Sport | Fußball 25.12.2011

Koller: "Vielleicht kollert der Ball über die Linie"

© Bild: APA/ROLAND SCHLAGER

Interview: Marcel Koller spricht über das Leben in Wien, Preise für Konzertkarten und die Zukunft des Nationalteams.

Weil Marcel Koller erst im Jänner seine Wohnung bezieht, lebte er bis vor Weihnachten im Hotel Intercontinental am Wiener Stadtpark. Dieses Foyer war quasi sein Wohnzimmer. Das betrat der 51-Jährige, er erschien nicht.

Er hielt auch nicht Hof. Dazu fehlen dem Schweizer die Höflinge, die einige seiner Vorgänger hegten und pflegten, weil sie von denen umschwirrt wurden.

Koller hingegen gibt sich zurückhaltend, aber doch gesprächig. Er ist offen und freundlich, redet über seine neue Heimat, alte Gewohnheiten und seinen Tatendrang als erster Schweizer Cheftrainer des österreichischen Nationalteams.

KURIER: Sie werden im Jänner 2012 endlich Ihre eigenen vier Wände in der Wiener Innenstadt beziehen können. Das monatelange Leben im Hotel muss Ihnen ja schon zum Hals heraushängen ...
Marcel Koller: Na ja, wenn man so viel unterwegs ist wie ich, ist es im Hotel schon ganz angenehm. Das Frühstück ist einfach da, und man braucht sich um nichts zu kümmern. Auch nicht darum, ob im Kühlschrank etwas schlecht werden könnte.

Warum wurde es eine Wohnung in der Innenstadt und kein Haus im Grünen?

Meine Frau hat sich zirka 25 Wohnungen in Wien angeschaut. Wir wollten eher zentral wohnen. So sparen wir uns ein zweites Auto.

Und all Ihre persönlichen Sachen übersiedeln mit aus Zürich?
Nein, das tun wir uns erstmals nicht an. Deshalb haben wir uns auch für etwas Möbliertes entscheiden. Für Privates hab’ ich fast keine Zeit. Im Nachtkästchen liegen einige Bücher. Gelesen hab’ ich davon aber noch keine Seite.

Und Wien entspricht Ihren Vorstellungen?
Ich wusste, Wien ist eine schöne Stadt. Aber genau vorgestellt hab’ ich mir vorher nichts. Ein guter Weg übrigens, um keine Erwartung zu enttäuschen.

Wie präsentiert sich die Wiener Realität?
So viel hab’ ich bis jetzt noch nicht gesehen. Ich war auf den Christkindlmärkten im MuseumsQuartier und auf dem Rathausplatz, ein paar Mal habe ich mich in den Strom auf der Kärntner Straße eingeordnet. Wien ist architektonisch fantastisch. Ihnen wird das ja nicht mehr auffallen, aber ich sehe das alles noch mit den Augen eines Ausländers.

Wegen meines Umzugs war ich zwischendurch drei Tage in Zürich. Und ich hab’ mir gedacht: Da ist ja gar nix. Architektonisch, mein’ ich. Nichts von diesem kaiserlichen und königlichen Flair wie in Wien.

"Der eine oder andere Spieler in der Bundesliga kann sicher mehr machen."
© Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

Was steht demnächst auf Ihrer privaten Wunschliste?
Ich halt’ mich da an meine Frau. Die kennt sich schon besser aus in der Stadt. Mich interessieren besonders Musikveranstaltungen. Wir wollten uns die Wiener Sängerknaben und die Philharmoniker anschauen. Da hätt’ ich schon Karten bekommen. Zu einem Preis allerdings ... ich glaub’, da warte ich besser noch einen Monat.

Werden Sie erkannt auf der Straße?
Das kommt schon vor. Die Leute fragen manchmal nach einem Autogramm, muntern mich auf und sagen, ich soll mich nicht unterkriegen lassen. In Bochum ist es schon ab und zu vorgekommen, dass ich angepöbelt worden bin. Wahrscheinlich sind die Menschen im Ruhrpott einfach härter.

Sie haben also keinerlei Probleme mit der eigenartigen Wiener Mentalität?
Man hat mir vorher gesagt: Die sind nur zufrieden, wenn sie raunzen können. Also das ist mir jedenfalls noch nicht aufgefallen. Alle sind offen und positiv.

Und es wird auch immer wieder gute Ratschläge für Sie geben ...
Es gibt ja fast acht Millionen Teamchefs in Österreich. Viele wissen vielleicht nicht, was Abseits ist, aber sie wissen, wo das Tor ist oder sehen, wenn einer frei steht. Es ist immer so: Von der Tribüne sieht man immer mehr. Aber ich weiß da unten, was in den Spielern vorgeht. Und ich habe meine aktive Karriere im zentralen Mittelfeld verbracht. Da lernst du, was vor und hinter dir los ist.

Wird es neue Spieler im Nationalteam geben, mit denen man gar nicht rechnet?
Ich weiß ja nicht, mit welchem Spieler Sie rechnen. Der Fokus ist jedenfalls auf einige gerichtet. Über jeden werden jetzt schriftliche Aufzeichnungen gemacht, und es wird dementsprechend sortiert.

