Sport | Fußball
10.05.2012

Europäischer Meisterschütze

Ein Kolumbianer herrscht in der Europa League. Nun buhlen die Champions um den Meisterschützen.

Am spanischen Fußball ist nicht nur das Spiel etwas Wunderbares. Auch die Künstlernamen der Beteiligten sind ein Hort der Freude. Weil die Mannschaft von Bilbao den Spitznamen "Löwen" und ihr Stürmerstar Llorente eine dunkelblonde Mähne hat, ist dieser in Spanien der "Rey Leon", der König der Löwen also.

29-mal hat Llorente in dieser Saison getroffen, sieben Mal davon in der Europa League. Im Finale jedoch war der Löwe aus Bilbao zahnlos. Dafür hatte "El Tigre" Biss. Tiger nennen sie in Spanien Radamel Falcao García Zárate, kurz auch bloß Falcao genannt. Der Kolumbianer war mit 33 Toren (zehn davon in der Europa League) im Gepäck nach Bukarest gereist. Nach dem Endspiel hat er zwei mehr auf seinem Konto.

In der Stunde des Erfolges blieb der tiefreligiöse Mann, der als Kind Baseball-Spieler werden wollte und vom Vater nach dem früheren brasilianischen Teamspieler Falcao getauft wurde, bescheiden. "Vom Leben kann man sich nichts mehr wünschen. Ich bedanke mich bei Gott, aber auch bei meiner Familie, den Freunden und Fans", sagte der 26-Jährige.

Etwas reißerischer schrieben die spanischen Medien. "Der Tiger hat die Löwen von Bilbao allein aufgegessen", tischte die Zeitung Público auf. Und das Madrider Sportblatt Marca titelte auf Seite eins: "Radamel, Radamel, Radamel: ich liebe dich". Marca weiter: "Der Kolumbianer schreibt Fußball-Geschichte."

Geschichte

Und die hört sich im Fall von Falcao so an: Nachdem er in vergangene Saison Porto mit 17 Toren zum Europa-League-Titel geschossen und dabei den 15 Jahre alten Torrekord von Jürgen Klinsmann gebrochen hatte, wurde Falcao diese Saison als erster Profi zwei Mal in Serie Torschützenkönig.

"Falcao hat das Tor im Blut", lobte Teamkollege Juanfran den Überflieger. Spielmacher Diego schwärmte: "Er ist einer der besten Stürmer Europas, es ist ein Vergnügen, mit ihm in einem Team zu spielen". Und die Abwehrspieler Europas werden von Madrid-Trainer Diego Simeone gewarnt: "Nach oben hat Falcao keine Grenzen. Er kann viel besser werden. Er ist ein toller Mensch, superehrgeizig, ruht sich nicht auf Lorbeeren aus."

Aber schon kurz nach dem Jubel, war von Abschied die Rede. Nicht von Falcao. Der sagte: "Ich habe noch vier Jahre Vertrag und denke schon an die nächste Saison mit Atletico." Aber der Manager der Madrilenen war skeptisch. "Wenn wir am Sonntag in der Liga die Qualifikation für die Champions nicht schaffen, werden wir ihn kaum halten können", räumte Miguel Ángel Gil Marín ein. Atletico tritt in Villarreal an und hat zwei Punkte Rückstand auf den Vierten aus Malaga (daheim gegen den Vorletzten Gijon).

Bei den spanischen Medien ist unter anderem von Barcelona, Manchester City und Chelsea die Rede. Die besten Chancen dürfte aber Real Madrid haben. Der Manager von Falcao ist Jorge Mendes, der auch Real-Star Cristiano Ronaldo und Trainer José Mourinho betreut. Atlético wird wohl 60 Millionen Euro verlangen für den Stürmer, der im Sommer um 40 Millionen aus Porto kam.

Feiertag für die Zugvögel

Die Spieler von Atletico Madrid landeten Donnerstag Mittag in der Heimat. Den Pokal präsentierten sie mit einem Triumphzug zum Neptun-Brunnen, wo der Anhang traditionell feiert. Nachdem der Schlusspfiff in Bukarest erklungen war, war am Mittwoch die Feier aber in Krawalle ausgeartet. 37 Menschen wurden leicht verletzt, darunter 12 Polizisten. In der Umgebung des Brunnens lieferten sich Randalierer Auseinandersetzungen mit der Polizei und setzten Müllcontainer in Brand.

Vor zwei Jahren feierten an diesem Brunnen am Paseo del Prado die Fans den letzten großen Titel. Atletico Madrid hatte in Hamburg im Finale der Europa League Fulham nach Verlängerung 2:1 besiegt. Zwei Jahre später stand gegen Bilbao kein einziger dieser elf Spieler in der Startformation.

Die Fluktuation bei Atletico ist groß. So ist auch die Zukunft des 27-jährigen Diego ungewiss. Allerdings ohne Zutun der Madrilenen. Der Brasilianer, der im Finale das 3:0 schoss, ist nämlich nur von Wolfsburg geliehen. Dort wurde er vor einem Jahr nach seinem Ersatzbankboykott zur unerwünschten Person erklärt, mittlerweile will ihn Felix Magath sogar zurück. Der Spielmacher hat in Spanien schnell Fuß gefasst. Nicht in jeder Mannschaft fand er sich zurecht. Oder fanden sich die Mitspieler mit ihm nicht zurecht.

Auf seiner ersten Europa-Station Porto lief es für Diego Ribas da Cunha nicht sonderlich gut. Danach, 2006 bis 2009, spielte er in Bremen hervorragend. Dann kam die Enttäuschung bei Juventus, der Frust in Wolfsburg. Und endlich die Krönung bei Atletico.