Insel-Idylle: Auf den Färöern sind Papageitaucher ein guter Fang, und das Fußballteam jagt im malerischen Torsvöllur-Stadion Österreich gerne Punkte ab.

© APA/Thomas Eisenhuth

Färöer
10/15/2013

Kick und Kult im Färinger Nieselregen

Wo der Papageitaucher ein Leckerbissen und das Fußballteam kein Jausengegner ist.

von Bernhard Hanisch

Als hätte sich die für das Wetter zuständige nordische Gottheit mit einer Sprühflasche hinter den Nebelfetzen versteckt, fällt unaufhörlich der Nieselregen. Nur der gefürchtete Wind macht Pause. Immer wieder schiebt ein mutiger Sonnenstrahl das Grau beiseite und taucht das vor sich hin dösende Torshavn in satte Farben.

Auf einer Erhebung liegt das National-Stadion. Hochmotivierte Färöer-Teamkicker üben auf wetterbeständigem Kunstrasen. Keine überdachten Tribünen, Felsen, mit Gras bedeckte Häuser umranden das Spielfeld. Aber alles ist im Umbruch begriffen, ein neues Stadion wird gebaut. Die Zeiten sollen bald vorbei sein, in denen Nationalmannschaften in sturmgebeutelten Anflügen auf der Insel landeten, um dort in Wetterlotterien auch ihr Glück zu erzwingen. Fußball ist der Lieblingssport der insgesamt 50.000 „Färinger“, und er soll künftig eher wahrgenommen werden als die Geschichten über das von blökenden Schafen geprägte Inselidyll, oder Rezepte für die Zubereitung des Papageitauchers, welcher im Gegensatz zur Trottellumme irgendwann das Pech hatte, zur gefiederten Delikatesse erklärt zu werden.

Dass die Färöer unter Kennern schon Kult geworden sind, beweist eine österreichische Fangemeinschaft. 15 Männer aus dem Mostviertel, die auf das Länderspiel in Schweden gepfiffen haben, um schnurstracks die Inseln im Nordatlantik als Ziel auszumachen. Das1:1 im Oktober 2008 in Torshavn und vor allem Österreichs 0:1-Niederlage– passiert allerdings 1990 im schwedischen Landskrona – sind schließlich die heroischen Taten in der färöischen Fußball-Geschichte.

Ereignisse, die für Journalisten der Färöer gewissermaßen als ausgeprägter Cordoba-Effekt ewig im Gedächtnis haften. „Ich kenne die Geschichte, hab’ sie aber nicht aufgearbeitet“, beendet der damit konfrontierte Schweizer Marcel Koller jede Vergangenheitsbewältigung, für die er ohnehin nicht zuständig ist.

Rückblicke

„Das ist wirklich schon zu lange her“, sagt Färöer-Teamchef Lars Olsen. Der 52-jährige dänische Europameister von 1992 hat eher das 0:6 im Hinspiel von Wien im Rahmen dieser WM-Qualifikation in seinem Hinterkopf. „Das wohl schlechteste Spiel in meiner Amtszeit.“

Was wiederum nicht bedeuten soll, dass Olsens Bande nicht mit einer Sensation spekuliert. Auch auf sportlichen Ebene haben sich die Zeiten geändert. Sein Team ist längst keine Auswahl von Fischern, Schafzüchtern oder Zipfelmützenträgern mehr. 50 Prozent der Mannschaft sind Profis, gewachsen ist der Optimismus nach dem Punktegewinn vor ein paar Tagen gegen Kasachstan (1:1). Olsen meint, Österreich sei zwar im Verhältnis noch immer eine überdimensionale Fußball-Nation, „aber wir bauen auf unsere kompakte Defensive und auf Konter.“

Und überhaupt: Herz und Zusammenhalt auf der Insel sei unüberbietbar.