Ihre Eindrücke von der österreichischen Bundesliga?
Der eine oder andere Spieler in der Bundesliga kann sicher mehr machen. Das muss er erkennen und auch sein Klubtrainer von ihm einfordern. Es kann sein, dass man manchmal zu bequem wird. Das ist aber nicht nur in Österreich so.

Ein Problem, das mit der Mentalität zu erklären ist?

Nicht unbedingt. Aber natürlich herrscht beispielsweise in Deutschland ein anderes Niveau. Dort werden die Spieler Tag für Tag gefordert. Bei den Legionären bemerkt man diese Bissigkeit. Das ist klar, denn sie müssen sich in jedem Training durchsetzen.

Sie sind mit dem Schweizer System vertraut. Es hat sich in den letzten Jahren ausgewirkt, war erfolgreicher als das österreichische. Wo liegen die Unterschiede?
Natürlich hat die Schweiz einen Vorsprung im Fußball. Seit Jahren wird dort ein Konzept strikt umgesetzt. Aber an diese Sache geht man ja jetzt auch in Österreich heran. Die Hauptaufgabe bei der Ausbildung bleibt trotzdem bei den Vereinen. Man muss den Klubs eine Idee vermitteln, die sie umsetzten wollen und auch können.

"Die Färöer und Kasachstan schlagen – und das war’s? Das kann es wohl nicht sein."
© Bild: REUTERS

Haben die Schweizer Legionäre nicht vielleicht auch die höhere Qualität?
Find’ ich gar nicht. Sie spielen nicht bei den viel besseren Klubs. Okay, Inler, Lichtsteiner und Behrami spielen in Italien. Aber ist die italienische Liga besser als die deutsche? Und es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Bayern Alaba nicht verleihen wollen. Fuchs, Pogatetz, Arnautovic, Ivanschitz, Baumgartlinger, oder wie sie alle heißen, sie kommen zumindest zu ihren Einsätzen oder sind unbestrittene Stammspieler.

Apropos Marko Arnautovic. Was denken Sie von ihm, nachdem Sie mit ihm erstmals gearbeitet haben?

Er hat große Qualität, unbestritten. Qualität, die dem ganzen Team helfen kann. Das müssen wir ihm klarmachen. So einen Spieler kann man nicht einfach wegschicken, nur weil er sich unangepasst gibt. Ich muss ihn aber erst richtig kennenlernen, und ich will es auch mit ihm weiter versuchen. Ob es am Ende klappen wird, weiß ich noch nicht.

Ihr Debüt in der Ukraine wurde 1:2 verloren. Als Klubtrainer haben Sie die Zeit gehabt, eine Niederlage gemeinsam mit der Mannschaft zu verarbeiten. Wie haben Sie das als Teamchef gelöst?
Vor allem die Gegentore sind mir im Magen gelegen. Jetzt geht’s mir schon besser. Seit Anfang Dezember hab’ ich bis auf zwei Spieler alle persönlich besucht, ihr Auftreten analysiert, habe ihnen gesagt, was mir gepasst hat und was nicht. Anders geht so etwas als Trainer einer Nationalmannschaft nicht, weil ich sonst die Spieler drei Monate nicht sehen würde.

Was passt derzeit schon, was weniger?
Man muss berücksichtigen, dass wir nur eine Woche Zeit zur Vorbereitung hatten. Es war gut spürbar, wie sehr alle wollten, obwohl einige im Training zu hektisch waren. Im Spiel selbst wurden die Positionen gut gehalten. Unsere Vorstellungen wurden überraschend schnell aufgenommen und wiedergegeben.

Sie sind dabei vor der Mannschaft plötzlich in einem Brasilien-Trikot aufgetaucht, unterm Motto: Dort wollen wir hin. Sind von Ihnen noch mehrere derartige Motivationsschübe zu erwarten?
Leicht möglich. Aber woher wissen Sie denn diese Geschichte schon wieder? Wer hat sie aus der Mannschaft getragen?

Sie können doch nicht im Ernst glauben, dass so etwas geheim bleibt ...
Okay. Die Idee ist ganz kurzfristig entstanden. Deshalb war’s gar nicht so leicht, dieses Trikot zu organisieren. Ich habe den Spielern damit klar das große Ziel vor Augen geführt. Brasilien. Genau dort wollen wir hin. Zur Weltmeisterschaft 2014.

Man neigt hierzulande immer dazu, die Chancen einer WM-Teilnahme sehr gering einzuschätzen. Sie tun das anscheinend nicht?

Warum auch. Die Färöer und Kasachstan schlagen – und das war’s? Das kann es wohl nicht sein. Irland und Schweden sind schon ordentliche Brocken, Deutschland ist sowieso der große Favorit in unserer Gruppe. Aber Österreich hat beim 1:2 in Wien gezeigt, dass man das Zeug für eine Überraschung hat. Ja, wenn du Erster oder Zweiter werden willst, brauchst du außergewöhnliche Spiele. Vielleicht stehen einmal der Gomez oder der Klose nicht richtig, vielleicht kollert der Ball einmal über die Linie.

Erstellt am 25.12.2011