Adenor Leonardo Bacchi ist neuer Trainer Brasiliens.

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Sport | Fußball
06/21/2016

Hartes Stück Arbeit für Brasiliens neuen Trainer

Adenor Leonardo Bacchi, kurz Tite, soll Brasilien zu alter Stärke führen.

Tite weiß, was es braucht, um die brasilianische Fußball-Nationalmannschaft in der aktuellen Situation zu übernehmen. „Man muss Mut haben“, sagte der neue Trainer der „Selecao“ bei seiner Vorstellung am Montag (Ortszeit). Das Gruppen-Aus bei der Copa America war blamabel und kostete seinen Vorgänger Carlos Dunga den Job.

Und das demütigende 1:7-Halbfinal-Debakel gegen Deutschland bei der Heim-WM vor zwei Jahren droht sogar für längere Zeit das letzte WM-Spiel der Brasilianer zu bleiben. Denn die nächste Weltmeisterschaft 2018 in Russland könnte erstmals ohne den Rekordweltmeister stattfinden. „Die Gefahr besteht“, gestand Tite bei seiner Präsentation, denn Brasilien ist aktuell nur Sechster in der südamerikanischen WM-Qualifikation.

Jagd nach Olympia-Gold

Adenor Leonardo Bacchi, genannt Tite (ausgesprochen: „Tschietschi“), kann eigentlich nur verlieren, zumal mit den Olympischen Sommerspielen in Rio de Janeiro ein möglicher Lichtblick ohne ihn stattfindet. Brasiliens Fußball-Verband (CBF) berief für das olympische Turnier den bisherigen Coach der U20-Auswahl, Rogerio Micale, als Cheftrainer. Bei den Spielen in der Heimat im August will Brasilien erstmals olympisches Gold im Fußball gewinnen. Superstar Neymar verzichtete dafür auf die Kontinentalmeisterschaft, die derzeit in den USA ausgetragen wird.

Um Neymars Status wird sich auch eine der ersten großen Entscheidungen von Tite drehen. Mehrere brasilianische Fußball-Legenden haben sich dafür ausgesprochen, den Star vom FC Barcelona als Kapitän zu ersetzen. „Wenn ich Trainer wäre, würde ich Neymar bitten, dem Trainer die Kapitänsbinde zurückzugeben“, sagte Carlos Alberto, Kapitän der legendären Weltmeistermannschaft von 1970, im brasilianischen Fernsehen.
„Es gibt Leute, die geboren werden, um zu kommandieren, anzuführen und eine solche Verantwortung zu übernehmen“, hatte am Sonntag der ehemals weltbeste Spieler und heutige Trainer Zico dem Sender TV Globo gesagt. „Neymar nicht.“ Auch Fußball-Ikone Mario Zagallo, der als Spieler (1958 und 1962), Trainer (1970) und Koordinator (1994) an vier der insgesamt fünf WM-Titel Brasiliens beteiligt war, hatte dem 24-jährigen Dribbelkünstler die Reife abgesprochen.

Ein unbeschriebenes Blatt

Tites Haltung zur Kapitänsfrage ist noch ebenso unklar wie vieles Andere über ihn. International ist der 55-Jährige ein nahezu unbeschriebenes Blatt. Als Spieler hat er seine gesamte Karriere in der brasilianischen Liga verbracht. Wegen einer schweren Knieverletzung musste er allerdings frühzeitig aufhören. Auch als Trainer blieb er, bis auf zwei kurze Abstecher in die Vereinigten Arabischen Emirate in Brasilien. Dort hat er in den vergangenen Jahren die wichtigsten Titel gewonnen: die Copa Sudamericana 2008 mit dem SC Internacional aus Porto Alegre und mit Corinthians Sao Paulo die Copa Libertadores sowie die Klub-WM 2012 und in der abgelaufenen Saison die Meisterschaft.

Die Selecao ist allerdings eine ganz andere Herausforderung. Die Geschichte der Kanariengelben sei außerordentlich und inspirierend, meinte Tite auf seiner Antritts-Pressekonferenz. Gleichzeitig ließe sie einem aber auch die Knie weich werden. Trotzdem hat er den Mut aufgebracht, die Mannschaft zu übernehmen. Am 2. September geht es für ihn richtig los - mit dem WM-Qualifikationsspiel in Ecuador.