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03.07.2017

Stöger: "Der Trainer ist immer noch die ärmste Sau"

Köln-Coach Peter Stöger genoss den Sommer-Urlaub in Wien und plauderte über seinen Job, seine Heimat Köln, seinen Lebensstandard und den Teamchef-Posten.

Peter Stöger öffnet das Tor zur Gartensiedlung. In bunter Badehose, mit Sommerhemd und in Flip-Flops. Seit zehn Jahren besitzt er das Haus am Badeteich im Süden Wiens. Klein, fein, kein Luxus. Stöger wirkt entspannt, er hat seinen Humor nicht verloren: "Bei einer Veranstaltung wurden wir vor Kurzem begrüßt mit: Hier kommt Köln-Trainer Peter Stöger mit seiner wunderschönen Partnerin Ulrike Kriegler. Einmal möchte ich erleben: Hier kommt Ulrike Kriegler mit dem wunderschönen Peter Stöger. Aber das wird nie passieren."

KURIER: Wie man merkt, es geht Ihnen gut. Reicht die Zeit zur umfassenden Erholung nach so einer Saison?

Für österreichische Verhältnisse sind vier Wochen eh lang. Ich hatte im Sommer noch nie so viel Urlaub. Na ja, dafür gibt’s dann sechs Wochen lang Vorbereitung. Am Saisonende hab’ ich schon gemerkt, wie leer ich war. Ein Dreivierteljahr wurde in Köln diskutiert, ob wir in den Europacup kommen. Aber mir geht’s gut, ich bin sehr weit von einem Burnout entfernt.

Die Belastungen sind wohl höher als in Österreich...

Die Größenordnung ist ein andere. Mittlerweile haben wir in Köln über 90.000 Mitglieder. Das heißt: viele Termine. Das Medienaufkommen ist viel größer. Nur die eigentliche Trainerarbeit ist überall gleich. Egal, ob beim GAK, Wiener Neustadt oder beim 1. FC Köln. Spieler wollen korrekt behandelt werden, Fans wollen Siege, Journalisten wollen Geschichten, Sponsoren wollen zufrieden gestellt werden.

Sie wurden in Köln eine Institution. Bei einem Verein, der kein einfacher ist. Wie haben Sie das geschafft?

Ich bin vier Jahre dort. Bei einem in der Vergangenheit unruhigen Klub. Ergebnisse und Menschen machen eine Sache unruhig. Aber das habe ich so nie wahrgenommen. Die große Negativserie hatten wir zum Glück auch nicht. Wenn ein Team wie Köln eine tolle Saison spielt und bessere Mannschaften auslassen, dann kannst du in den Europacup kommen. Vor sechseinhalb Jahren hatte ich keinen Job. Da habe ich mir nicht vorgestellt, mit einer deutschen Mannschaft in der Gruppenphase der Europa League zu stehen.

Ist es in Köln noch Thema, dass Sie Österreicher sind?

Das ist vollkommen weg, weil die Österreicher in Deutschland einen sehr guten Job machen. Dadurch ist der Witz nicht mehr ganz so lustig. Aber ich hab’ kein Problem damit, der Ösi zu sein.

Die Unterschiede zu Wien?

Schwer zu sagen. Es gibt nämlich mehr Gemeinsamkeiten. Der Kölner ist vielleicht direkter, die Sache mit der Wiener Gemütlichkeit passt aber gut zusammen. Unterschiede? Na ja, ein gutes Wiener Schnitzel. Wobei, es gibt in Österreich viele Gaststätten, die das auch nicht richtig gut können.

Sie fühlen sich in Köln wohl. Wie gehen Sie mit Ereignissen wie der Silvesternacht 2015 um?

Das beschäftigt mich natürlich sehr. Diese Dinge sind genau das Gegenteil, wofür Köln steht. Die Stadt ist multikulti, offen, durchgemischt, man findet schnell Anschluss. Deshalb konnte ich die Geschehnisse nicht einordnen, weil das für mich nicht stimmig und greifbar war. Auch die Menschen hat das belastet.

