Sport | Fußball
16.11.2014

Frau Barbara pfeift auf Vorurteile

Barbara Bollenberger könnte in absehbarer Zeit auch Bundesligaspiele leiten.

Freitagabend im Prater: Während das Nationalteam im Happel-Stadion sein Abschlusstraining absolviert, laufen ein paar hundert Meter weiter 22 Fußballer und zwei Schiedsrichter-Assistenten, angeführt von einer jungen Dame, auf dem Elektra-Platz ein. Es handelt sich bereits um das neunte Match in der rauen Regionalliga Ost, das die Niederösterreicherin Barbara Bollenberger zwischen Wienern und Burgenländern leiten wird.

Die Rapid-Amateure, die natürlich keine mehr sind und daher in Rapid II umbenannt wurden, treffen auf Neusiedl. Alsbald erkennen die Spieler, dass es sich auch bei der Frau Referee, was Fußball betrifft, um keinen Amateur handelt. Um keine sogenannte Quotenfrau, die nur pfeift, damit irgendeiner Gleichberechtigungskommisson Genüge geleistet werden kann.

Zur Pause rufen ein paar der 320 Zuschauer dem Schiedsrichter-Beobachter, den die Bundesliga auf den Elektra-Platz schickte, anerkennend zu: "Habt’s net no a paar von solche Schiedsrichterinnen?"

Barbara Bollenberger, 29, ist auf der (Ball-)Höhe. Was Insider nicht überrascht, zumal sie wöchentlich auf fünf Trainingseinheiten kommt, und sie sich von der mehrfachen 800-Meter-Staatsmeisterin Elisabeth Niedereder sportwissenschaftlich coachen lässt.

Bei einem internationalen Kurs fiel Bollenberger UEFA-Herren nicht nur mit Fitness, sondern auch durch Sprachkenntnisse auf. Sie hat das Dolmetsch-Studium mit dem Master-Titel absolviert. Nun schickt sich Miss Master an, auf dem Spielfeld Meisterin ihres Faches zu werden.

Am Freitag zückt sie nur zwei Mal Gelb. Rapid unterliegt 1:2. Auch die Verlierer haben nichts an Bollenberger auszusetzen. Das war nicht immer so: Als der Wiener Sportklub im September eine Heimniederlage gegen Ritzing erlitten hatte, reagierte Trainer Kurt Jusits wenig gentleman-like. Seine Äußerung ("Diese Dame hätte besser in die Küche gepasst") löste auch klubintern Missfallen aus. Dass Jusits inzwischen beim Sportklub abgesetzt wurde, soll jedoch andere Gründe gehabt haben.

Bollenberger überstand den Dornbacher Abend ohne seelische Schrammen. ORF-Regelexperte Thomas Steiner sprach ihr Mut zu, als er meinte, solche Erlebnisse gehörten für einen Schiedsrichter zum Lernprozess. Der einst von der Spielergewerkschaft zum beliebtesten Bundesliga-Referee gewählte Steiner, 51, ist NÖ-Ausbildungsleiter. Als solcher streitet er nicht ab, dass es das Ziel sei, Barbara Bollenberger in die erste Bundesliga zu bringen.

Handkuss

Bisher durfte erst einmal eine Frau österreichische Oberhaus-Kicker nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Und es ist auch schon 14 Jahre her, dass die Schweizerin Nicole Petignat Sturm – Ried (4:2) leitete und sich Sturm-Verteidiger Ranko Popovic von ihr nach dem Abpfiff mit Handkuss verabschiedete.

Nicht immer kommt amikales männliches Verhalten bei Schiedsrichterinnen gut an. So wandte sich die bei Gladbach Bayern als vierter Schiedsrichter eingeteilte Bibiana Steinhaus brüsk ab, als ihr Bayern-Trainer Josep Guardiola jovial den Arm um die Schulter legte und sie so animieren wollte, auf den Hauptschiedsrichter einzuwirken. Danach wurde Steinhaus von den Medien als starke Frau in der Macho-Liga gefeiert. Die Forderung, sie auch als Hauptschiedsrichterin in Deutschlands oberster Spielklasse einsetzen, verhallte dennoch wirkungslos.

Bei den Damen hat Steinhaus schon das WM-Finale gepfiffen. Auch die sechs Jahre jüngere Bollenberger konnte sich schon bei internationalen Damen-Länderspielen (darunter EnglandSchottland) bewähren. Befragt, ob Frauen braver seien als die Männer, reagiert sie mit einem Lächeln: "Die sudern eher mehr."

Fernweh mit Pfiff

Barbara Bollenberger (Jahrgang 1985) spielte Fußball in Neulengbach und Eichgraben. Ab dem Jahr 2007 wandte sie sich dem Schiedsrichterwesen zu.

Seit 2013 ist sie FIFA-Schiedsrichterin. 2014 kam mit Julia Baier (26) eine zweite Österreicherin auf die FIFA-Liste.

Barbara Bollenberger hat ein Dolmetsch-Studium (Englisch, Spanisch) abgeschlossen und arbeitet als Übersetzerin bei der Firma Kapsch. Sie wohnt in Murstetten (277 Einwohner) bei Würmla ( Niederösterreich). Neben dem Schiedsrichtern sind Fernreisen mit ihrem Freund ihr liebstes Hobby.