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Franz Hasil: Der vergessene Champion
Ein Ball-Genie a. D. will Klarstellung, spricht über Alaba, Arnautovic – und eigene Sünden.
Österreichs einziger Fußball-Weltpokalsieger erlebte das Champions-League-Finale allein vor einem Bildschirm in seiner Wohnung in Wien 2. Obwohl ihn Freunde nach London mitgenommen hätten und er – im Gegensatz zu einer Million abgewiesener deutscher Karteninteressenten – sehr wohl zu einem Finalticket gekommen wäre. Aber vier- bis fünfhundert Euro wollte Franz Hasil, 68, nicht ausgegeben.
Der ehemalige Ausnahmekicker bezieht 2170 Euro Pension. Inklusive jener 26 Euro, die er monatlich für seine Dienstzeit bei Schalke 04 aus Deutschland bekommt. Und inklusive der 140 Euro, die ihm aus den Niederlanden überwiesen werden, wo er fünf Saisonen bei Feyenoord brilliert hatte. Dort ist sogar eine Straße nach ihm benannt. Und dort wurde er noch im Jahr 2000 zum Legionär des Jahrhunderts der Ehrendivision gekürt. Und das, obwohl auch die (jüngeren) brasilianischen Weltmeister Romario und Ronaldo zur Wahl standen.

Und ein bissel wundert es Hasil, dass er, der Einzige, der alle Vereinstitel errungen hat, von keinem einzigen Fernsehsender als Studiogast eingeladen wurde.
Dabei hätte er in seiner unbekümmerten Art so einiges zu erzählen:
Wie er im Mailänder Finale 1970 die Ballathleten von Celtic Glasgow beim 2:1-Sieg schwindlig spielte und dafür 105.000 Schilling Prämie („Heute wären dös gerade amol 7000 Euro“) bekam;
wie er mit Feyenoord Rotterdam vier Monate später auch das Weltpokal-Finale gegen River Plate gewann und südamerikanische Zeitungen nach dem Hinspiel in Buenos Aires schrieben, dass der Wiener Hasil wertvoller als die drei brasilianischen Stars Tostao, Rivelinho und Gerson miteinander sei;
wie ihn Ernst Happel in Rotterdam als Landsmann besonders hart anfasste und er keine Freigabe für freundschaftliche Länderspiele („Sonst hätte ich’s auf viel mehr Teamberufungen gebracht“) bekommen habe;
wie ihm Feyenoords Bosse drei Mal „bis zum Weißensee nach Kärnten“ nachfuhren, um ihn zu überreden zu einer dreijährigen Vertragsverlängerung, die Hasil ablehnte. „Das war ein noch größerer Fehler von mir als meine Casino-Leidenschaft“;
wie seine Feyenoord-Kameraden, angeführt vom gefürchteten Kapitän und Eisenfuß Rinus Israel, mit einem Wiederholungstäter à la Marko Arnautovic verfahren wären. „I war auch net immer brav. Aber mit dem seine Eskapaden hätten s’ mi’ damals um’bracht“;
und weshalb ihm der Hype um David Alaba missfällt.
„Der hebt net ab. Der kann was. Nur spielt Alaba den Ball noch zu oft zurück. Bei den Bayern kann er sich als linker Verteidiger auf super Nebenleut’ verlassen. Aber im Nationalteam . . . ?“

Tatsächlich wurde Hasil seinerzeit hierzulande oft öffentlich lächerlich gemacht, obwohl er sportlich ungleich mehr erreicht hatte als bisher Reibebaum Marko A. Und obwohl sein Lebenswandel trotz folgenschwerer Casino-Besuche letztlich gestimmt haben muss. Anders wär’s nicht möglich gewesen, dass Hasil mit 38 noch topfit um Punkte spielte. Und dass er noch als Endfünfziger bei Juxkickerln gegen 40 Jahre Jüngere seine Hetz hatte.
In so einem Hobbyspiel mit einer monegassischen Promi-Auswahl wär’ dem gutmütigen Hasil in Gegenwart von Hans Krankl allerdings fast die Hand ausgekommen, ehe er sich vom Boden des Hanappi-Trainingsplatzes erhob mit den Worten: „Bist deppert, Prinz?“
Beim überehrgeizigen Wadlbeißer, der Altmeister Hasil von hinten gefoult hatte, handelte es sich um Monacos (nunmehrigen) Fürst Albert. Der hat sich, geplagt von schlechtem Gewissen, bei seinem Foulopfer fürstlich revanchiert, indem er Hasil zu einem dreitägigen Aufenthalt nach Monaco einlud.
Noch spendabler hat sich, wie Hasil zugibt, ein langjähriger, ehemaliger Tennispartner gezeigt: Frank Stronach steckte dem Franz einmal in der Kabine unaufgefordert ein Banknotenbündel zu, nur weil ihn der so treuherzig ansah.
Von seinen Fußball-Siegesprämien hatte Hasil so manche in Casinos rasch wieder verloren. „Ich war kein Spieler, ich war ein Trottel“, sagt er selbstkritisch.
Sein großer Lehrmeister und Erziehungsberechtigter Happel hatte zwar auch gerne gezockt, an Roulettetischen aber eiskalt taktieren und kühlen Kopf bewahren können. So wie auf der Trainerbank erst recht.
Auf den Tag genau vor 30 Jahren war es Happel vergönnt, noch ein zweites Mal zum Meistermacher in Europas Meisterliga zu werden.
Damals coachte er den HSV beim 1:0-Sieg (Tor: Felix Magath) im Athener Finale gegen Juventus Turin.
Und damals war Juventus- Regisseur Michel Platini, entnervt von Happels Taktik, den Tränen nahe. Derselbe Franzose, der gestern als UEFA-Präsident den Champions-League-Pokal im Wembley überreichte.
Mein Name ist Hasil
Franz Hasil, geboren am 28. Juli 1944, wuchs in Wien-Schwechat auf. Seine berufstätigen Eltern konnten ihn in der Nachkriegszeit weder sportlich noch schulisch fördern. Mit 12 kam er zur Rapid-Jugend. Von 1962 bis 1968 bestritt er für Rapid 103 Ligaspiele, gewann mit den Grün-Weißen drei Titel. 1968 wechselte er zu Schalke, bevor Trainer Ernst Happel ihn zu Feyenoord Rotterdam holte. Mit dem Klub gewann Hasil als schusskräftiger Regisseur den Europacup der Meister (heute Champions League) und den Weltpokal. Die Stadt Rotterdam ernannte ihn zum Ehrenbürger. Von 1973 bis 1977 spielte Hasil in Kärnten (Klagenfurt, St. Veit) und anschließend noch bei der Vienna, ehe er sich als Spielertrainer versuchte. Hasil absolvierte 21 Länderspiele. Ein Teamdebüt schon mit 16 Jahren war seinerzeit von Rapid verhindert worden, „weil man mich nicht verheizen wollte“.