Sport | Fußball
09.01.2012

England-Fan in der Wiege des Fußballs

In Sheffield nahm der Sport mit dem runden Leder seinen Anfang - dort hat der Grazer Johannes Ertl sein Glück gefunden.

Johannes Ertl lebt in einer eigenen Welt. In seiner eigenen Fußballwelt. Der Steirer kickt dort, wo der Fußball seine Wurzeln hat - in Sheffield. Im geografischen Zentrum Englands wurden jene Regeln aufgestellt, die auch heute noch Gültigkeit haben. "Ich lebe praktisch an den Wurzeln des Spiels", lacht Johannes Ertl, den alle nur Johnny nennen.

Der 29-Jährige ist vor vier Jahren von der Wiener Austria weg ausgezogen, um seinen Horizont zu erweitern und Fußball in Reinkultur zu erleben. Der Weg führte ihn über Crystal Palace und London zu Sheffield United. Nach einem Kreuzbandriss im März hat er sich wieder zurückgekämpft in die Startelf des englischen Drittligisten. Am Samstag war Ertl beim 3:1-Heimsieg in der 3. FA-Cup-Runde gegen Fünftligist Salisbury vor 11.000 Zuschauern im altehrwürdigen, 1855 gebauten Stadion Bramall Lane im Einsatz.

KURIER: Wie geht es Ihnen, hält das Knie wieder?
Johannes Ertl: Es geht mir wieder gut. Ich bin körperlich sehr gut drauf und freue mich, dass ich wieder Fußballspielen kann.

Sie sind aus der Großstadt London nach Sheffield gezogen. Ein Kulturschock?
Nein. Die meisten Leute verbinden mit England nur London. Jetzt habe ich hier die wahre Schönheit des Landes kennengelernt. London ist kosmopolitisch, aber das hier ist das echte England. Sheffield war eine Industrie-Stadt mit vielen Minen und Fabriken, heute ist es eine Studentenstadt mit zwei großen Unis. Es ist eine junge, lebendige Stadt.

Wie steht’s mit der Sprache und dem Dialekt?
Hier wird ganz anders gesprochen. Bei unserem Greenkeeper muss ich ganz genau hinhören, um ihn zu verstehen. Die Kollegen im Verein lachen vor allem, wenn ich in ihrem Slang mit ihnen spreche.

Sie sind ein Freund von Kunst und Kultur. Da kann Sheffield mit London aber nicht Schritt halten ...
Dafür ist Manchester nur eine Stunde entfernt. Dort gibt es eine tolle Musik-Szene, in die ich gerne eintauche. Die Leute sind hier extrem freundlich. In London gehst du als Einzelner unter. In Sheffield sind die Menschen offener, man unterstützt einander viel mehr.

Zudem hat die Landschaft auch einiges zu bieten.
Auf alle Fälle, mit meiner Freundin habe ich mir Leeds und Nottingham angesehen. Ich liebe es, auf Märkte zu gehen. So lernst du das Land richtig kennen.

Fußball spielen Sie so ganz nebenbei auch noch. Welche Ziele haben Sie?
Der Verein will aufsteigen. Sheffield ist ein großer Klub mit sehr viel Tradition. Unser Stadion ist das älteste der Welt, in dem noch immer Profi-Fußball gespielt wird. Ich bin an den Wurzeln des Sports angelangt. Selbst Pele war in Sheffield, um sich das Fußballmuseum anzusehen.

Auf welcher Position kommen Sie zum Einsatz?
Ich bin universell einsetzbar. Damit habe ich mir schon einen Namen gemacht. Zuletzt habe ich im Mittelfeld gespielt, sonst bin ich auch Innenverteidiger.

Das Nationalteam kann aber gute rechte Außenverteidiger brauchen. Das haben Sie unter Teamchef Josef Hickersberger gespielt.
Aber diese Position ist nicht ganz meins. Ich kann dort aushelfen, eine Dauerlösung ist es jedoch nicht.

Ist eine Rückkehr nach Österreich ein Thema für Sie?
Nein. Ich möchte noch zwei Jahre bleiben, danach vielleicht in einem anderen Land Erfahrungen sammeln.

Hatten Sie nie Angst vor dem Neuen?
Ich bin ein offener Typ. Natürlich ist es am Anfang sehr schwer. Es gibt viele Aufs und Abs. Aber wenn man die überwunden hat, dann gehen so viele Türen für einen auf. Ich bin so richtig drinnen im englischen Fußball mit den Fans und dieser Leidenschaft – das kann mir niemand nehmen. Ich habe also keinen Grund zu gehen.

Gegangen ist Gary Speed. Der walisische Teamchef, der vor kurzer Zeit Selbstmord begangen hat, hatte Sie nach Sheffield geholt.
Richtig, unter seiner Führung bin ich zum Klub gekommen. Fünf Monate später wurde er Teamchef von Wales. Die Nachricht von seinem Tod war ein großer Schock für uns alle. Gary war eine große Persönlichkeit und ein toller Mensch. Ein Mal bin ich zu ihm gegangen und habe gefragt, ob ich für zwei, drei Tage zu meiner Familie fliegen könnte. Er hat mir eine Woche frei gegeben. Diese Erinnerungen kommen immer wieder rauf.

Verschwenden Sie Gedanken an das Nationalteam?
Das Team ist immer ein Thema, solange ich aktiv Fußball spiele. Ich war immer stolz, das Teamtrikot zu tragen. Natürlich habe ich zuletzt auch den Teamchef-Wechsel genau verfolgt.

Hat Sie noch nie jemand vom österreichischen Verband in England beobachtet?
Nein, das ist auch ein wenig enttäuschend. Aber mit meinem Wechsel nach England bin ich offensichtlich auch aus dem Shopping-Window verschwunden. Man blickt öfter nach Deutschland als nach England. Ich sehe es so: Wenn’s passt, dann wär’s fein.

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