Sport | Fußball
30.08.2017

Fußball verrückt: Der Scheck heiligt die Mittel

Bockige Fußball-Profis, irrwitzige Transfersummen wie bei Neymar und zuletzt Dembele und gierige Spielerberater. Wie der Fußball seine letzten Fesseln sprengt.

Gianluigi Donnarumma hatte eigentlich noch Glück, als aufgebrachte Fans ihn diesen Sommer im Stadion unter Beschuss genommen hatten. Ihm hätte es nämlich auch wie Ludwig Augustinsson gehen können, der dänische Nationalspieler war im Frühjahr mit toten Ratten beworfen worden.

Donnarumma flogen hingegen bei der Unter-21-EM in Polen bloß hunderte Plastikmünzen und stapelweise Spielgeld um die Ohren. Aus den eigenen Reihen wohlgemerkt. Mit dieser Aktion protestierten die Tifosi gegen das Verhalten des italienischen Torhüters. Der 18-jährige Donnarumma hatte anklingen lassen, den AC Milan verlassen zu wollen, weil er woanders deutlich mehr verdienen könne. "Dollarrumma" schrieben die Fans deshalb in riesigen Lettern auf ein Transparent.

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Am Ende löste sich vieles in Wohlgefallen auf. Die neuen chinesischen Eigner des AC Milan, die in diesem Sommer fast 200 Millionen Euro für Verstärkungen locker machten, hatten auch noch ein bisschen Kleingeld für den armen Torhüter übrig. Gianluigi Donnarumma bekam einen aufgefetteten Vertrag, als Bonus wurde sein um neun Jahre älterer Bruder Antonio als Zweier-Goalie zum Europa League-Gegner der Wiener Austria geholt.

Provokante Fußballer

Wenn bei Fans von morgen einmal die Frage auftauchen sollte, wann denn genau der Fußball aus den Fugen geraten ist, dann wird möglicherweise auf den Sommer 2017 verwiesen. Es ist die Transferzeit, in der durch den Neymar-Wechsel die letzten Fesseln gesprengt wurden, es ist zugleich aber auch eine Zeit, in der die Fußballer selbst immer öfter ein durchtriebenes Spiel spielen. Ganz zu ihrem Eigennutz und zum Unmut der Vereine und Fans.

Das Vorgehen von Ousmane Dembélé war da ganz besonders dreist. Einfach abzutauchen, den Dienst zu quittieren und so den Wechsel von Borussia Dortmund zum FC Barcelona heraufzubeschwören, passt in das Sittenbild des Fußballs der Gegenwart, in dem Verträge oft nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind. Und in dem sich alles nur mehr um eines zu drehen scheint: Den eigenen Profit.

Andererseits war auch noch nie so viel Geld im Spiel (siehe Geschichte unten). Neue Investoren aus dem Mittleren Osten und Asien werfen mit Milliarden nur so um sich, der neue TV-Vertrag in England sorgte für zusätzliche Zügellosigkeit. In der Saison 2015/ ’16 setzten allein die zehn europäischen Topvereine insgesamt 5,2 Milliarden Euro um. Tendenz stark steigend.

Verhasste Manager

Einige fordern derweil die Abschaffung der Ablösesummen. Sportökonom André Bühler sagte in den Stuttgarter Nachrichten: "Die riesige Blase in England wird irgendwann platzen", ist der Direktor des Deutschen Instituts für Sportmarketing sicher.

Für die vielen Berater, die sich rund um die Stadien herumtreiben, ist der Fußball von heute ein echtes Schlaraffenland geworden. Die Bezeichnung "Payrater" trifft’s mittlerweile wohl eher, denn sie sind die wahren Profiteure. Sie verdienen immer. Egal ob eine Ablöse im Spiel ist oder nicht. Eine millionenschwere Provision ist fast immer fällig.

So überwiesen etwa die 18 Klubs der deutschen Bundesliga in der Saison 2015/ ’16 insgesamt 127 Millionen Euro an die Spielerberater. Das entspricht in etwa dem Jahresbudgets aller zehn österreichischen Bundesliga-Vereine.

Wer heute nach den Topverdienern im Fußball sucht, der landet zwangsläufig bei Mino Raiola. Von den Gagen, die der Italiener für seine Dienste einstreift, kann selbst Neymar nur träumen. Und mit kolportierten 30 Millionen Euro Jahresgehalt wird der Brasilianer bei Paris SG durchaus fürstlich entlohnt.

