Mattersburg steigt ab
Kopfschütteln traf auf Ekstase, Euphorie wechselte sich ab mit Ernüchterung. Im packenden Abstiegskampf der Bundesliga wurde in den letzten 90 Minuten die Tonleiter der Emotionen noch einmal rauf und runter gespielt. Kaum wähnte sich ein Team in Sicherheit, da wurde es auch schon wieder brenzlig.
Offensivbekenntnis
Die Admira hatte sich mit dem Sieg gerettet. Als man vom 2:0 der Wolfsberger erfahren hatte, wollten die Südstädter das 0:0 halten, sie spielten in die Breite. „Aber der Trainer hat uns gesagt, dass wir auf Sieg spielen müssen“, sagte Issiako Ouedraogo nach dem Spiel. Der Trainer, Dietmar Kühbauer, sollte recht behalten.
In Wolfsberg schien die Messe bereits gesungen: 18 Minuten vor dem Saisonende standen die Innsbrucker bereits mit fast zwei Beinen in der zweiten Liga. 0:2 zurück, dazu ein Team, das zwar aufopfernd kämpfte, dabei allerdings ziemlich ratlos wirkte und die Kärntner kaum in Bedrängnis bringen konnte. „Viele hätten nicht mehr auf uns gesetzt“, schmunzelt Julius Perstaller, der zum Tiroler Überlebensretter werden sollte. „Aber das hatten wir in dieser Saison ja schon öfter.“
Herzkasperl
Dass die Innsbrucker trotz aller Widerstände und Rückschläge den Klassenerhalt noch geschafft haben, ist vor allem das Verdienst des Jungtrainers, der als Motivator sein Team auch in den bittersten Stunden noch stark redete. In Wolfsberg wurden die totgesagten Innsbrucker durch den Anschlusstreffer von Perstaller (72.) noch einmal zum Leben erweckt. Dass am Ende ausgerechnet Perstaller mit seinem spektakulären 3:2 (78.) zum Helden wurde, ein Edeljoker, der bei Wacker keinen Vertrag mehr erhält, spricht für die Moral der Mannschaft.
Feuchtgebiet
In Mattersburg war der Admira-Trainer tief bewegt, er kämpfte mit den Tränen. „Natürlich freue ich mich, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Aber ich habe Mitleid mit Mattersburg-Obmann Martin Pucher, der so viel für den Verein gemacht hat.“ Kühbauer drückte auch Pucher gegenüber seine Fassungslosigkeit aus. „Ich bin tief betroffen. Vor allem, weil andere Klubs keine Courage gezeigt haben. Hinten raufst du ums Überleben, vorne wirst du nach einem 0:3 mit dem Europacup belohnt.“
Während die Mattersburger Spieler fassungslos auf dem Feld herumlagen, blieb Pucher ruhig. 1988 hat er den Verein in der fünften Leistungsklasse übernommen. „27 Jahre habe ich es geschafft, nicht abzusteigen. Irgendwann erwischt es scheinbar jeden.“ Zur Zukunft von Mannschaft und Trainer wollte er nichts sagen. „Wir müssen uns sammeln und die richtigen Schlüsse ziehen. Das Team wird sicher ein anderes Gesicht haben.“ Der Großteil der Spieler hat – mit Abschlägen – Verträge für die Erste Liga.
Es war nichts für schwache Nerven. Sturm goes Europa. Im Finish der Meisterschaft sicherten sich die Grazer trotz eines 0:3-Heimdebakels gegen Wiener Neustadt den letzten verbleibenden Platz, der den Zutritt auf die internationale Bühne gewährt. Aber nur, weil Wolfsberg einen 2:0-Vorsprung gegen Innsbruck vergeigte und 2:3 verlor.
Diese Klubs vertreten den österreichischen Fußball somit in der kommenden Saison: Austria und Salzburg in der Champions-League-Qualifikation, Rapid, Pasching und eben auch Sturm in der Qualifikation für die Europa League.
So kam es zu dieser Entscheidung:
15.45 Uhr, Hütteldorf: Rapid ist vor dem Spiel schon fix für den
Europacup qualifiziert und verabschiedet mit Stefan Kulovits, Markus Katzer und Markus Heikkinen insgesamt 32 (!) Saisonen im Rapid-Dress.
Tatort Wien
16. 22 Uhr, Hütteldorf: Rapid schießt das erste Tor des Nachmittags durch Louis Schaub. Der 18-Jährige erzielt gegen Ried seinen ersten Bundesliga-Treffer.
Tatort Graz
16.29 Uhr,
Graz: Rückschlag für Sturm, denn Wiener Neustadt geht durch Pollhammer in Führung, was wiederum bedeutet: Wolfsberg überholt ohne eigenes Zutun die Grazer dank der besseren Tordifferenz.
Tatort Wolfsberg
Knapp vor der Pause dann der Knalleffekt – 16.46 Uhr: 1:0 für Wolfsberg. Liendl schießt an die Stange, der Abpraller trifft Topcagic, von dem der Ball über die Linie kullert.
Pause: Wolfsberg liegt aktuell zwei Punkte vor Sturm, Ried ist so gut wie ohne Hoffnung im Kampf um die europäische Bühne.
