Sport | Fußball
23.07.2017

Frankreich-Coach beklagt sich über ÖFB-Spielweise

Die ÖFB-Spitze ist hingegen vom Frauen-Team begeistert: Träumen vom Aufstieg ist erlaubt, es gibt aber auch warnende Worte.

Die Erfolgsgeschichte wird Kapitel um Kapitel größer: Österreichs Fußball-Frauen-Nationalteam ist bei der EM in den Niederlanden weiter das Team der Stunde. Das 1:1 gegen den Weltranglistendritten Frankreich am Samstag in Utrecht war nicht nur eine Sensation, sondern auch der Türöffner für das Viertelfinale. Das haben die Spielerinnen jetzt natürlich im Kopf.

"Natürlich, wenn man so nahe dran ist, will man das auch erreichen", betonte Torschützin Lisa Makas. Die Ausgangsposition sei sehr gut. "Die Türe ist jetzt einmal offen und es wird uns überbleiben, dass wir die Schritte auch da hineinmachen. Dafür wird jeder fighten", ergänzte die Duisburg-Legionärin.

"Das Gefühl ist überragend, es ist einfach nur Freude, da gibt es nichts anderes im Kopf", strahlte Makas. Sie leitete die Sensation mit einem platzierten Schuss ins Eck zum 1:0 (27.) ein. Tor Nummer 18 fiel für sie noch dazu im 50. Länderspiel. "Es war mein wichtigstes Tor und wird mir ewig in Erinnerung bleiben", sagte die Außenspielerin.

Auch deshalb kannte die Freude im Stadion Galgenwaard keine Grenzen, trotz starken Regens wurde ausgiebig am Rasen gejubelt, in der Kabine ging es weiter. "Wir haben laut Musik gehört, dazu getanzt", gab Makas Einblick.

Im abschließenden Gruppenspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/live ORF eins) gegen Island in Rotterdam reicht der ÖFB-Auswahl schon ein Unentschieden. Vielleicht gar eine Niederlage, sollte Frankreich im Parallelspiel gegen die Schweiz punkten, wovon grundsätzlich auszugehen ist.

Frankreich-Coach: "Ich bin frustriert"

Frankreich ist der Favoritenrolle im Duell mit Österreich nicht gerecht geworden und muss vor dem letzten Spieltag der Gruppe C noch um den Aufstieg zittern. Coach Olivier Echouafni war nach dem 1:1 am Samstagabend in Utrecht verständlicherweise nicht gut gelaunt. "Ich bin frustriert, weil wir uns den Sieg verdient gehabt hätten", sagte der 44-Jährige.

Das sah auch Mittelfeldspielerin Camille Abily so: " Österreich war sehr gut, das haben wir aber vorher schon gewusst. Sie haben großartige Spielerinnen, aber es war trotzdem so, dass wir es uns verdient gehabt hätten zu gewinnen. Wir haben aber unsere Möglichkeiten vergeben."

Fehlende Effizienz war wie auch schon beim 1:0-Auftaktsieg gegen Island der Hauptgrund für die Probleme des Weltranglistendritten. Frankreichs Coach hatte für die ÖFB-Spielweise keine lobenden Worte parat. "Österreich hat nicht wirklich Fußball gespielt, ist hinten drinnen gestanden und hat auf Fehler gewartet", war Echouafni verärgert. Das habe auch zum Gegentreffer durch Makas geführt. "Wir haben es ihnen ermöglicht zu treffen", so der Ex-Profi-Kicker.

Schnellen Ausgleich verdaut

Auch der schnelle Ausgleich der starken Amandine Henry (51.) gleich nach der Pause brachte das ÖFB-Kartenhaus nicht zum Einsturz. "Es war irgendwie nie das Gefühl da, 'Oh Gott, jetzt ist es 1:1'. Das hat uns völlig kaltgelassen", sagte Laura Feiersinger. In der Schlussphase sei zudem auch das nötige Glück dazugekommen. Manuela Zinsberger hielt den Punkt fest, machte damit ihren Fehler vom 1:1, bei dem sie an einer Hereingabe vorbeiflog, vergessen. Zudem verfehlten einige Abschlüsse von "Les Bleues" nur knapp das Tor.

"Wir hatten Probleme in den letzten 15 Minuten, wegen der Intensität des Spiels", gab ÖFB-Coach Dominik Thalhammer zu. Für Laura Feiersinger war die Schlussviertelstunde sehr zäh. "Frankreich war am Drücker und körperlich waren wir alle schon sehr an der Grenze", gestand die SC-Sand-Legionärin.

Der am Ende vielleicht entscheidende Punkt konnte trotzdem fixiert werden. "Es war eine ähnlich starke Defensivleistung wie gegen die Schweiz", lobte Thalhammer. Seine 4-2-3-1-Variante, in der Defensive meist ein 5-4-1, stellte auch Frankreich vor Probleme. "Wir haben keine Weltklassespielerin in dem Ausmaß wie Frankreich, deswegen schaut jeder, dass er so spielt, dass er den größten Erfolg hat", rechtfertigte der Wiener die von seinem Trainerkollegen kritisierte, aber erfolgreiche Defensivtaktik.