Reicher Pizzabäcker

Mino Raiola , das belegen die Daten der Enthüllungs-Plattform Football Leaks, hat vor einem Jahr für den Transfer von Paul Pogba von Juventus Turin zu Manchester United 49 Millionen Euro Provision erhalten. Möglicherweise hatte der Plastikgeldregen der Tifosi auf Gianluigi Donnarumma auch ihm gegolten, der ehemalige Pizzabäcker Raiola ist der Berater des italienischen Torhüters.

Es scheint in diesem Sommer überhaupt in Mode gekommen zu sein, dass Fußballer auf stur schalten, wenn sie ihre Situation sportlich und vor allem finanziell verbessern können. Seit der FC Barcelona Interesse an Philippe Coutinho bekundet hatte, ist der Brasilianer in Diensten des FC Liverpool von der Rolle. Offiziell ist Coutinho verletzt, inoffiziell unternimmt der 25-Jährige alles, um noch vor Ende der Übertrittszeit (31. August) einen Wechsel nach Spanien zu erzwingen. Ähnlich erging es dem 1. FC Köln mit Anthony Modeste. Der Franzose veranstaltete wochenlang dermaßen ein Transfer-Theater, dass in Köln am Ende alle froh waren, nachdem der 29-jährige Goalgetter die Domstadt endlich Richtung China verlassen hatte.

Nicht selten sind die Spieler nur die Marionetten ihrer Berater. Bei RB Leipzig sorgte Emil Forsberg für Aufregung. Weil dort das Werben des AC Milan ignoriert wurde, schob sein Berater Hasan Cetinkaya dem Klub den schwarzen Peter zu. "Sie müssen damit leben, dass sie Emils Träume zerstören." Oder waren es gar Cetinkayas Träume vom ganz großen Geld?

Dass es durchaus auch anders gehen kann, zeigt die Geschichte von Mohammed Sumaila. Der Mittelfeldspieler aus Ghana, der sich für die türkische Süper Liga empfehlen will, unterschrieb bei Yörükalispor einen Vertrag für einen Monat. Sein Gehalt: Zehn Liter Olivenöl.

Englische Fußballfans sind wahrlich nicht zu beneiden. Wer etwa in der vergangenen Woche die Paarungen für die dritte Runde im Ligapokal erfahren wollte, der musste sich den Wecker um 4:15 in der Früh stellen. Zu dieser fanunwürdigen Zeit fand die Auslosung statt – in Peking.

Wer zahlt, schafft an, und die Asiaten zahlen extrem viel. Bei zahlreichen Vereinen der Premier League sind Investoren aus Fernost am Ball, in Thailand, China oder Indonesien verfolgen Millionen Menschen den englischen Fußball.

Seit dieser Saison heißt der Ligapokal Carabao Cup, benannt nach einem Energydrink aus Thailand. Und auch sonst richtet sich der Blick der Engländer immer mehr auf den asiatischen Markt. Damit die Partien der Premier League in Fernost zur Prime Time übertragen werden können, sollen ab der Saison 2019/’20 Partien in England bereits um 11:30 Uhr angepfiffen werden.

Das wird dann noch mehr Geld in den englischen Fußball spülen. Schon jetzt verdient ein Spieler in der Premier League im Schnitt drei Millionen Euro pro Saison. Finanziert wird das Milliarden-Spiel einerseits durch Geld- geber aus Russland, China, Italien, Thailand, Abu Dhabi oder den Vereinigten Staaten, die bei den Vereinen das Sagen haben. Vor allem aber durch den neuen TV-Vertrag. Von 2016 bis 2019 erhalten die zwanzig Klubs der Premier League insgesamt sieben Milliarden Euro.

Botschafter Neymar

Mit dem Fernsehgeld allein hätte sich Paris St.Germain in diesem Sommer Neymar nie und nimmer leisten können. Die 222 Millionen Euro Ablöse an Barcelona wurden vom katarischen Besitzer von PSG überwiesen. Mit dem Superstar scheint man nicht nur fußballerische Ziele zu verfolgen, sondern auch eine PR-Strategie. Bekanntermaßen ist die Fußball-WM 2022 in Katar umstritten, dazu steht das Land in der Kritik, IS-Terroristen zu finanzieren. Welcher Botschafter könnte da besser sein, als der teuerste Fußballer der Welt.