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27.04.2017

FC Bayern: "Wunden lecken" statt Double

Das Aus im Cup-Halbfinale gegen Dortmund erschüttert den FC Bayern in seinen Grundfesten.

Größer hätte die Demütigung nicht sein können. Während aus der Kabine von Borussia Dortmund laute Musik schallte und Bierkästen herangeschleppt wurden, suchte Karl-Heinz Rummenigge wenige Meter entfernt fassungslos und mit versteinerter Miene nach Erklärungen. Das 2:3 im Halbfinale des DFB-Pokals gegen den Erzrivalen hat den erfolgsverwöhnten FC Bayern schwer getroffen - und ihn nach dem Aus in der Champions League in Schockstarre versetzt.

Anstatt wie erhofft das Triple oder wenigstens das Double zu feiern, musste der Vorstandsvorsitzende die Krise moderieren und unangenehme Fragen zur Zukunft des Rekordmeisters beantworten. Auch wenn die 27. Meisterschaft, die die Münchner am Samstag (18.30 Uhr/Sky) in Wolfsburg vorzeitig gewinnen könnten, als Trostpreis bleibt: Es dürfte ein unruhiger Sommer werden - auch für Trainer Carlo Ancelotti, der es wie zuvor Pep Guardiola nicht geschafft hat, die großen Träume des Rekordmeisters zu erfüllen.

Doch so rechte Lust, den Blick nach vorne zu richten, verspürte beim FC Bayern nach einem "bitteren Abend" ( Rummenigge) niemand. "Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über die Zukunft zu sprechen. Jetzt müssen wir erst einmal in Ruhe die Wunden lecken. Das tut weh", sagte der Vorstandsboss ernüchtert. Für eine Saison-Bilanz sei es "noch zu früh", ergänzte Ancelotti. Doch sein Gesicht sprach Bände. Aschfahl analysierte der Italiener die unnötige Pleite, die nicht nur bei Superstar Arjen Robben "Riesen-Enttäuschung und Frust" hinterließ.

"Selbst schuld"

Nur Mats Hummels fand gewohnt deutliche Worte. Auf die Frage, ob ein Titel für die riesigen Ansprüche zu wenig sei, räumte der Weltmeister offen ein: "Angesichts der vielen Chancen, die wir hatten, um ins Finale einzuziehen, kann man das so formulieren. Wir haben das Finale fahrlässig sausen lassen." Der FC Bayern sei "selbst schuld", dass er nicht zum 22. Mal im Cup-Finale stehe, meinte auch Robben mit finsterem Blick.

In der Tat: Nachdem die Münchner noch vor der Pause die zu diesem Zeitpunkt verdiente BVB-Führung durch Marco Reus (19.) dank der Tore von Javi Martínez (28.) und Hummels (41.) gedreht hatten, versäumten sie es leichtfertig, den Sack zuzumachen. Sowohl der sonst so treffsichere Robert Lewandowski als auch Robben vergaben klarste Chancen.

"Da sind wir mit dem Schrecken davongekommen", sagte Thomas Tuchel, bei einem 1:3-Rückstand, ergänzte der Dortmunder Trainer, "wäre es unmöglich gewesen zurückzukommen". So aber verdarben Pierre-Emerick Aubameyang (69.) und der auffällige Jungstar Ousmane Dembélé (74.) nach einem Fehler von Philipp Lahm den Bayern die Cup-Party - sie sorgten beim BVB zwei Wochen nach dem Attentat auf den Mannschaftsbus für reichlich positive Emotionen.

Tuchel sprang nach Spielschluss außer Rand und Band über den Rasen der Arena, seine Spieler fielen sich überglücklich in die Arme. "Das ist eine große Genugtuung", versicherte Sportdirektor Michael Zorc strahlend, "wenn es eine Mannschaft verdient hat nach den letzten Wochen, ein bisschen Glück zu haben und nach Berlin zu fahren, dann Borussia Dortmund". Es fühle sich "sensationell gut an", unterstrich Tuchel.

Umbruch steht an

Während es die Dortmunder, die in der Liga noch den dritten Platz verteidigen wollen, nach dem vierten Einzug ins Pokalfinale in Serie (Rekord!) ordentlich krachen ließen, blieben die Bayern ernüchtert zurück. Ihnen steht ein Umbruch bevor: Lahm und Xabi Alonso haben noch vier Ligaspiele und hören dann auf, Robben (33) und Franck Ribéry (34) sind in die Jahre gekommen. Es werden bereits Namen wie Alexis Sánchez vom FC Arsenal gehandelt.

Doch Robben wollte eine Woche nach dem bitteren Aus in der Königsklasse gegen Real Madrid nicht den Stab über den aktuellen Kader brechen. "Der Hunger ist da, wir wollen. Wir haben eine sehr gute Mannschaft", sagte der Niederländer trotzig, "wir haben nur nicht gewonnen." Und genau das ist das Problem. Schon in Madrid hatte Hummels betont, "dass Fußball ein Ergebnissport ist".

Dennoch, so Lahm tapfer: "Wenn man Meister wird, ist es nie eine schlechte Saison." Aber so auch keine gute. Erstmals seit 2011 finden die Finalspiele im Cup und in der Champions League ohne Münchner Beteiligung statt, dem Kapitän bleibt ein krönender Abschluss in Berlin verwehrt. So schwer es jetzt falle, meinte Lahm, "werde ich trotzdem versuchen, die letzten Wochen zu genießen".