Die FIFA steckt tief im Korruptionssumpf.

© REUTERS/ARND WIEGMANN

Fußball
12/01/2015

FIFA-Skandal als Symbol des Werteverfalls im Fußball

Eine US-Richterin stuft die FIFA als eine Organisation mit mafiösen Strukturen ein. Blatter spricht von "Inquisition."

Joseph Blatter hat in den vergangenen Monaten praktisch alles verloren. Trotz ramponierter Reputation, komplettem Machtverlust und merklich angeschlagener Gesundheit hat sich der suspendierte FIFA-Präsident aber eines bewahrt: seine Sicht der Dinge. So wetterte der 79-jährige Schweizer jüngst in seiner Heimat in einem TV-Interview sogar gegen die einst von ihm installierten FIFA-Ethikhüter.

"Als guter Christ muss ich sagen: Was die Ethikkommission mit mir macht, das ist wie eine Inquisition", sagte Blatter kurz vor der noch in diesem Jahr erwarteten langen Sperre, die seine schillernde Funktionärskarriere endgültig beenden dürfte. Der langjährige FIFA-Boss sieht sich als Verfolgter in den Trümmern seines zusammengebrochenen Imperiums, dem Fußball-Weltverband, in dem - so legen es die bekannten Fakten nahe - über Jahrzehnte ein System von massiver Freunderlwirtschaft bis skrupelloser Korruption praktiziert und toleriert wurde.

27. Mai, der Tag an dem alles begann

Der Anfang vom Ende der FIFA im System Blatter ereignete sich im Morgengrauen des 27. Mai. Im noblen Hotel Baur au Lac am Zürichsee nahmen Fahnder der Schweizer Polizei als Amtshelfer der US-Justiz sieben hohe Fußball-Funktionäre wegen Korruptionsverdachts fest - darunter den Blatter-Stellvertreter und -Vertrauten Jeffrey Webb. Zwei Tage vor der Wiederwahl des "ewigen" Präsidenten wurde die FIFA damit in ihren Grundfesten erschüttert.

Blatter witterte schon da Verrat. Der Zeitpunkt der Festnahmen sei von seinen Gegnern in den USA bewusst gewählt. Er stelle "zumindest die Frage, ob es Zufall war", sagte der Eidgenosse. Am Tag seiner Wiederwahl konnte er den Schwarzen Peter noch anderen zuschieben. "Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation."

Umso überraschender kam dann die Rücktrittsankündigung nur vier Tage nach der Wiederwahl. Bis heute ist unklar, was sich im granitgrauen FIFA-Hauptquartier in diesen gut 100 Stunden abspielte: Klare Hinweise von der Justiz oder persönlichen Beratern, dass die Liste der Verfehlungen bis zum direkten Umfeld oder gar dem Präsidenten selber reicht? Blatter schwieg sich zu den Motiven aus, wollte aber plötzlich Reformen auf den Weg bringen, seinem schon bröckelnden Lebenswerk auf der Zielgeraden eine moralische Note geben.

"Wenn man ein neues positives Image der FIFA aufbauen will, dann ist der Umschwung nur überzeugend zu schaffen, wenn auch ein neues Gesicht an der Spitze steht", sagte der damalige DFB-Chef Wolfgang Niersbach als Frontmann der europäischen Anti-Blatter-Koalition - nicht ahnend, dass wenige Monate später diese Aussage auch auf ihn und den deutschen Verband zutreffen würde.

Keine 48 Stunden nach der Rücktrittsankündigung Blatters kamen schon neue Indizien aus den USA. Vor einem Gericht in New York sagte Kronzeuge Chuck Blazer aus. Die in Fußball-Fachfragen unbedarfte Richterin wusste nicht, wie man FIFA ausspricht, machte aber klar, als was sie den Weltverband einstufte: "Racketeer Influenced and Corrupt Organization" - eine Organisation mit mafiösen Strukturen.

Verstecken hinter Konföderationen

Noch konnte sich die FIFA-Administration dahinter verstecken, dass die korrupten Vergehen in den Konföderationen begangen worden seien, vornehmlich in Amerika. Doch die Vorwürfe erreichten bald auch die Zentrale. Eine dubiose Zahlung von zehn Millionen Dollar (9,45 Mio. Euro) wurde vom WM-Gastgeber 2010 aus Südafrika über Zürich Richtung Karibik und den in eine Vielzahl der Skandale verwickelten Jack Warner abgewickelt. Zumindest der verstorbene Finanzchef Julio Grondona muss Kenntnis gehabt haben. Oder auch Generalsekretär und Blatter-Intimus Jerome Valcke?

