Die jungen Rapidler Louis Schaub (re.) und Mario Pavelic durchliefen die Medienschulung von Peter Elstner.

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Interview
11/25/2015

Peter Elstner: "Es gibt keine Trotteln mehr"

Der Sportjournalist erklärt vor dem Spiel in Villarreal, wie er junge Rapidler auf die Medienwelt vorbereitet.

von Alexander Huber

Heute früh tummeln sich wieder Spieler, Funktionäre und Journalisten auf dem Flughafen Schwechat. Vor dem Abflug von Rapid zu Europacup-Spielen gibt es traditionell einen Interview-Marathon. Bei den vielen Fragen vor der Reise zur fünften Europa-League-Partie nach Spanien gegen Villarreal (Donnerstag, 21.05 Uhr) werden auch die jungen Rapidler wie alte Hasen wirken.

Verantwortlich für den Medienauftritt der Eigenbauspieler ist Peter Elstner. Von 1972 bis 2001 arbeitete der Sportjournalist beim ORF, seit 2008 kümmert sich der 75-Jährige um die Medienschulung bei Rapid.

KURIER: Der damalige Sportdirektor Hörtnagl holte Sie zu Rapid. Wie ist das abgelaufen?

Peter Elstner: Je älter du wirst, umso mehr musst du darauf schauen, im Kopf fit zu bleiben. Deshalb hab ich nach der Anfrage von Hörtnagl zugesagt, mich für ein kleines Taschengeld um die Medienschulung der Talente zu kümmern. Jetzt betrifft das die Spieler, die von der U18 zum Zweierteam kommen.

Wie lautet Ihr Ziel?

Ich hab’ mich immer schon über Spieler geärgert, die einfältig antworten – oder in Floskeln, wie heutzutage die Politiker. Das Ziel war, dass die Interviews dieser Spieler professionell wirken und auch für den Verein positiv sind. Für mich geht es darum, dass sie wahrhaftig sind. Dann kann ein Spieler auch einmal Kritik üben.

Ist der Einsatz der Kicker so groß wie auf dem Feld?

Es ist nicht jeder wissbegierig. Angefangen hab’ ich mit der Generation um Pavelic, Wydra, Bergmann, Behrendt, Denner, Schaub, Schoissengeyr, Drazan, Dobras und den Maxi Hofmann. Jene, die heute am meisten und am besten spielen, waren auch damals die mit dem größten Interesse. Jetzt gibt es gerade wieder eine Generation mit ein paar blöden Ausreden. Denen hab’ ich gesagt: ‚Ihr müsst das nicht für mich machen. Aber stört bitte nicht die Interessierten.‘

Worauf weisen Sie in den Übungen verstärkt hin?

Dass es immer irgendwie rauskommt, wenn nicht die Wahrheit erzählt wird. Entweder in der Zeitung zwischen den Zeilen, oder im Fernsehen durch die Körpersprache. Das wird den Spielern auch bewusst, wenn wir das vor unserer Kamera üben und dann das Video gemeinsam anschauen.

Spieler wirken heute vor der Kamera nicht mehr so gekünstelt wie früher. Woran liegt das?

Ja, früher hätten viele einen Hilflosenzuschuss beantragen können. Mittlerweile sind die reinen Instinktfußballer in der Bundesliga ausgestorben, weil jeder in der Akademie davor schon die komplexeren Trainingsanleitungen verstehen muss. Es gibt keine Trotteln mehr. Ich gebe den Burschen immer mit, dass sie ihre Sprache, ihren Wortschatz, aber nicht die typischen Fußball-Floskeln verwenden sollen.

Konnten Sie damals als Journalist den Spielern noch leichter etwas herauslocken?

Ganz sicher! Damals beim Sportstammtisch vom Heribert Meisel sind im Fernsehen die Fetzen geflogen, weil den Leuten die Auswirkungen von Aussagen im TV noch nicht bewusst waren.

Stimmt es, dass Sie durch Heinz Prüller zum Journalismus gekommen sind?

Ja, ich war damals beim Bundesheer, als ich 1962 zufällig meinen früheren Schulkollegen Heinz Prüller getroffen habe. Er hat mir empfohlen, mich bei der Zeitung "Express" zu bewerben. Nach zehn Jahren bin ich dann zum Fernsehen gewechselt.

Ein prägendes Erlebnis war die Katastrophe von Heysel 1985. Wie haben Sie die Massenpanik mit 39 Toten erlebt?

Ich war Chef vom Dienst. Das Finale LiverpoolJuventus wurde angepfiffen, über das belgische Fernsehen haben wir aber erfahren, dass es Tote gibt. Der damalige Chef Franz Kreuzer ist dann während der Partie in die Redaktion gekommen und hat darauf gedrängt, dass wir aussteigen. So wie etwa das ZDF. Ich hab’ mich dagegen ausgesprochen und musste Tags darauf zum Generalintendanten. Er hat meinen Standpunkt verstanden: es war journalistisch richtig, das Spiel zu zeigen, wenn es auch ausgetragen wird. Davon bin ich noch heute überzeugt.

Noch gut in Erinnerung ist Ihr Auftritt nach dem 3:0 von Österreich gegen die DDR mit der erfolgreichen WM-Qualifikation. Wie konnte vor der verschlossenen Kabine der legendäre Satz ‚Pepi, lass mich rein!‘ passieren?

Als Josef Hickersberger beim ORF-Teletext gearbeitet hat, hab ich geblödelt: ‚Eines Tages wirst du Teamchef sein und dich für eine WM qualifizieren. Und dann gibst du mir das erste Interview in der Kabine.‘ Dass es anders gekommen ist, lag eigentlich an meinem lieben Kollegen Sigi Bergmann.

Warum denn?

Der Sigi hat im ‚Sport am Montag‘ vor diesem entscheidenden Spiel nur einen Beitrag über Fußball gebracht. Und da hat Gerti Senger als Sex-Tante die erotischsten Spieler ausgewählt. Irgendein Kicker von Steyr hat gewonnen, der fesche Konsel ist nur Fünfter geworden.

Das hat für Empörung gesorgt?

Die Spieler haben sich unter der Führung von Andi Ogris ausgemacht, dass die A...löcher vom ORF nicht in die Kabine dürfen. Das war damals noch unüblich. Als dann einmal ein Spalt offen war, hab’ ich sogar den Pepi gesehen, nur einen Meter entfernt. Aber der Zsak und der Stöger haben ihn von der Tür weggezerrt. Ich war die ganze Zeit live auf Sendung und am nächsten Tag der große Lacher im Land.

Der damalige Sportdirektor Alfred Hörtnagl hat 2008 veranlasst, dass die Rapid-Talente schon vor dem Sprung zu den Profis eine Medienschulung bekommen. Wo liegen die Schwerpunkte von Routinier Peter Elstner in den wöchentlichen Einheiten:

Aussprache üben: das "Passen und Stoppen" des Sprechens.

Organigramme zeichnen: die eigene Bedeutung in der Medienwelt erkennen.

Spielformen der Wirklichkeit: Richtig in die Kamera schauen, gegenseitig interviewen, Meldungen selbst verlesen.

Zweigleisig denken: In ein Statement spontan ein bestimmtes Wort einbauen.