Mit vier Punkten nach zwei Spielen sei man sehr glücklich. "Es ist sicherlich grandios für uns", betonte Thalhammer. Allzu große Euphorie wollte er aber nicht versprühen. Die Chancen auf den Aufstieg seien zwar gestiegen, man müsse aber gegen Island noch eine gute Leistung bringen.

Ärger über Schnaderbecks Verletzung

Viktoria Schnaderbeck droht leider wieder einmal eine Verletzungspause. Österreichs Frauen-Fußball-Teamkapitänin erlitt am Samstag bei einem Foul von Amandine Henry eine Rissquetschwunde am Sprunggelenk, die im Krankenhaus von Utrecht genäht werden musste. "Es war schon ein recht derbes Foul, das für mich rotverdächtig war", ärgerte sich Thalhammer.

Die tschechische Schiedsrichterin Jana Adamkova übersah die Aktion in der Schlussphase, ließ weiterspielen. "Das hätte die Schiedsrichterin sehen müssen. Ich nehme einmal an, dass es wenig weitere Spiele von ihr bei der EURO geben wird", war Thalhammer durchaus aufgebracht. Wie lange die Bayern-Legionärin passen muss, war am Sonntag ungewiss. "Man muss jetzt einmal ein, zwei Tage abwarten, wie es sich entwickelt, kann keine Prognose abgeben", sagte der gebürtige Wiener. Das Problem ist nicht die Größe des Schnitts, sondern die Tiefe der Verletzung.

Schnaderbeck hatte sich in diesem Jahr bereits zweimal zurückkämpfen müssen. Zuerst schaffte sie Ende März das Comeback nach einer rund fünfmonatigen Pause wegen einer Meniskusverletzung, kurz vor dem Auftaktspiel gegen die Schweiz ließ sie zudem ein Knochenmarksödem im Knie hinter sich.

"Für sie tut es mir einfach leid, weil wie sie sich in den letzten Wochen zurückgekämpft hat, was sie dafür an Zeit investiert hat, das war phänomenal", schilderte Thalhammer. Er war aber überzeugt, dass die Defensivspielerin auch diesen Rückschlag wegstecken werde. "Sie wird auch jetzt wieder zurückkommen", so Thalhammer.

Windtner: "Gewaltiges Kollektiv"

"Dass was eingetreten ist, haben wir uns erhofft, aber nicht erwartet. Es ist wirklich eine tolle Sache", sagte ÖFB-Präsident Leo Windtner nach dem sensationellen 1:1.

Die Gründe für den Erfolg sind für den Oberösterreicher schnell gefunden. "Das ist das Resultat eines gewaltigen Kollektivs, dass in den letzten Monaten und zuvor aufgebaut worden ist", erläuterte Windtner. In der geschlossenen Einheit sei keinerlei Rivalität vorhanden. "Es ist einfach nur eine für die andere und der gesamte Betreuerstab für alle miteinander da", betonte der ÖFB-Boss.

Als Daumendrücker im Stadion Galgenwaard ist er ordentlich ins Schwitzen gekommen. "Es war ein Wechselbad der Gefühle, weil es letztendlich eine Zitterpartie war, aber gegen so einen starken Gegner kann man nichts Anderes erwarten", resümierte der 66-Jährige.

Mitgezittert hatte neben ihm unter 4.387 Zuschauern auch Willi Ruttensteiner. "Es war unglaublich. Die Mannschaft tritt sehr diszipliniert auf, überzeugt als Kollektiv. Die kämpferische Leistung war herausragend. Mehr Werbung für den Frauenfußball kann man nicht machen", lobte ein äußerst erfreuter ÖFB-Sportdirektor Kapitänin Viktoria Schnaderbeck und Co. Obwohl Frankreich das bessere Team gewesen sei, habe man sich den Punkt aufgrund der kämpferischen Vorstellung verdient.

Für ein ÖFB-Out müsste jetzt schon viel schiefgehen. "Wir sind schon sehr weit gekommen, aber noch nicht durch. Träumen dürfen wir, aber sprechen brauchen wir nicht davon", sagte Windtner.

Gefährliche Ausgangslage

Für Island ist das Turnier fix nach der Gruppenphase zu Ende, der ÖFB-Auswahl kampflos das Feld überlassen werden die Gegnerinnen von der Insel am Mittwoch in Rotterdam aber nicht. "Die Isländerinnen werden voll spielen, unbedingt den ersten Sieg haben wollen. Darauf müssen wir uns vorbereiten, gewonnen haben wir noch gar nichts", erklärte Ruttensteiner.

Die Ausgangslage bezeichnete er als ganz gefährlich. "Wenn man schon glaubt, dass man im Viertelfinale ist, dann kann man bestraft werden, weil man noch nicht dort ist. Vor dem muss man sicher warnen", so der Oberösterreicher.

Gute Quoten bei Primetime-Premiere