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Tagebuch
11/29/2015

Ernst Happel: Wegbereiter für Klopp und Guardiola

Österreichs Trainer-Guru starb im November 1992, am Sonntag vor 90 Jahren kam er auf die Welt.

Deutsche Medien würdigen ihn schon seit Tagen als d i e österreichische Fußball-Legende. Denn am heutigen 29. November, wenn sein Stammklub Rapid im Ernst-Happel-Stadion gegen Altach spielt, wäre der Mann, nach dem die Arena im Wiener Prater benannt ist, 90 Jahre alt geworden.

Ernst Happel widmete sich als ÖFB-Teamchef bis zum letzten Lungenzug (er war starker Raucher) dem Fußball. Auch noch im Vorfeld eines Länderspiels gegen Deutschland. Das Match in Nürnberg endete remis. Happel hatte wenige Tage davor – nur 66-jährig – den Kampf gegen den Krebs verloren. Seither lässt ÖFB-Generaldirektor Alfred Ludwig jedes Jahr im November am Ehrengrab der Stadt Wien in Hernals einen großen Kranz niederlegen.

In Wien nannten sie Happel den "Wödmasta", obwohl er "nur" WM-Dritter (1954 als Österreichs Abwehrchef) und "nur" Vizeweltmeister (1978 als Teamchef der Niederlande) gewesen war. Bei der WM 1978 trickste Happel zunächst in Córdoba seine Landsleute und späteren Córdoba-Helden taktisch grausam aus (Österreich unterlag eine Woche vor dem Deutschland-Sieg mit 1:5 gegen die Niederlande), bevor seine Oranjes im Buenos Aires das WM-Finale gegen Gastgeber Argentinien im wahrsten Sinne des Wortes verlieren mussten. Jeder ahnte, dass Argentiniens WM-Titel von der brutalen Militär-Junta angeordnet gewesen war. Doch jeder kuschte vor dem (später zur lebenslänglicher Haft verurteilten) DiktatorJorge Videla. Nicht so Happel. Als zwei seiner Spieler von Militärpolizisten unsanft zum Stillstehen während Videlas Ansprache aufgefordert wurden, zog Happel demonstrativ sein Team vom Staatsbankett ab. Worauf die niederländischen Finalisten zwei Tage später im River-Plate-Stadion wie Staatsfeinde behandelt wurden.

Happel reagierte nach außen hin ähnlich gelassen wie acht Jahre davor beim Weltcup-Finale gegen Estudiantes, als der vom ihm gecoachte Meistercup-Sieger Feyenoord Rotterdam (mit dem Wiener Franz Hasil) in Buenos Aires fast gesteinigt worden war. Und danach trotzdem den Pokal gewann. Happel war als Spieler und Trainer ebenso genial wie unberechenbar. Vor allem aber war Happel seiner Zeit voraus. Das behaupten selbst die deutschen Fußballgurus Franz Beckenbauer und Günter Netzer, die beim Hamburger SV unter Happel gedient hatten.

Horst Hrubesch, der beim Finalsieg des HSV im Meistercup 1983 gegen Juventus dabei war, schwärmt über Happel gar wie über einen Messias. Happel ließ die Verteidigung hoch stehen. Forcierte Offensivfußball mit Angriffspressing, ohne oberg’scheites Vokabular zu brauchen. Er legte Wert auf viel Ballbesitz. Er verlangte in einem seltsamen Wortgemisch aus Holländisch, Wienerisch und sehr wenig Hochdeutsch genau das, wofür jetzt Pep Guardiola als Revolutionär gepriesen wird. Vor allem Jürgen Klopp erinnere ihn an seinen Vater, sagt Ernst Happel Junior, 62. Letzterer sieht seinem Papa so ähnlich, dass eine Frau, die ihn bei einem HSV-Match gegen Hannover im Stadion sah, irritiert stammelte: "Aber Herr Happel, Sie sind ja schon tot."

Enkelin Christina Happel berichtet, dass auch in Holland die Leut’ vor Aufregung z’sammenrennen, wenn sie ihren Papa sehen – als wäre ihr Opa wiederauferstanden. So abweisend und gefühlskalt Happel in der Öffentlichkeit oft rüberkam, so liebevoll, versichern seine Enkel, sei er stets ihnen gegenüber gewesen. Philipp Happel ist in Singapur in leitender Funktion für die Lufthansa tätig. Seine Schwester Christina (früher Sky, zuletzt PR-Chefin von RB Leipzig) hat sich als Medien-Lady einen Namen gemacht. Just in jener Branche, der ihr Opa mit größtem Misstrauen begegnet war. Generationen von Reporter-Promis ließ Happel abblitzen.

Andrerseits konnte er gegenüber Lehrbuam durchaus hilfsbereit sein. So hatte er mich beim ersten Treffen im 70er-Jahr eine Viertelstunde lang nur angeschwiegen, ehe der Meistermacher den journalistischen Anfänger aus Wien später von Rotterdam nach Amsterdam zum Flughafen chauffierte. Und so schlug Happel fast 20 Jahre später just den Heiligen Abend um 12 Uhr mittags als Interviewtermin in einem verrauchten Wiener Gürtel-Café vor, wo er während der folgenden vier Stunden verriet, dass er den Krebs im Griff und soeben ein Superangebot aus dem Iran erhalten habe. "Wo’s mi mit Geld derschlagen wollen." Die Perser hatten schlechte Karten: Mit wem hätte Happel auch "Schwarze Katz" spielen sollen im Land der Ayatollahs? Beim Kartenspiel konnte er mehr Emotionen zeigen als auf der Trainerbank – wie Peter Pacult als Augenzeuge bei einer Tournee mit dem FC Tirol in Asien mitbekam. Dort hatte Happel den Kartentisch samt Karten in den Swimming-Pool gekippt. Bloß aus Zorn über inferiore Spielpartner. Um Geld ging’s dem Gambler, der einst so manche seiner 18 Meisterprämien in Casinos verzockt hatte, im Herbst seines Lebens längst nicht mehr. Das bewies er anlässlich der WM 1990 auch dem KURIER. Zumal ihm Deutschlands größte Zeitung für eine Kolumnen-Tätigkeit eine zehn Mal höhere Summe in Mark bot als der KURIER in Schilling. Und Happel trotzdem für vier WM-Wochen "unser Kollege" wurde.