Sport | Fußball
03.08.2017

Der EM-Hype muss nachhaltig sein

Das österreichische Fußballnationalteam erreichte bei der EM das Halbfinale. Aber wie ist es um den Status quo des heimischen Frauenfußballs bestellt? Die Spielerinnen Lena Holzinger und Franziska Wallner erteilen Auskunft.

Momentan ist das ÖFB-Team in aller Munde. Der EM-Debütant sorgt für einen landesweiten Hype, erreichte das Halbfinale (Donnerstag, live um 18 Uhr auf ORF). Plötzlich sind Spielerinnen wie Manuela Zinsberger, Nicole Billa oder Nina Burger in aller Munde. Aber wie ist es um den Frauen-Fußball in Österreich generell bestellt? Die Spielerinnen Lena Holzinger und Franziska Wallner erzählen von ihren Erfahrungen.

KURIER: Wie seid ihr zum Fußball gekommen, seit wann spielt ihr?

Franziska Wallner: Durch einen engagierten Lehrer bin ich in den späten 1990er Jahren in der Unterstufe mit Fußball in Berührung gekommen. Mit 17 Jahren habe ich begonnen bei Paulaner Wieden zu spielen.

Lena Holzinger: Mit 11 Jahren bin ich mit Schulkollegen zu einem Training beim UFC Grünau in Oberösterreich gegangen. Da bin ich lange das einzige Mädchen gewesen, ein zweites war sehr unregelmäßig dabei. Drei Jahre später habe ich aufgehört, weil es in meiner Umgebung noch kein Mädchenteam gab und ab 14 Jahren der koedukative Fußball geendet hat. Mit 16 habe ich mir gedacht, dass ich gern wieder spielen würde. Im Nachbarort Scharnstein hat es mittlerweile ein Frauenteam gegeben, dort meldete ich mich an.

KURIER: Wie waren eure Anfänge? Seid ihr schnell mit Anfeindungen oder abwertenden Kommentaren konfrontiert worden?

Franziska Wallner: Mir ist durch Sprüche wie "Spielt ihr auf einem normalen Feld und mit normalen Bällen?" relativ früh klar geworden, dass Frauenfußball in Österreich nicht etabliert ist. Bei Spielen ist es oft zu derben, angriffigen Kommentaren von Männern gekommen. Am schlimmsten waren die Spieler, denen wir in Kabinen oder im Umfeld des Spielfelds begegnet sind. Sie haben uns entweder ausgelacht oder unser Aussehen bewertet. Anfangs hat es mich eingeschüchtert, dann sehr wütend gemacht. Mir ist klar geworden, dass Fußballplätze umkämpfte Räume sind, die nicht ohne Widerstand geteilt werden. Geschenkt wurde uns nichts. Meine Lieblingsfrage ist: "Duscht ihr zusammen?".

Lena Holzinger: Als ich noch bei den Burschen gespielt habe, gab es oft blöde Kommentare. Auch aus meiner eigenen Mannschaft. Einer hat mich nie mit meinem Namen angesprochen, sondern immer nur "sie" gesagt. Die gegnerischen Teams haben sich oft über uns lustig gemacht mit Sprüchen wie: "Da is a Mädel dabei, die schlagen wir sicher". Ich bin auch gefragt worden, ob ich ein Mädchen oder ein Junge bin. Diese Dinge ließen mich persönlich reifen, haben mich stärker gemacht.

KURIER: Nicht wohlgesonnene Kommentare zum ÖFB-Team waren auch in der Presse zu vernehmen.

Lena Holzinger: Sie überraschen mich nicht. Feindliche Reaktionen sind im Frauenfußball gang und gäbe. Ich kann nicht nachvollziehen, was jemanden bewegt, sich stark negativ über uns Frauen zu äußern. Wenn es jemanden nicht interessiert, soll er etwas Anderes machen, es sich nicht anschauen. Niemand wird zum Zuschauen gezwungen.

