Sport | Fußball
11.05.2017

"Die FIFA verliert die Glaubwürdigkeit"

Der frühere FIFA-Manager kritisiert den Fußball-Weltverband und sieht weitere Probleme kommen.

Es geht gerade wieder drunter und drüber beim Fußball-Weltverband (siehe unten). Der Reformprozess, den der nicht mehr ganz neue FIFA-Präsident Gianni Infantino einleiten wollte, ist gestoppt. Der KURIER befragte vor dem FIFA-Kongress in Bahrain den langjährigen FIFA-Manager Guido Tognoni, der seit Jahren als erbitterter Kritiker des Verbandes auftritt.

KURIER: Die FIFA sorgt wieder einmal für Schlagzeilen.

Guido Tognoni: Und sie können sich sicher sein: Die FIFA wird noch lange Zeit nicht zur Ruhe kommen. Aber sie hat sich ja auch lange genug viel zu sicher gefühlt.

Was meinen Sie damit?

Es sind einfach viele Jahre vergangen, bis endlich der Zeitpunkt gekommen ist, dass die Justiz einmal großflächig die FIFA angegriffen hat. Genau das passiert nun seit einiger Zeit. Insofern wird auf die FIFA noch einiges zukommen. Die Bedrängnis von außen wird nicht geringer werden. Weil bei der FIFA auch immer wieder ein neues Fass geöffnet wird.

Wie präsentiert sich für Sie der Fußball-Weltverband aktuell?

Die FIFA ist völlig verunsichert. Einerseits, weil sie gerade von unabhängigen Justizbehörden in die Enge getrieben wird wie nie zuvor. Andererseits hat die FIFA finanzielle Probleme. Und dazu ist sie innerlich überhaupt nicht gefestigt. Insofern durchlebt die FIFA gerade eine schwierige Phase.

Aber hat nicht Gianni Infantino nach seiner Inthronisierung gemeint: Die Krise ist vorbei?

Das hat er vermutlich im Überschwang des Erfolges gesagt, das war nichts weiter als ein hehrer Wunsch. Die Realität hat auch Gianni Infantino längst eingeholt.

Wie fällt denn Ihr Zwischenfazit seiner Amtszeit aus?

Infantino hatte zu Beginn große Mühe, in die Spur zu finden. Das hat auch jeder gemerkt. Ich glaube, dass er immer noch dabei ist, seinen Weg zu finden. Dazu stellt sich die Frage, wie frei Infantino überhaupt in seinen Entscheidungen ist.

Gerade wurden mit Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély die wichtigsten Personen der FIFA-Ethikkommission abmontiert.

Das hat einen großen Einfluss auf die Außendarstellung der FIFA. Es ist nach außen ein verheerendes Zeichen, dass die beiden jetzt durch andere Leute ersetzt wurden. Das heißt im Grunde, man hat bei der FIFA den Kampf gegen die Korruption schon halb aufgegeben.

Welche Folgen hat das?

Es gibt bei der FIFA Leute, die, sagen wir einmal, ein eher entspannteres Verhältnis zur Korruption haben. Die FIFA sagt, sie versucht, die Korruption zu bekämpfen, aber wenn man ihr die Mittel und die besten Leute nimmt, und das sind nun einmal Eckert und Borbély, dann verliert sie natürlich jegliche Glaubwürdigkeit.

Kann die FIFA überhaupt von innen reformiert werden?

Klare Antwort: Nein. Das hat die FIFA ja in den letzten Jahren nachhaltig bewiesen, dass sie es nicht kann. Es braucht eindeutig den Druck von außen. Selbst ein Präsident, der sie wirklich reformieren möchte, ist auf verlorenem Posten in so einem globalen Unternehmen, in dem die Korruption in den größten Teilen der Welt und in den größten Teilen der Verbände eine Rolle spielt. Gianni Infantino müsste eigentlich froh sein für jeden Druck, der von außen kommt. Anders wird es nicht gehen.

Das FBI ist ohnehin schon seit einiger Zeit am Ball. Genau, und bei den Amerikanern und dem FBI wissen wir: Mit denen ist nicht zu spaßen. Dazu ist die Schweizer Bundesanwaltschaft dran, auch die Deutschen ermitteln. Die FIFA sollte nicht den Fehler machen, die Justiz aus Deutschland, den USA und der Schweiz zu unterschätzen. Das sind Leute, die müssen etwas abliefern, die können und werden es sich es nicht leisten, etwas versickern zu lassen. Aber es geht ja längst nicht nur um die FIFA.

Wovon sprechen Sie?

Wir schauen jetzt nur auf die FIFA, aber beim IOC sieht es um nichts besser aus. Die großen Verbände, die in den letzten Jahrzehnten ohne viel Aufwand zu viel Geld gekommen sind, haben offensichtlich den Umgang mit dieser komfortablen Situation noch nicht richtig gelernt. Wir müssen allerdings festhalten: Wir drängen jetzt im Sport auf Transparenz, ich möchte nicht wissen, was in der Politik und der Wirtschaft abgeht, wenn es um globale Projekte geht.