Tatort Wien
17.06 Uhr, Hütteldorf: Zweiter Sonntagsschuss von Jung-Rapidler Schaub. Mit diesem Treffer zum 2:0 für Rapid ist das Unternehmen Europa für Ried gescheitert.
Tatort Wolfsberg
17.08 Uhr: Wolfsberg im Freudentaumel. Stückler erhöht mit seinem ersten Bundesliga-Tor auf 2:0 für die Kärntner, die damit das Flugticket nach Europa schon in der Hand halten.
Tatort Graz
17.19 Uhr: Daniel Offenbacher, der zu Sturm wechselt, trifft zum 2:0 für Wr. Neustadt. „Wir haben die Schnauze voll“, riefen lautstark die Sturm-Fans.Völlig zu Recht.
Tatort Graz
17.25 Uhr: 3:0 für Wr. Neustadt durch Rauter. Sturm löst sich endgültig auf.
Tatort Wolfsberg
17.20 Uhr: Innsbruck lebt – Perstaller verkürzt auf 1:2.
Tatort Wolfsberg
17.33 Uhr: Innsbruck gleicht durch Schilling aus, allerdings ging dem ein Abseits voraus. Noch ein Gegentor, und Wolfsberg ist doch nicht mehr im
Europacup.
Tatort Wolfsberg
17.37 Uhr. Das Unglaubliche wird doch noch Realität: Perstaller bringt Innsbruck in Führung, 3:2! Wolfsberg vergeigt den
Europacup innerhalb weniger Minuten.
Tatort Wien
17.45 Uhr: Boyd erhöht auf 3:0 für Rapid.
Sturm ist trotz eines desaströsen Auftritts auf Platz vier in der Endabrechnung – und im Europacup.
Salzburg gegen Austria hätte der große Schlager der letzten Runde der Saison 2012/’13 werden sollen. Das Duell der beiden besten österreichischen Mannschaften war aber schlussendlich das einzige Sonntagsspiel, in dem es um nichts mehr ging: Die Wiener hatten schon am Mittwoch den Titel fixiert.
Vier Tage vor dem Cup-Finale gegen Pasching rotierte Austria-Trainer Stöger entgegen seiner üblichen Gepflogenheiten und tauschte alle vier Offensivspieler aus. Bei Salzburg gab es ein überraschendes Debüt: Der deutsche Nachwuchsteamkeeper Dähne ersetzte den angeschlagenen Gustafsson.
Der entthronte Titelverteidiger war die dominierende Mannschaft. Eine Chance nach der anderen wurde allerdings vergeben – bis zur 39. Minute, da war Mané per Kopf nach einer Schiemer-Vorlage zur Stelle – 1:0.
Erst nach dem Rückstand wurde die Austria gefährlich. Der 19-jährige Dähne bewies im Duell mit Kienast allerdings sein Talent (41.).
Wechselspiele
Nach dem Wechsel brachte Stöger mit Gorgon, Jun und Hosiner drei offensive Stammkräfte. Tore schossen aber die Salzburger: Mané (75.) und Sekagya (83.) fixierten mit dem 3:0-Endstand die erste Auswärtspleite des Meisters im 18. Spiel und verhinderten einen violetten Rekord.
Vor dem Spiel gab es ein Ballyhoo: Die Austria-Spieler hatten den Meisterteller mitgebracht und waren damit schon zum Aufwärmen eingelaufen. Co-Trainer Schmid hatte (wegen einer verlorenen Wette) eine Lederhose an und ließ sich von den Austria-Fans abfeiern. Der entthronte Titelverteidiger stellte sich beim Konkurrenten zwar mit einem violetten Blumenstrauß ein, aufs Spalierstehen für den neuen Meister wurde aber verzichtet. Die Titelkampf war von gegenseitigem Respekt geprägt – aber leider nur bis Samstag.
Red Bull
Salzburg -
Austria Wien 3:0 (1:0)
Salzburg, Red-Bull-Arena, 13.075, SR Krassnitzer.
1:0 (39.) Mane
2:0 (75.) Mane
3:0 (83.) Sekagya
Salzburg: Dähne - Schwegler, Sekagya, Schiemer, Svento - Kampl, Hierländer, Berisha (87. Teigl), Mane (88. Nielsen) - Alan (66. Ilsanker), Soriano
Austria: Lindner - Dilaver, Rogulj, Ortlechner, Suttner - Holland, Mader - Stankovic (63. Jun), Barazite (57. Gorgon), Simkovic - Kienast (72. Hosiner)
Gelbe Karten: Alan bzw. Kienast, Holland, Dilaver, Simkovic, Suttner, Rogulj, Ortlechner
Die besten Spieler: Sekagya, Berisha, Mane, Soriano bzw. Lindner, Ortlechner, Holland
SK Rapid Wien -
SV Ried 3:0 (1:0)
Wien, Hanappi-Stadion, 12.200, SR D. Ouschan.