Franziska Wallner: Wenn Herr Matzinger vom Falter, der sich sehr negativ äußerte, Interesse hat, das Niveau zu erhöhen, dann soll er die richtigen Sachen fordern. Nämlich nicht kleinere Tore, sondern mehr Finanzierung, gerechtere Bezahlung von Bundesligaspielerinnen sowie Mädchen-und Frauenteams in allen großen Bundesligaklubs. Was Matzinger geschrieben hat, war vollkommen daneben. Vielleicht fühlt er sich in seiner Männlichkeit bedroht.

KURIER: Was haltet ihr von den Vergleichen zwischen Männer- und Frauenfußball?

Franziska Wallner: Nichts. In keiner anderen Sportart wird der Vergleich zu Männern so sehr gesucht wie im Fußball. Bei Turnieren und in Ligen geht es nie um den Geschlechtervergleich, sondern um den Vergleich zu den Teams, gegen die man spielt. Vergleichen sollten wir die höchste österreichische Spielklasse mit der deutschen und uns dann fragen, woran wir dringend arbeiten müssen.

Lena Holzinger: Skifahrerinnen werden nicht mit Skifahrern verglichen, Tennisspielerinnen nicht mit Tennisspielern. Wenn man den Bayern-München-Männern zuschaut, darf man nicht erwarten, dass die Frauen auch so spielen. Die Vergleiche sind deppert.

KURIER: Wie schaut eurer fußballerische Alltag aus? Mangelt es an Spielplätzen, Kleidung oder Trainern?

Lena Holzinger: Aktuell trainiere ich beim SV Scharnstein in der Landesliga Oberösterreich, der vierthöchsten Spielklasse, zwei Mal in der Woche, dazu kommt ein Spiel am Wochenende. Für die Liga ist das angemessen. Wir spielen alle aus Spaß und fühlen uns sehr wohl dabei. Meine bisherigen vier Trainer beim Verein waren alle Ehrenamtliche. In Scharnstein ist es bemerkenswert, wie sehr alle im Klub hinter uns Frauen stehen. Im Leitbild ist verankert, dass wir ein wichtiger Bestandteil sind und gefördert werden. Wir versuchen Mädchen für den Fußball zu begeistern. Bei uns wird kein Unterschied zwischen Frauen und Männern gemacht. Andere Vereine sehen ein Frauenteam als Belastung, das nur Geld kostet und den Rasen besetzt.

Franziska Wallner: Auch meine Trainerinnen und Trainer waren Ehrenamtliche, die meisten haben aber alle Fortbildungen absolviert. Bei meinem aktuellen Verein FC Mariahilf haben die Frauensektionen ein gutes Standing, sie müssen nicht um Dressen oder Bälle kämpfen. In vielen anderen Vereinen ist das anders, Frauen werden schlechter ausgestattet als Männer. Geld fehlt an allen Ecken und Enden. Es gibt wenige Sponsoren, deswegen sind die Mitgliedsbeiträge teilweise sehr hoch. Fußballspielen im Verein ist bisher immer ein teurer Spaß gewesen.

KURIER: Das Standing des Frauenfußballs beurteilt ihr also als ausbaufähig.

Franziska Wallner: Es hat sich gebessert. Das Erreichen des EM-Halbfinals ist das Beste, was dem österreichischen Frauenfußball passieren konnte. Die Spiele werden live gezeigt, es gibt Public Viewings in Wien. Viele Zeitungsartikel waren am Anfang der EM sexistisch, mittlerweile machen sich viele Mainstream-Medien über die Abwertung von Frauenfußball lustig. Es nutzt unserer Sportart jedoch wenig, wenn sich alle mit dem aktuellen Erfolg schmücken, sich aber nicht für Verbesserungen, wie etwa mehr Finanzierung einsetzen. Der Hype kann schnell vorbei sein.