Die FIFA und das Internationale Olympische Komitee stehen mehr in der Öffentlichkeit.

Klar ist es schick, die FIFA zu attackieren. Allerdings bietet sie auch extrem viel Angriffsfläche. Wenn man jetzt darüber redet, die Bezüge der Mitglieder des neuen Councils von 300.000 auf 450.000 Dollar anzuheben, für vier Sitzungen im Jahr wohlgemerkt, dann schafft das natürlich kein gutes Bild. Das passt nicht mehr in die heutige Zeit. Der Umgang mit dem großen Geld fällt vielen Leuten nicht leicht.

Geht’s dem Weltverband immer noch zu gut?

Ich sage es schon seit Jahren: Die FIFA ist fett und zu aufgebläht. Sie bräuchte dringend eine Schlankheitskur. Aber die wird sie wahrscheinlich erst unternehmen, wenn ihre das Geld ausgeht. Im Moment lebt die FIFA noch von den Reserven.

Die belaufen sich immerhin auf über eine Milliarde Dollar.

Aber die FIFA hat zwei schwierige Turniere vor sich, die WM 2018 in Russland und die WM 2022 in Katar. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass man für das Turnier in Russland noch weitere Sponsoren finden wird. Wer will schon in der heutigen geopolitischen Lage mit Russland und der FIFA im gleichen Boot sitzen?

Es findet sich inzwischen ja auch kaum noch ein europäischen Land, das eine Fußball-WM oder Olympische Spiele austragen möchte.

Man kann’s überall sehen: In allen Ländern, in denen demokratische Zustände herrschen, in denen also die Bevölkerung etwas zu sagen hat, haben die großen Sportprojekte keine Chance mehr. Das ist eine schlechte Entwicklung, aber wer sagt, dass man die nicht ändern kann? Man muss einfach mit den Ansprüchen runter. Man kann nicht diesen Dampfer immer in die gleiche Richtung weiterfahren lassen.

Abschließend: Das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" nannte Gianni Infantino zuletzt "eine Kopie seines Vorgängers". Steckt in ihm denn ein kleiner Joseph S. Blatter?

Er hat natürlich vom Vorgänger ein ziemliches Schlamassel geerbt. Man muss ehrlicherweise aber auch sagen: Infantino ist es bis jetzt nicht gelungen, sich aus dem Schatten von Blatter zu lösen. Ich würde aber nicht so weit gehen, dass er eine Karikatur seines Vorgängers ist.

Glauben Sie, dass Blatter eine Genugtuung verspürt, weil auch sein Nachfolger ins Schussfeld geraten ist ?

Er wird diese Entwicklungen sicher mit einer gewissen Freude verfolgen. Dass es eben auch den anderen an den Kragen geht. Aber bei ihm überwiegt meines Erachtens noch immer der Schmerz über seinen schmählichen Abschied. Das hat ihn schwer getroffen. Was mit ihm passiert ist, was auch mit anderen FIFA-Funktionären passiert ist, das ist eine klare Warnung an die ganze Gilde. Dass man nicht so weiterwurschteln kann.

Zwei Unbequeme wurden ersetzt

"Das wirft die Reformen um Jahre zurück, die FIFA wird deswegen leiden", sagte der frühere Chef-Ermittler Cornel Borbély. "Mehrere hundert Fälle sind noch offen. Wir haben viele laufende Untersuchungen", verriet er. Der Schweizer und der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert sind vom FIFA-Council nicht wieder zur Wiederwahl als Spitze der FIFA-Ethikkommission vorgeschlagen worden. Bis auf zwei Mitglieder der beiden Ethikkammern wurde das Personal komplett ausgetauscht.

Seit 2015 hat die Untersuchungskammer 194 Voruntersuchungen durchgeführt und die rechtsprechende Kammer über siebzig Funktionäre verurteilt. Unter Borbély und Eckert wurden unter anderen der ehemalige FIFA-Präsident Joseph Blatter sowie der frühere UEFA-Boss Michel Platini zu mehrjährigen Sperren verurteilt und auch Verfahren im Skandal um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland geführt.

"Was werden die Strafverfolger in Bern machen, was werden die Strafverfolger in den USA machen?", fragte Eckert. "Es wird nicht einfacher für die FIFA." Im laufenden US-Verfahren gilt die FIFA bisher als Opfer, was sich aber noch ändern kann, wenn ihre Spitzen kein glaubwürdiges Aufklärungs- und Reformbemühen zeigen.

Als neue Chefermittlerin schlug das FIFA-Council die Kolumbianerin Maria Claudia Rojas vor, für die rechtsprechende Kammer den Griechen Vassilios Skouris.