1:0 (20.) Schaub
2:0 (49.) Schaub
3:0 (88.) Boyd
Rapid: Novota - Trimmel, Heikkinen, Pichler, Katzer (90. Denner) - Kulovits (92. M. Hofmann), Wydra - Sabitzer, Schaub, Starkl (74. Bajrami) - Boyd
Ried: Gebauer - Hinum, Reifeltshammer, Karner, A. Schicker - Ziegl - Walch, Zulj, Gartler, Meilinger (66. Möschl) - Hammerer (58. Vastic)
Rote Karte: Heikkinen (92./Tätlichkeit)
Gelbe Karten: Boyd, Schaub bzw. Karner, Meilinger, Zulj
Die Besten: Schaub, Boyd, Kulovits bzw. Zulj
SK Sturm Graz –
SC Wiener Neustadt 0:3 (0:1)
UPC-Arena, 8.679, SR Schüttengruber.
0:1 (29.) Pollhammer
0:2 (63.) Offenbacher
0:3 (68.) Rauter
Sturm Graz: Gratzei - Ehrenreich (43. Kocijan), Balen, Feldhofer, Klem (17. Ervin Bevab) - Koch (64. Ciftci), M. Weber - Ranftl, C. Kröpfl, F. Kainz - Okotie
Wr. Neustadt: Siebenhandl - Pollhammer, Ramsebner, Mimm, Martschinko - Hlinka - Rauter, Wolf (58. Rakowitz), Offenbacher (72. Freitag), Hofbauer - T. Fröschl (82. Friesenbichler)
Gelbe Karten: Koch, Weber bzw. Offenbacher, Hlinka
Die Besten: Kröpfl bzw. Offenbacher, Martschinko
SV
Mattersburg -
FC Admira Wacker Mödling 0:1 (0:0)
Mattersburg, Pappelstadion, 8.000 Zuschauer, SR Schörgenhofer.
0:1 (72.) Segovia
Mattersburg: Borenitsch - Farkas (86. Pöllhuber), Majstorovic, Steiner, Mravac - Höller, Prietl, Lovin (83. Rodler), Röcher - Naumoski (61. Klemen), Bürger
Admira: Tischler - Weber, Schößwendter (89. Drescher), Ebner, Palla - Auer, Mevoungou, Schwab, Jezek - Ouedraogo (94. Sulimani), Segovia (81. Lackner)
Gelbe Karten: Bürger, Naumoski, Röcher, Mravac bzw. Weber
Die Besten: Borenitsch bzw. Tischler
Anmerkung: Mattersburg-Ersatzspieler Spuller sah wegen Kritik ebenfalls Gelb.
Wolfsberger AC - FC Wacker
Innsbruck 2:3 (1:0)
Wolfsberg, Lavanttal-Arena, 5.300 (richtig), SR Harkam.
1:0 (45.+1) Kofler (Eigentor)
2:0 (50.) Stückler
2:1 (72.) Perstaller
2:2 (75.) Schilling
2:3 (78.) Perstaller
WAC: Dobnik - Sollbauer, Jovanovic, Solano (80. Jakobo), Suppan - Kerhe, Hüttenbrenner (28. Liendl), Putsche, De Paula - Stückler (80, Rivera), Topcagic
Innsbruck: Safar - Bergmann, Siller, Svejnoha, Schilling - Kofler (53. Piesinger) - Schütz (66. Perstaller), Hinterseer, Saurer (56. Hauser), Wernitznig - Wallner
Gelbe Karten: Putsche, Stückler, Topcagic, Jovanovic bzw. Wallner, Saurer
Die besten Spieler: Stückler, Kerhe, Liendl bzw. Wernitznig, Perstaller, Svejnoha
Österreichischer Abstiegskampf nach dem großen Fußball-Finale. Jeder Vergleich wäre schwachsinnig und unfair, allerdings...
Nicht einmal 24 Stunden später findet man sich in einer völlig anderen Welt wieder. Champions-League-Finale versus Abstiegskampf in der österreichischen Bundesliga. Das wirkt wie die Faust aufs Auge, das verlangt das weitreichende Interesse für Hollywood- bis Heimatfilm.
Glamour, Starkult, viel Kunst und Künstlichkeit wurden vom oft rustikalen fußballerischen Handwerk abgelöst.Da unten geht’s nicht um die Zählbarkeit von Millionenbeträgen, dort wird gerangelt ums nackte Überleben.
Die sportliche Ebene als Grundlage für die finanzielle Daseinsberechtigung, die auf dem letzten Spiel stand. Am Tag nach dem Höhepunkt wurde jedenfalls eindrucksvoll ein logischer Unterschied vor Augen geführt.
Ein Vergleich, der natürlich in allen Belangen unfair ist. Aber einer, der hierzulande zumindest den Ehrgeiz anspornen sollte. Die Expedition in eine Glitzerwelt, die wenigstens davon abhalten muss, sich mit den Gegebenheiten in Österreich zufrieden zu geben.
Der aus himmelschreiender Unfairness gebastelte Spott soll ruhig jene treffen, die allzu gerne vorgaukeln wollen, in ihrer Bundesliga sei eh alles in Ordnung. Die Liga ist zu Ende, sie fand ihren verdienten Meister und sie hat eine Chance auf einen Neubeginn. Wieder einmal.
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