Lena Holzinger: In der Bundesliga herrschen teils schlechtere Bedingungen als in unterklassigen Männerligen. Das Interesse von Fans und Medien ist gering, sportlich gibt es ein großes Gefälle. Wenige Vereine haben Interesse in den höchsten Ligen zu spielen, finanziell sind Auswärtsfahrten nach Vorarlberg nicht stemmbar. In der zweiten Liga Mitte/West sind für die kommende Saison gerade mal sechs Teams gemeldet. Generell hat sich aber viel getan. Wir sind keine Exotinnen mehr, Frauenfußball ist mehr in die Mitte der Gesellschaft gewandert.

KURIER: Wie geht der ÖFB mit der Situation um?

Lena Holzinger: Mit dem nationalen Zentrum für Frauenfußball in St. Pölten hat er einen wichtigen Grundstein für qualitative Ausbildung von jungen Fußballerinnen gelegt. Die Karriere dort zu starten ist sicher von Vorteil, wie man an Beispielen aus dem Nationalteam sieht. Sobald die Ausbildung abgeschlossen ist, bleiben aber nur der finanzstarke SKN St. Pölten als Option oder der Schritt ins Ausland. Dort ist Geldverdienen möglich.

KURIER: Wie beurteilt ihr in Anbetracht der Umstände das sportliche Abschneiden bei der EM?

Franziska Wallner: Die Leistung ist grandios. Die Frauen haben taktische und kämpferische Größe bewiesen. Trainer Dominik Thalhammer hat die Teilnahme an diesem Turnier schon vor Jahren geplant. Zufall ist das nicht.

Lena Holzinger: Das Team hat Geschichte geschrieben. egal was noch passiert. Ich traue den Frauen alles zu. Thalhammer ist ein Glücksfall, er hat mit seiner gelassenen und überlegten Art enormen Anteil an diesem Erfolg.

KURIER: Zurück zum Hype. Kann er eine Wirkung auf Mädchen haben und werden gewisse Spielerinnen künftig zu Werbeikonen?

Franziska Wallner: Das wäre der ideale Zeitpunkt. Die Spielerinnen sind medial präsent, ihre Spiele werden verfolgt. Hoffentlich wird bei vielen Mädchen die Begeisterung geweckt und der Druck auf die Vereine größer, endlich Frauensektionen aufzumachen. Ich frage mich, wann Rapid Wien endlich soweit ist.

Lena Holzinger: Ich denke, in der kommenden Saison wird es steigende Zuschauerzahlen in der Bundesliga geben. Das hat man in Deutschland nach der Heim-WM 2011 gesehen. Es wird viel am ÖFB liegen, wie nachhaltig mit dem Hype umgegangen wird. Schafft er es Mädchen langfristig beim Fußball zu halten? Auch die Medien müssen eine Rolle spielen und über den Ligaalltag berichten. Die Spielerinnen können dabei als Role Models dienen. Laura Feiersinger und Manuela Zinsberger verstehen es besonders, sich auf Instagram zu inszenieren und haben beachtliche Followerzahlen. Vor der EM kannte sie kaum jemand. Und wenn schon eine Spielerin Nicole Billa heißt, dürfte sich eine Supermarktkette nicht lumpen lassen, etwas daraus zu machen.

Franziska Wallner, 30, ist in Wien geboren und aufgewachsen. Sie studierte Politikwissenschaft und Geographie und arbeitet im Bildungsministerium. Beim FC Mariahilf ist sie auf dem linken Flügel, im Mittelfeld oder in der Außenverteidigung universell einsetzbar.

Lena Holzinger, 23, lebt in Grünau im Almtal. Sie studierte Medienmanagement, machte im Zuge ihrer Ausbildung ein Praktikum beim VfL Wolfsburg in Deutschland und schreibt für das Fußballmagazin ballesterer. Beim SV Scharnstein bekleidet sie die Position der Stürmerin und kümmert sich um die mediale Präsenz. Sie verfolgt die Spiele des ÖFB-Teams in den Niederlanden, wo zwischen den Spielorten mit dem Fahrrad über 300 Kilometer absolvierte.