Juckt es nicht langsam, einen Karrieresprung zu machen? Bei Dortmund waren Sie ein Kandidat.

Selbst wenn es nur ein Journalist schreibt, fühlst du dich geschmeichelt. Ich hab’ schließlich schon ganz andere Schlagzeilen bekommen. Irgendwann hat’s ja nicht einmal für die Vienna gereicht. Nicht bös’ gemeint, aber man sieht, wie schnell das geht. Ich hab jetzt nicht das Bedürfnis, mir oder irgendjemand anderem zu beweisen, dass ich jetzt woanders hin muss. Dafür ist der Verein zu cool, die Stadt zu cool, und der sportliche Erfolg passt.

Und die Verlockung nach einer Verbesserung der persönlichen Finanzen...

Ich nage ja nicht am Hungertuch, ich bin mit viel weniger in Österreich gut zurecht gekommen. Nein, danach strebe ich nicht. Jetzt gebe ich nicht mehr aus, nur weil ich mehr verdiene. Außer für ein paar zusätzliche Flüge zwischen Wien und Köln.

So eine Einstellung kommt gut an. Ein Grund für Ihren hohen Beliebtheitsgrad?

Weiß ich nicht. Ich find’ es nur normal. Ich habe aus den Dingen, die ich in meinem Leben gemacht habe, Rückschlüsse gezogen. Vielleicht, weil ich schon über 50 bin. Wenn mir jemand sagt, dass ich ein Arschloch bin, ärgere ich mich kurz drüber. Dann denk’ ich aber, warum sagt der das? Er muss einen Grund haben. Dann musst du wissen, wie wichtig es dir ist.

Auch mit der Presse haben Sie keine Probleme.

Wir sitzen in unseren Booten, teilen einen See, auf dem wir unterwegs sind. Ich kenne auch die andere Seite. Im Fernsehen, oder bei euch im KURIER als Kolumnist. Hab’ das mitgekriegt mit Zeit- und Platznot, Seiten müssen gefüllt werden. Ich habe für die Medien Verständnis. Das läuft seit sechs Jahren richtig gut. Aber der Herbst kommt, man hat sechs Spiele, null Punkte, und die Sache schaut wieder anders aus.

Dann sitzen Sie wieder hier und schauen auf den Teich.

Ja, aber dann wird es kälter sein als jetzt (lacht).

Ist es auch eine Alterserscheinung, mit Kritik so locker umzugehen?

Es stimmt ja nicht, dass du dich nicht ärgerst. Vielleicht ist die Kritik auch berechtigt. Ich gehöre zu der Klientel, die sehr wohl Zeitungen liest. Ich will wissen, was die Leut’ schreiben.

Die meisten Ihrer Kollegen streiten das ab...

Das können Sie sagen, ich glaub’s nicht. Du musst ja nicht alles 1:1 umlegen, aber es ist wichtig, Strömungen, Tendenzen, Einschätzungen zu kennen. Und wenn ich mit dem Journalisten rede, will ich wissen, wie er denkt.

Ist es Ihre Pflicht, sich immer erklären zu müssen?

Nicht immer. Deshalb hab ich Facebook aufgegeben. Eine absolut richtige Entscheidung. Ich hab’ meine Vorstellungen vor jedem Spiel gepostet, danach meine Erklärungen abgegeben. Mehr nicht. Weil dann so viele untergriffige Reaktionen gekommen sind. Weil’s zum Teil gegen meine Spieler gegangen ist. Ich habe zuerst angedroht, wenn sich das nicht ändert, ist damit Schluss. Funktioniert es nicht, sich normal auszutauschen auf dieser Plattform, muss man damit aufhören. Und so war’s.

Welche Eigenschaft ist für einen modernen Trainer am wichtigsten ?

