Kartnig als Meister aller Kassen

Freund des Hauses: Kartnig hatte stets ein Herz für den ORF.
Foto: Kristian Bissuti

Wie der Ex-Sturm-Präsident den ORF betrogen haben soll. Und für welche Auftritte der Medienliebling kassierte.

Eines muss man Hannes Kartnig lassen: Er prägt nun schon seit zwei Jahrzehnten den Fußball. Erst als wortgewaltiger Sturm-Präsident im internationalen Höhenrausch. Dann als unfreiwillig komischer Hauptangeklagter im bis dato aufsehenerregendsten Kriminalfall der österreichischen Fußball-Geschichte.

Ohne Kartnig wären zwar zahlreiche Sturm-Gläubiger reicher, der Fußball allerdings ärmer an Anekdoten, die den bald 60-Jährigen zum Wuchtel-Akrobaten, zur Wahn-Witz-Figur werden ließen.

Das Problem ist nur: In einem Strafprozess zählen Charme und Schmäh nicht zu den entscheidenden Kategorien. Bewertet werden nackte Fakten, die vor allem einen Strahlemann ziemlich bloßstellen können.

Vorwurf

Hannes Kartnig und der ORF, das war stets ein Ball für zwei, ein Doppelpass, der bisweilen bis ins Private reichte. Umso bemerkenswerter, dass der Staatsanwalt dem angeklagten Ex-Präsidenten nun auch vorwirft, den ORF schwer betrogen zu haben. Um 68.654 Euro.

Der Hintergrund: Laut Vertrag vom Juli 2004 mietete Sturm eine sogenannte "Übertragungsanlage", die im Grazer Stadion montiert und im Besitz des ORF war. Der ORF hatte unmittelbar davor in einem spektakulären Poker die Bundesliga-Rechte an Premiere (heute Sky) verloren. Um den Ball bei Premiere rollen zu lassen, bedurfte es der Anmietung des technischen Equipments durch die Vereine.

Der Staatsanwalt wirft Kartnig in seiner 242-seitigen Anklageschrift, die dem KURIER vorliegt, nun konkret vor, den "Verantwortlichen des ORF bei Unterfertigung dieser Vereinbarung" verschwiegen zu haben, "dass der SK Sturm Graz bereits zahlungsunfähig war." Conclusio: Dem ORF sei ein "Vermögensschaden in der Höhe von zumindest 68.654,74 Euro" entstanden. Der Betrag wurde tatsächlich nie bezahlt.

Kartnig bestreitet alle Vorwürfe - für ihn gilt selbstredend die Unschuldsvermutung. Besonders bemerkenswert: Die gebührenfinanzierte öffentlich-rechtliche Anstalt hat - im Gegensatz zu anderen Gläubigern - nie Anstalten gemacht, für den Fall einer Verurteilung Kartnigs Schadenersatz zu verlangen. Bei der Einvernahme des zuständigen ORF-Juristen gab dieser vor den Ermittlern zu Protokoll: "Ich werde darauf aufmerksam gemacht, dass der Anschluss als Privatbeteiligter an das Strafverfahren möglich ist. Dazu gebe ich an, dass ich mich im Namen der Firma ORF dem Strafverfahren als Beteiligter nicht anschließe."

Eigenartig. Warum gibt der chronische klamme ORF in diesem Fall den edlen Spender? Weshalb drückt man auf dem Küniglberg angesichts der Kartnig'schen Fußball-Talfahrt ein Auge zu? Welche Mitglieder der Geschäftsführung haben dem Grazer Freund des Hauses die Absolution erteilt? Dazu teilt der ORF mit: "Es wurde von den Juristen autonom entschieden, sich vorerst nicht zu beteiligen. Wir prüfen aber noch. Bis September haben wir die Möglichkeit."

Honorare

Doch es gibt weitere Auffälligkeiten in der langjährigen Beziehung zwischen Kartnig und dem Küniglberg: Laut Staatsanwalt hat der Sturm-Boss (er verdient laut eigener Aussage 100.000 Euro pro Monat) in seiner medialen Hoch-Zeit für sein Erscheinen mitunter persönliche Honorare kassiert, obwohl auf seiner breiten Präsidentenbrust zumeist ohnehin ein Werbepickerl klebte.

Konkret: 1960 Schilling für ein Interview in "Sport am Sonntag" (1998); 5000 Schilling für einen Auftritt in "Sport am Sonntag" (2001); 1000 Euro für einen Frühschoppen in Öblarn (2002); 1102 Euro für die Teilnahme an der Quizsendung "Wahre Freunde."

Eine Praxis, die den ORF heute bass erstaunt. Man zahle nämlich bei "Sport am Sonntag" nur Aufwandsentschädigungen, verlautet der Unternehmenssprecher. Auch langjährige Fußball-Präsidenten wundern sich über die Sonderbehandlung des einstigen Kollegen. "Mir wurde seitens des ORF nie ein Honorar angeboten", erklärt etwa Rudolf Edlinger, seit dem Jahr 2000 Klubchef von Rekordmeister Rapid. "Und wenn, dann hätte ich die Konto-Nummer des Rapid-Nachwuchses oder des St.-Anna-Kinderspitals bekannt gegeben."

Edlinger war im ORF - im Gegensatz zu Hannes Kartnig - auch nicht immer wohlgelitten. Als die Bundesliga-Fernsehrechte 2004 exklusiv zu Premiere wanderten, meinte der damals unterlegene, gewichtige ORF-Chefverhandler: "Rudi, wenn du noch einmal im ORF vorkommen willst, musst du nackt vom Donauturm hüpfen ..."

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(kurier) Erstellt am
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