Noch konnte Blatter alles von sich weisen. Auf Reisen in Länder, in denen ihm eine Verhaftung oder Auslieferung in die USA drohte, verzichtete er aber seither. Valcke musste dann als nächster seinen Posten räumen. Angeblich soll sich der Franzose, vor Jahren schon einmal wegen eines rund 100 Millionen Dollar (94,53 Mio. Euro) teuren Managementfehlers von der FIFA beurlaubt, über Ticketdeals bei der WM 2014 persönlich bereichert oder dies zumindest versucht haben. Beweise stehen noch aus, aber die Einschläge kamen dem Präsidentenbüro immer näher - und trafen schließlich.

Eine Zahlung von zwei Millionen Schweizer Franken (1,83 Mio. Euro) an seinen früheren Vertrauten und heutigen Intimfeind Michel Platini im Jahr 2011 - offenbar an allen FIFA-Finanzkontrollen vorbei und neun Jahre nach der angegebenen Fälligkeit als Beraterhonorar - machte Blatter bei der Schweizer Justiz zum Verdächtigen. Der Vorwurf: "Ungetreue Geschäftsbesorgung". Die FIFA-Ethikkommission sprach am 7. Oktober eine Sperre aus, provisorisch für 90 Tage.

Funktionärswelt im Jahr 2015 am Boden

Es gehört zu den moralischen Verwerfungen des Funktionärsgeschäfts, dass nicht ausgeschlossen wird, dass die Hinweise auf den Deal aus Blatter nahen Kreisen kamen. Die Karriere des Schweizers ist ohnehin perdu. Jetzt ging es vor allem darum, Platinis Kandidatur für den FIFA-Thron zu verhindern. Dem Franzosen und bekennenden Befürworter der Katar-WM 2022 droht wie seinem einstigen Förderer eine lebenslange Sperre und damit auch der Verlust des Präsidentenposten bei der UEFA.

Diese Zuspitzung der Affäre verdeutlicht, wie die Funktionärswelt im Jahr 2015 am Boden liegt. Die sich gerne als strahlendes Imperium der Top-Weltsportart Profi-Fußball gerierende UEFA steht ohne Chef da, tut aber so, als sei dieser noch im Amt. Ein Interimspräsident wurde nicht bestellt. Der Proforma-Vertreter Angel Maria Villar Llona wurde gerade von den FIFA-Ethikhütern wegen mangelnder Kooperation bei der Aufklärung der skandalumwitterten WM-Vergaben 2018 und 2022 zu einer Geldstrafe von 25.000 Schweizer Franken (23.630 Euro) verurteilt.

Als moralische Instanz gegen die Machenschaften in Afrika, Asien und Amerika taugt die Europa-Union jedenfalls nicht mehr. Zumal schlüssig klingende Korruptionsvorwürfe um die EM-Vergabe 2012 an Polen und die Ukraine bis heute ignoriert werden.

Der DFB kein Leuchtturm mehr

Zum Jahreswechsel haben Weltverband, reichster Kontinentalverband und der größte nationale Verband keine ordnungsgemäß gewählten Präsidenten. Der Deutsche Fußball-Bund ist durch den Skandal um die WM-Vergabe 2006 nicht mehr Leuchtturm in einer finsteren Funktionärswelt, sondern mittendrin im Sumpf, der trockenzulegen ist.

Ex-DFB-Präsident Niersbach bekam dies durch seinen unausweichlichen Rücktritt knallhart zu spüren. Die kultivierte Rolle des Aufklärers im Welt-Fußball passte nun gar nicht mehr. Zu sehr hatte er in den Anfängen seiner Karriere den Fädenziehern um Franz Beckenbauer und dessen ins Zwielicht geratenen Beraterfreund Fedor Radmann vertraut. Die Geschäfte liefen damals halt so, lauten die naiv klingenden Statements der deutschen WM-Macher.

Dass auch bei den dubiosen deutschen 6,7-Millionen-Euro-Überweisungen Spuren zur FIFA und zumindest ins Umfeld von Blatter führen, scheint fast schon logisch. Immer lauter werden die Forderungen, dass dem gefallenen Super-Funktionär Beckenbauer das kurz nach dem Sommermärchen verliehene deutsche Bundesverdienstkreuz wieder aberkannt wird.

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