Vielleicht Verständnis zu haben. Es gibt viele Situationen, in denen man Entscheidungen trifft, die nicht alle verstehen. Und bei einigen Entscheidungen bist du dir nicht zu 100 Prozent sicher, weil alles irgendwie mit Gefühlen zu tun hat. Und wenn man glaubt, die einzige Wahrheit zu besitzen, dann wird es schwierig. Wichtig ist es, Verständnis zu haben, wenn ein Spieler mal schlecht drauf ist, wenn den Fans das Spiel nicht gefallen hat, ein Journalist eine nicht so tolle Schlagzeile raushaut. Vielleicht braucht er es ja momentan für sich im eigenen Haus.

Als Spieler haben Sie anders gedacht...

Ja, da habe ich Dinge gemacht, die zur Folge hatten, rausgeschmissen zu werden. Und da habe ich versucht, einiges aus dieser Zeit mitzunehmen. Der menschliche Umgang hat sich in der Zwischenzeit ja nicht gravierend verändert.

Das heißt...

... das heißt, jeder Spieler kann jederzeit zu mir kommen, das wissen sie. Viele sind verheiratet, viele haben Kinder. Sie stellen vor 50.000 Fans ihren Mann. Ich kann und will nicht ihr Leben bestimmen. Ich bin kein Moralapostel. Wenn am Sonntag frei ist, dann sollen sie am Samstagabend ausgehen. Junge Menschen kann man nicht einsperren.

Am Ende Ihrer Spielerkarriere haben Sie gesagt, nie Trainer werden zu wollen. Warum der Sinneswandel?

Das habe ich auch so gemeint. Weil ich als Spieler gesehen habe, dass der Trainer die ärmste Sau ist. Dadurch habe ich mich in der Struktur und der Planung gesehen. Irgendwie ist das immer mehr gekippt. Jetzt bist du als Trainer immer noch die ärmste Sau, aber du kannst direkt etwas bewirken. Das ist spannend und wiegt das ständige Risiko auf.

Sollte der ÖFB einen neuen Teamchef suchen müssen, werden wohl auch Sie ins Spiel kommen. Und dann?

Nichts. Ich sehe mich momentan zu hundert Prozent als Vereinstrainer, weil mir das Spaß macht. Ich weiß, als Trainer ein ganzes Land zu vertreten, ist die höchste Aufgabe. Aber es passt jetzt einfach nicht. Für den Andi Herzog wär’s genau jetzt richtig. Er hat viel Erfahrung gesammelt in den USA.

Doch er hat nie, so wie Sie, von unten nach oben bei Klubs trainiert. Ein gerechtfertigter Einwand?

Er ist doch im Bereich der Szene unterwegs, die eine Nationalmannschaft ausmacht. Umgekehrt, ein Teamchef, der noch nie mit einer Mannschaft täglich gearbeitet hat und das jetzt auf einmal bei einem Klub tun soll, wäre das doch viel schwieriger.

Sie waren gegenüber Marcel Koller bei dessen Amtsantritt eher skeptisch...

Weil ich immer gehört habe, dass wir eine der besten Trainerausbildungen haben, aber keinen Österreicher gefunden haben. Ich habe mir gedacht, entweder ist sie doch nicht so gut, oder wir sind lauter Deppen. Dennoch: Der Koller hat es richtig gut gemacht. Überhaupt in der Aufbauphase wurden Entscheidungen getroffen, die andere Trainer nicht so gemacht hätten. Aber die waren alle richtig. Almer, Janko oder Arnautovic. Österreich hat noch eine Chance, zur WM zu kommen. Aber es wird schwer.

Wen wünschen Sie sich für die Europa-League-Gruppe?

Die Austria, das wär’s. Und AC Milan.

Bei der Verabschiedung kommen Stögers Bruder und Mutter zu Besuch. "Und jetzt werfe ich den Griller an."