Sport | Fußball 05.12.2011

Kein Fußball-Land in Sicht

© Bild: apa

Ein Abschied von Teamchef Dietmar Constantini würde nicht alle Baustellen rund um das Nationalteam schließen.

Am Dienstag (20.45 Uhr/live ORFeins, KURIER.at-Ticker) stellt das Nationalteam im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei im Wiener Ernst-Happel-Stadion die Weichen für die Zukunft der Vorgesetzten.

Ganz gleich, wie das Spiel endet, die Diskussion um die Personalie Dietmar Constantini wird kein Ende finden. "Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für eine Teamchef-Diskussion", meinte Paul Scharner am Sonntag. "Es ist auch nicht der richtige Zeitpunkt, um langfristig zu denken."

Aber schon am Mittwoch werden der Teamchef und ÖFB-Präsident Leo Windtner unter vier Augen den Zustand des österreichischen Auswahlfußballs analysieren. Ab Mittwoch sollten sich dann auch Trainer, Spieler und Verband im Weitblick üben, immerhin bleibt nur noch ein Jahr, bis die nächste Qualifikation beginnt.

Seit 1998 wurde kein Großereignis wie EM oder WM auf sportlichem Wege erreicht. Fünf Mal in Folge ist die Nationalmannschaft schon gescheitert. Gewinnt Österreich am Dienstag nicht, dann ist das Team fix zum sechsten Mal durchgefallen.

Einer allein trägt nicht die Hauptschuld am Zustand der Stagnation im Nationalteam, doch viele kleine Baustellen ergeben einen steinigen Weg, der nie zum Ziel - einer Endrunde - führt. Zu ändern gibt es einiges, hier ein bundeshymnischer Erklärungsversuch:

Land der Teamchefs

Dietmar Constantini treibt auf der Spitze des Eisberges durch das Fußball-Meer. Er hat Fehler gemacht, stand selbst bei seinen Spielern in der Kritik, ließ bei der Auswahl seines Personals oft eine klare Linie vermissen. "Auf Legionäre in Top-Ligen sollte man nicht verzichten", sagt Paul Scharner. Auf den Namen Ivanschitz wolle er sich nicht festlegen, der sei ihm herausgerutscht.

Unter Constantini haben sich auch Stranzl, Ibertsberger, Garics und Manninger verabschiedet. Für einen Teamchef sollte die Kontaktpflege mit den Spielern ein wichtiges Gebot sein, während der Lehrgänge sollte das Hauptaugenmerk auf der Regeneration und auf der Taktik liegen.

Der Tiroler unterschätzte wohl auch die Außenwirkung seines Amtes und den Fokus der Medien, die seine Aussagen notierten, aufhoben und später mit seinen Handlungen verglichen. Aber es wäre falsch, alles an Constantini aufzuhängen, zumal andere dadurch einen Freibrief erhalten würden.

Land der Slalom-Asse

Wenn man dem Teamchef einen Zickzack-Kurs unterstellt, dann muss man selbiges auch ÖFB-Präsident Leo Windtner vorwerfen. Vor dem Spiel in Istanbul stellte er dem Teamchef die Rute ins Fenster, nach der 0:2-Niederlage stärkte er ihm gegenüber den Medien plötzlich den Rücken.

Erst Monate und viele Aufregungen später stellte er endlich klar: "Der Vertrag mit Constantini wird erfüllt."

Land der Sportdirektoren

In Deutschland, immer wieder als Vorbild gesehen, erstellen Sportdirektoren wie Matthias Sammer oder Teammanager wie Oliver Bierhoff einheitliche Konzepte für den gesamten DFB-Bereich. Im ÖFB gedeihen Kraut und Rüben, was die Nachwuchsarbeit betrifft. Da spielt jeder U-irgendetwas-Trainer die Taktik, die er will. Oder, wie man zuletzt am Beispiel Heraf gesehen hat, in jedem WM-Spiel eine andere Taktik.

In Österreich hatte man mit der Challenge '08 den Grundstein gelegt, nach der EURO blieb personell jedoch kaum ein Stein auf dem anderen. Jedem Schnitt folgt in regelmäßigen Abständen ein neuerlicher Aufbau.

Land der Mimosen

Manchen Teamspielern fehle es an der nötigen Selbstkritik, meint Teamspieler und England-Legionär Paul Scharner. "Klare Analysen helfen uns weiter. Dabei sollten alle offener für Kritik sein."

Ein Teamchef muss sich auf Spieler verlassen können, die nicht nur gerne zum Nationalteam kommen, sondern auch dann körperlich und geistig fit bleiben, wenn sie wieder einmal nicht in der Startelf stehen.

Land der Torhüter

Österreich hat seit 2002 sechs Mal gegen Deutschland gespielt, fünf verschiedene Tormänner waren dabei (Goriupp, Mandl, Manninger, Macho und zuletzt zwei Mal Gratzei). Österreich war einmal ein Land der Tormänner, hat aber derzeit auf dieser Position eine Krise.

Ganz anders zum Beispiel Deutschland, wo talentierte Jung-Goalies scheinbar an allen Ecken und Ende zu finden sind. "Das ist aber kein Zufall", sagt Jens Lehmann, ehemaliger Teamtormann. "2004 hat Jürgen Klinsmann mit Andreas Köpke ein Konzept erarbeitet, was der Tormann der Zukunft können muss." Jetzt drängen hinter Manuel Neuer (22) weitere Junge nach. Lehmann: "Weil dieses Konzept auch umgesetzt worden ist. Das Ganze kam zehn bis 15 Jahre zu spät - zu meinem Glück."

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Erstellt am 05.12.2011