Der Rubel rollt: Ob in die Otkrytije-Arena in Moskau - oder in die Taschen von Russlands Teamchef Fabio Capello.

© REUTERS/SERGEI KARPUKHIN

EM-Qualifikation
06/14/2015

Russlands Fußball sucht nach Anerkennung

Das Stadion in Moskau ist gegen Österreich bei Weitem nicht ausverkauft – Vorteil Österreich?

von Bernhard Hanisch

Die Lichter der Bühne werfen ihre knallige Buntheit auf die Gesichter der jungen Mädchen, die mit von Wehmut aufgerissenen Augen jenen Mann verfolgen, der eigentlich ihr Großvater sein könnte. Laut singend, unbeeinflussbar bleibt die Textsicherheit. Verbundenheit wird zelebriert, schmachtend. Weniger zum Generationen entfernten Sänger als auf die gemeinsame Liebe, die an diesem Tag nur Russland heißt. Es ist Der Tag Russlands, 12. Juni, Nationalfeiertag. Stundenlang überträgt das Fernsehen dargebotene musikalische Huldigungen. Die kollektive, weiß-blau-rot verzierte Feierlaune auf Moskaus Plätzen entlädt sich im finalen Riesenfeuerwerk.

Wer solch eine Stimmung verbreitet, müsste neben dem Gefühl des Stolzes auch noch Raum für Zufriedenheit in seiner Gefühlswelt finden. Klingt einleuchtend. Aber ein Fußball-Länderspiel als Gelegenheit, den nationalen Schulterschluss und dadurch freigesetzte Macht ins internationale Licht zu rücken?

Verweigerung

Funktioniert dann doch wieder nicht. Gestern waren für das EM-Qualifikationsspiel am Sonntag gegen Österreich nur 17.000 Karten weg. Skepsis geht um, dass die erst im Vorjahr eröffnete Otkrytije-Arena trotz eines potenziellen Besucher-Reservoirs von 20 Millionen Menschen – so Moskaus inoffiziell geschätzte Einwohnerzahl – ausverkauft sein wird. Lächerlich wenige Menschen, nämlich 42.000, würde es vergleichsweise dafür brauchen.

Sergej ist nicht überrascht. Der Journalist einer bekannten Sport-Tageszeitung will gar nicht schlecht über Russland reden. "Weil das regelrecht von ausländischen Fragestellern schon erwartet wird." Er kann aber nicht anders, wenn der Fußball ins Spiel kommt. Und es sei unrichtig, Russland immer wieder als die große Sportnation hinzustellen. "Das beweisen einige Zahlen in den Medien", meint Sergej. Manchmal lächelt er. Aber nur kurz. So als könnte dies den Ernst der Lage empfindlich stören.

Ja, viele hielten sich am Wochenende lieber in ihrer Datscha am Moskauer Stadtrand auf, als ins Stadion zu gehen. Aber Russen seien vor allem gnadenlos in ihrer Verweigerung, wenn es nicht läuft. Fünf Punkte hinter Österreich – unglaublich ist eine solche Zwischenbilanz.

Eine Zwischenbilanz, die mit einem prominenten italienischen Trainer eigentlich nicht existieren dürfte. "Der Mann verdient sieben Millionen Euro im Jahr, würde 32 Millionen Ablöse kosten, wenn er geht. Und dann so etwas. Fabio Capello soll gehen. Aber man kann ihn halt nicht so leicht loswerden", sagt Sergej. Idiotisch, so einen Vertrag überhaupt auszuhandeln.

Geldflüsse

Russlands Fußball hat sich in den letzten Jahren kaum weiterentwickelt. Vor allem nicht in der Nationalmannschaft. Dass Capello hier nichts bewegt hat, hinterlässt allgemeine Ernüchterung. Kein Zufall, dass das Aufgebot gegen Österreich keinen einzigen Legionär beinhaltet, also keinen Russen, der in einer starken ausländischen Liga sein Geld verdient.

"Genau hier beginnt das nächste Problem: Die Liga zahlt anscheinend so gut, also bleiben alle lieber hier." Zur Attraktivität trägt dies nichts bei. Ein Schnitt von zirka 10.000 Zuschauern pro Match in der vergangenen Saison bedeutet Negativrekord. Meister wurde Zenit St. Petersburg.

Auch der Umstieg weg von der Ganzjahresmeisterschaft hin zum mitteleuropäischem Vorbild war keine gute Idee. Gespielt wird zu wenig in den Sommermonaten, sondern auch im Dezember. Ein Moskauer Stadtderby bei –15 Grad taugt höchstens zur persönlichen Abhärtung.

Immer wieder hört man von Korruption, von persönlicher Bereicherung bei Transfers, die auch von lokalen Politgrößen mitgetragen wird. Von Versuchen, mit finanziellen "Zuwendungen" die Medien gefügig zu machen.

Russlands Fußball humpelt. Aber er will Anerkennung. Durch die Austragung der WM 2018 zum Beispiel. Auf der Fahrt vom Flughafen ins Zentrum erhascht man einen Blick auf das eingerüstete Dynamo-Stadion. Rege Bautätigkeit, Runderneuerung. Denn niemand glaubt hier, die WM-Vergabe könne rückgängig gemacht werden. Witali Mutko schon gar nicht. "Alles läuft nach Plan", bekräftigte der russische Sportminister vor wenigen Tagen.

"Ich denke, die Vergabe ist nicht anders abgelaufen als jene für Brasilien. Zumindest war es nicht schlechter", meint Sergej.

Und jetzt grinst er. Etwas länger sogar.

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