benötigt", erklärt Hobel, der 2010 wegen einer Multiorgan-Entzündung mit dem Tod kämpfte. "Valentin musste sich zurücknehmen und sein Leben komplett umstellen. Geblieben ist eine Freundschaft fürs Leben", erzählt Scharner, der bereits über seine Karriere hinaus plant.

"Ich bin mein eigener Unternehmer und habe mit Wolfgang Pitschko den ersten Angestellten meiner Firma 'Scharner bewegt'. Dieser 'Personal Assistant' hilft mir etwa bei der Konzeption für den jährlichen 'Aktionstag'." Die 72 ausgewählten Kinder zwischen sieben und 14 Jahren wunderten sich, als Scharner neben Fußball- auch Jonglier-Übungen vorzeigte: "Durchs Jonglieren werden zusätzliche Kapazitäten im Gehirn freigesetzt."

Hirn & Herz

Mit Hirn trieben Scharner und Hobel auch die Verträge in die Höhe. Ohne fixe Bindung an einen Spielermanager wurde in Wigan mit jedem Vertrag das Verdienst höher. Der Jackpot gelang Österreichs bestverdienendem Fußballer 2010 mit dem Wechsel zu West Bromwich - als Top-Verdiener, der zu sieben ausgewählten Spitzenklubs ablösefrei wechseln dürfte.

Für den Erfolg nimmt Scharner vieles in Kauf. Etwa, dass seine Familie im Haus in Warrington nahe Wigan geblieben ist, während er in den Trainingswochen in Birmingham lebt. "Nach der Karriere geht's in die Heimat. Aber ein Jahrzehnt Premier League will ich schaffen. Das wär' für einen Österreicher schon was."

Mehr zum Thema

  • Hauptartikel

  • Hintergrund

  • Analyse

  • Hintergrund