Sport | Fußball 18.01.2013

Kavlak: "Keine Ausreden mehr"

epa03394576 Germany's Mesut Oezil (L) in action against Austria's Veli Kavlak (R) during the FIFA World Cup 2014 qualifying socc… © Bild: APA/HELMUT FOHRINGER

Besiktas-Legionär Veli Kavlak über türkische Besonderheiten, Geld und die Ziele im Nationalteam

Heute beginnt die Rückrunde der „SüperLig“ in der Türkei. Veli Kavlak ist mit Besiktas als Zweiter am besten von den sieben österreichischen Legionären unterwegs. Der in Wien geborene Sohn türkischer Eltern ist in Istanbul gereift. Im KURIER-Interview spricht der 24-jährige Mittelfeldspieler Klartext.

KURIER: Als Sie im Sommer 2011 zu Besiktas gewechselt sind, haben Sie sich um Ihre Türkisch-Kenntnisse gesorgt. Wie geht es Ihnen sprachlich?
Veli Kavlak:
Viel besser. Ich tu’ mir bei Interviews in der Türkei leichter und kann mich auch in der Mannschaft besser unterhalten.

Sie haben in der Türkei keinen Legionärsstatus. Wurden Sie dennoch wie ein Ausländer empfangen?
Ja. Ich werde noch immer „Der Österreicher“ gerufen. Am Anfang bekam ich eine Bankomatkarte und sollte bei der Bank telefonisch die Details klären. Ich habe aber kein Wort verstanden. Ohne die Hilfe anderer wäre es am Anfang nicht gegangen.

Leben Sie alleine?
Ja, aber die Tante und der Onkel aus Izmir kommen immer wieder zu Besuch, um mir zu helfen. Istanbul als Stadt hat ja jeden einzelnen Tag Stress. Das habe ich zu Weihnachten beim Urlaub in Wien schön gefunden: Du gehst auf die Straße und siehst kaum Autos.

Was haben Sie sportlich in der Türkei gelernt?
Das Umgehen mit dem Druck und der riesigen Erwartungshaltung. In meinem ersten Monat haben wir in der Europa League gegen Tel Aviv 5:1 gewonnen, und schon haben die Fans vom Europacup-Sieg gesprochen. Wenn es nicht läuft, bekommen es durch die Unruhe der Fans einige mit den Nerven zu tun.

Andererseits wurde Besiktas von der UEFA im Sommer vom Europacup ausgesperrt. Gibt es Finanzprobleme?
Es kommt immer wieder vor, dass man auf Gehälter warten muss. Wenn es zwei Monate Verspätung gibt, kommt dafür im dritten alles auf einmal. Und das zählt.

Wie erleben Sie die berüchtigten türkischen Medien?
Viele schreiben munter drauf los. Seit ich hier bin, wurden zwei Spieler als fixe Einkäufe vermeldet, sie sind aber nie zu uns gekommen.

Rechnen Sie im Frühjahr wieder mit einem Stammplatz wie in Ihrer ersten Saison?
Das ist jeden Tag ein harter Kampf. Wir spielen im Zentrum zu dritt, dafür gibt es fünf Kandidaten.

In welchem Bereich haben Sie sich am meisten verbessert?
(denkt lange nach). Am Anfang waren Spieler wie Guti oder Fabian Ernst auf meiner Position gesetzt, und ich bin trotzdem in einem Jahr auf 45 Spiele gekommen. Weil der damalige Trainer Havutcu in mir einen Box-to-Box-Player gesehen hat, der sich reinsteigern kann. Daran wächst man. Nur zählt in der Türkei das Vergangene nicht. Es geht nur ums Heute. Darum muss ich immer an meine Grenzen gehen.

Im Nationalteam dürfen Sie jetzt ebenfalls im Zentrum spielen. Ihr Rapid-Trainer Peter Pacult hat hingegen immer gemeint, Sie gehören an die Flanke. Sind Sie daran verzweifelt?
Der Trainer Pacult war dieser Meinung, aber das Zentrum war immer meine Position. Das habe ich jetzt auch bewiesen. Bei Besiktas wurde als Erstes zu mir gesagt: „Du hast an der Flanke nichts zu suchen.“

Ihr früherer Rapid-Kollege Tanju Kayhan wurde zu Mursin verliehen. Warum hat es bei ihm nicht so funktioniert?
Tanju hatte sich eigentlich durchgesetzt. Dann kam eine schwere Schulterverletzung. Und der neue Trainer erklärte, dass er nicht mit Tanju plant. Das geht hier schnell – plötzlich musst du sogar alleine trainieren.

Sie sind schon seit acht Jahren Profi und verdienen gut. Wie gehen Sie mit Geld um?
Ich bin froh, dass ich jetzt zum ersten Mal richtig gutes Geld verdiene. Aber was ich so höre über Summen, die Junge in der Türkei verdienen können, ist schon arg. Ich verstehe jetzt junge Spieler, die komplett den Boden unter den Füßen verlieren, wenn sie aufs Konto schauen.

Stimmt es, dass Sie Ihren Bart tragen, um auf dem Rasen mehr Respekt zu bekommen?
Nein. Ich war nur faul mit dem Rasieren. Und dann haben viele gesagt: „Veli, das schaut wirklich gut aus.“

Stammgast: Teamchef Marcel Koller (re.) setzt im Team auf Veli Kavlak im Zentrum des Mittelfelds
APA9331656-2 - 05092012 - WIEN - ÖSTERREICH: ZU APA-TEXT SI - Teamchef Marcel Koller und Veli Kavlak am Mittwoch, 5. September 2… © Bild: APA/ROBERT JAEGER
Was möchten Sie in Ihrer Karriere noch erreichen?
Auf jeden Fall mit Besiktas in der Champions League spielen. Und dann fehlt mit dem Team ein Großereignis. Ich will nicht aufhören, ohne bei einer WM oder EM gespielt zu haben.

Ist es auch Ihr Ziel, im Nationalteam im Zentrum neben David Alaba einen Fixplatz zu haben?
Ich gebe natürlich mein Bestes. Aber wir haben mittlerweile 20 gute Spieler, die um ihren Platz kämpfen. Jetzt kommen ja die richtigen Spiele für uns: Wir fokussieren uns auf Schweden und Irland. Ohne Erfolg in diesen Partien wird es mit der WM in Brasilien nichts. Jetzt gibt’s keine Ausreden mehr.

Erstellt am 18.01.2013