Der "Färöer-Pepi" und die Zipfelmütze

Ausgerechnet Färöer. Ausgerechnet auf den Schafsinseln, den Albtrauminseln des rot-weiß-roten Fußballs, hat Österreichs Nationalteam noch eine lästige Pflicht zu erfüllen, nachdem am Freitag in Stockholm die Kür verpasst worden war. Wie zum Hohn kriegen es die ernüchterten Österreicher in diesem zur Bedeutungslosigkeit verkommenen Gruppenfinale mit dem Angstgegner zu tun.

Es ist nur ein schwacher Trost, dass die Österreicher am Dienstag in Torshavn Historisches erreichen können. Immerhin sind die Färöer noch ein weißer Fleck auf der Landkarte des ÖFB: Auswärts wurde die Nummer 182 der Welt in zwei Anläufen noch nicht besiegt.

„Der Stronach hat ein halbes Jahr gebraucht, um sich richtig zu blamieren, mir haben dafür 90 Minuten genügt.“


Einer der genau weiß, welch Bumerang ein vermeintlich leichtes Auswärtsmatch gegen die Färöer sein kann, ist Josef Hickersberger. Als Teamchef wurde er zum Färöer-Pepi, obwohl er die Inseln bis Sonntag nie betreten hatte. Im schwedischen Landskrona verlor er im September 1990 gegen die Färöer 0:1. Im Jahr 2013, angereist in seiner Funktion als ATV-Experte („Eine wirkliche Urlaubsdestination war das nie von mir“), machte er erstmals Bekanntschaft mit den menschenleer wirkenden, dafür von 70.000 Schafen übersäten Inseln. Alles hat sich relativiert. „Der Stronach hat ein halbes Jahr gebraucht, um sich richtig zu blamieren, mir haben dafür 90 Minuten genügt.“ Den Boden hätte er bei der Ankunft aber nicht geküsst. Unter Karel Brückner lief es im Oktober 2008 übrigens auch nicht sehr viel besser – 1:1, diesmal in Torshavn.

Hickersberger nimmt’s längst mit Humor. Dem Großteil der österreichischen Reisegruppe ist das Lachen in den letzten Tagen aber vergangen. „Die Jungs hätten es sich verdient gehabt, dass es auch noch am Dienstag um etwas gegangen wäre“, meint der aktuelle Teamchef. Ja, den Arsch sollten sie sich dennoch aufreißen, um das immer noch positive Image der Nationalmannschaft nicht zu gefährden.

„Es wird noch ein paar Tage oder Wochen dauern, bis wir das aufgearbeitet haben“, räumte Österreichs Torwart Robert Almer ein. „Man hat mich gut aufgenommen aber bei der Ankunft hab’ ich schon gemerkt, dass die Stimmung am Boden ist “, stellte Lukas Hinterseer fest, der zusammen mit Jakob Jantscher für die gesperrten Marko Arnautovic und Marc Janko angeflogen kam.

Pro Koller

Die Aufgabe in Torshavn birgt trotz der unbedeutenden Ausgangslage also doch eine gewisse Brisanz. Über allem schwebt die Unsicherheit um Koller. Er werde sich nach dem Spiel am Dienstag zu seiner persönlichen Zukunft äußern: Nürnberg, oder doch als Teamchef verlängern?

Ein klares Votum für eine weitere Zusammenarbeit kommt vonseiten der Spieler. Kapitän Christian Fuchs: „Die Tendenz des Teams zeigt klar nach oben. Wir müssen jede Entscheidung akzeptieren, aber es wäre falsch, einen Bruch zu machen. Ich wünsche, dass Koller bleibt und glaube, für die ganze Mannschaft zu sprechen.“

David Alaba, der nach der vergebenen Torchance am vergangenen Freitag besonders mit dem Aus in der Qualifikation haderte, sagt: „Wir müssen ruhig bleiben und abwarten. Koller passt gut zu uns und wir haben diesen Teamchef sehr gerne.“

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