Für mehr Spieltempo wird bei Rapid und Salzburg der möglichst kurze Rasen bewässert.

© dapd/Matt Dunham

Spurensuche
05/26/2015

Wie die Klubs im eigenen Stadion ganz legal tricksen

Ball-Wahl, Wasser-Fall, Licht-Spiele: Man lässt nichts unversucht, um den Heimvorteil auszukosten.

von Alexander Huber

Der Heimvorteil – gibt’s den noch? Die für Österreich korrekte Antwort müsste lauten: Es gibt ihn wieder.

Nach 15 Runden hatte es einen für die Bundesliga historischen Zwischenstand gegeben. Den insgesamt 102 Punkten in der Heimtabelle standen im November genau 102 Zähler in der Auswärtstabelle gegenüber. Ein Grund? Das schnelle Umschalten erkannte ÖFB-Sportdirektor Willi Ruttensteiner als "das Erfolgsgeheimnis der WM" und sah es damals auch verstärkt in Österreichs Stadien.

Mittlerweile wird wieder öfters vor den eigenen Fans gejubelt, kein einziger Klub hat in Auswärtsspielen mehr gepunktet als zuhause. Obwohl der Großteil der Liga weiterhin schnell und gerne kontert. Nur Rapid setzt dezitiert auf Ballbesitz-Fußball. Warum also diese Renaissance des Heimvorteils?

Der KURIER ging auf Spurensuche und fand ungewöhnliche Details, die eben nur zuhause möglich sind:

Wasser-Fall

Nach der Aufholjagd von Rapid beim 3:3 gegen Salzburg konfrontierte der ORF Rapid-Trainer Zoran Barisic mit Bildern aus der Pause. Zu sehen war, wie der Rasen ausgiebig gewässert wurde. An sich kein Aufreger, weil die Hütteldorfer das möglichst kurz geschnittene Grün im Happel-Stadion so oft wie möglich befeuchten. Damit beim bevorzugten Kurzpassspiel der Ball richtig "flutscht", die Kombinationen schneller laufen und der Gegner besser ausgespielt werden kann.

Gegen Salzburg wurde allerdings nur jene Hälfte begossen, in der beim Stand von 0:3 nach der Pause der Sturmlauf aufs Bullen-Tor gestartet werden sollte. In der eigenen Hälfte konnte es bei einem Konter ja ruhig ein bisschen langsamer gehen ...

Salzburg beschwerte sich danach über diesen "Wasser-Fall", Rapid wollte nicht, dass daraus ein "Watergate" wird und begießt seither wieder beide Spielfeldhälften ausgiebig, auch in der Pause. Barisic sagt: "Das ist besser als gar kein Wasser auf ungewöhnlich hohem Rasen."

Denn das passiert in auffällig vielen Stadien, wenn spielstarke Gegner wie Rapid oder Salzburg anreisen. Zuletzt beschwerte sich der Salzburger Marcel Sabitzer nach dem 2:2 in Altach, "dass auf diesem stumpfen Rasen unsere Spielweise nicht funktioniert hat. Die Bälle laufen hier viel langsamer". Rapid-Sprinter Philipp Schobesberger hatte schon nach dem Aufwärmen in Altach erkannt, "dass ich auf diesem trockenen Platz ohnehin nicht mit dem Ball am Fuß beim Gegner vorbeikomme." Also verzichtete er beim 3:1 auf seine gewohnten Dribblings und legte Beric mit Direktpässen immerhin dessen zwei Lattenschüsse auf.

In Wiener Neustadt werden Gastwünsche nach mehr Wasser auf dem meist länger geschnittenen Rasen gerne überhört. Auch deshalb wirken Spiele in Wiener Neustadt im TV oft so, als würde dort grundsätzlich langsamer gespielt.

Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer kündigt an: "Das grundsätzliche Befeuchten des Rasens kann nicht verordnet werden. Aber das einseitige Begießen, wie es Rapid gemacht hat, wird ab Sommer verboten sein."

Ball-Wahl

Steffen Hofmann zählt seit über einem Jahrzehnt zu den besten Standard-Schützen der Bundesliga. Rund 100 Tore hat der Rapidler in seiner Karriere mit Freistoß-Flanken oder Eckbällen vorgelegt. Beim letzten Rapid-Auswärtsspiel in Altach flogen die ruhenden Bälle allerdings überall hin, nur nicht in die Gefahrenzone. Wie ist das möglich?

Es liegt (auch) am Ball. Rapid wird von Adidas ausgerüstet, Altach von Jako. Weil es in der Bundesliga keinen offiziellen Spielball gibt wie in den großen Ligen, setzt jeder Verein auf seinen "Heimball". "Bälle mancher Marken haben ein ganz anderes Flugverhalten und nehmen auch unterschiedlich stark Geschwindigkeit auf", erklärt Hofmann, dessen Flanken zuhause fast immer präziser ankommen.

Natürlich trainieren alle Vereine vor einem Auswärtsspiel mit der Ballmarke des kommenden Gegners, um sich so gut als möglich einzustellen. Aber da gibt es noch ein Detail, wie Heimvorteil geschaffen werden kann. "Manche Vereine blasen ihre Bälle bewusst härter oder weicher auf", verrät Barisic, der selbst ein ausgezeichneter Standard-Schütze war. "Diese Details entscheiden dann über ein paar Zentimeter, und damit, ob der Stürmer die Flanke erwischt oder nicht."

Licht-Spiele

Auch abseits des Rasens wird in der Bundesliga am Heimvorteil gefeilt. PSV Eindhoven war international einer der ersten Großklubs, der das Licht in den beiden Kabinen unterschiedlich ausgerichtet hat. Mittlerweile berichten Spieler, dass auch in der Salzburger Gästekabine ein schummriges, "gemütliches" Lichtspiel inszeniert wird. Der Effekt: Die Kicker kommen vor dem Anpfiff schwerer auf das angepeilte Aggressionslevel, das sich in den Kabinen der Bullen durch die grelle Beleuchtung fast von selbst einstellt.

Auch künftig wird auf den Heimvorteil geachtet werden. Für Rapid hat der Architekt des Allianz Stadions geplant, dass der Gang vor der Gästekabine, vorbei an den historischen Rapid-Trophäen, immer enger werden soll. Das Gefühl der Enge soll den Gästen unbewusst Selbstvertrauen nehmen.

Fazit: Der Heimvorteil lebt. Wenn auch anders als früher.