Sport | Fußball 28.03.2012

Cerny: "Alaba ist im Kopf sehr klar"

© Bild: Andreas Heidenreich

Harald Cerny über die Jugend-Arbeit bei Bayern München, den Weg von David Alaba und die Zukunft von Österreichs Team.

Wenn der FC Bayern (20.45 Uhr, live Sky) im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League in Marseille antritt, dann werden bei den Münchnern Spieler aus dem eigenen Nachwuchs eine große Rolle einnehmen.

Egal ob Lahm, Schweinsteiger, Badstuber, Kroos, Müller und mit Abstrichen auch Alaba – an dessen Karriereweg auch die Wiener Austria großen Anteil hat – sie alle wurden dort ausgebildet, wo Harald Cerny heute ihre Nachfolger auf eine Karriere vorbereitet. Der KURIER traf Österreichs Ex-Teamspieler am Bayern-Trainingsgelände in der Säbener Straße.

KURIER: Herr Cerny, Sie leben schon seit 22 Jahren in Deutschland. Fühlen Sie sich noch als echter Österreicher?
Harald Cerny: Das lass’ ich mir nicht nehmen. Als ich 1992 bei Bayern gespielt hab’, hat der Hoeneß gemeint, ich soll die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Aber das war bis heute nie ein Thema, obwohl ich mittlerweile länger hier bin als ich je in Österreich gelebt habe.

Aber die deutschen Tugenden dürften Sie, so wie den bayrischen Dialekt, längst verinnerlicht haben.
Zwangsläufig muss man sich an die Mentalität anpassen. Aber so unterschiedlich sind die Tugenden gar nicht.

Sie sind heute Trainer im Nachwuchs und nicht wie Ihre ehemaligen Kollegen Kühbauer, Schöttel und Co. im Profigeschäft. Was macht den Reiz aus, in der Jugend zu arbeiten?
Es ist etwas Besonderes. Speziell in der Phase, wo die Pubertät losgeht und andere Interessen dazukommen. Man muss sehr viel auf die Jungs eingehen. Beim einen musst du Vaterfigur sein, der andere ist schon weiter. Es ist jedes Jahr spannend, wenn du 20 neue Burschen bekommst und in jeden einzelnen hineinhören musst.

Worauf legt der Trainer Cerny besonderen Wert?
Dass die Jungs mit Spaß und Begeisterung dabei sind, sich nie mit einer erreichten Situation zufrieden geben und sich von selbst weiterentwickeln wollen.

Hatten Sie Vergleiche mit österreichischen Teams?
Wir haben gegen Rapid, Austria oder Salzburg gespielt. Bis zur Unter 19 ist alles sehr ausgeglichen, da sind die Österreicher auf Augenhöhe. Da entscheidet nur die Tagesverfassung.

Wo liegen dann die großen Differenzen?
Im Übergang vom Nachwuchs- zum Profispieler. Das liegt daran, dass die österreichische Liga nicht vergleichbar mit europäischen Topligen ist und der Anschluss für die Talente fehlt.

Wo sehen Sie sich selbst in der Zukunft? Bleiben Sie im Nachwuchs oder lockt Sie das Profigeschäft?
Momentan macht mir die Nachwuchsarbeit viel Spaß, weil die Jugendlichen sehr begeisterungsfähig sind und es auch der Abstand zum Profigeschäft ist, den ich nach meiner Karriere haben wollte. Außerdem ist es wichtig, den Trainerjob von unten herauf zu lernen. Aber wir werden sehen, wo es mich einmal hinführt.

Warum ist es wichtig, den Trainerjob "von unten herauf" zu lernen?
Man sieht die Entwicklung eines Spielers von Beginn an und erlebt, wie Riesentalente von einem Tag auf den anderen weg sein können. Diese Basis kann mir keiner mehr nehmen und sie ist vor allem deshalb so wichtig, weil die Spieler heutzutage in immer jüngerem Alter ins Profigeschäft kommen. Dazu kann man als Trainer auch einen Fehler machen, der nicht gleich bestraft wird.

In Österreich hat ein Generationswechsel auf den Trainerbänken stattgefunden. Es gibt auch einen neuen Teamchef. Verfolgen Sie das Geschehen?
Klar, es freut mich, wenn ehemalige Kollegen wie Schöttel, Stöger oder Kühbauer als Trainer erfolgreich sind. Was die Teamchef-Wahl betrifft, finde ich es aus Gründen der Identifikation grundsätzlich besser, wenn ein Einheimischer den Job bekommt. Unabhängig davon denke ich, dass Marcel Koller ein sehr guter Trainer ist und mit dieser Mannschaft erfolgreich sein wird.

Welchen Eindruck haben Sie von der Nationalmannschaft und den vielen Legionären, die vor allem in Deutschland spielen?
Wir haben auf alle Fälle die nächsten Jahre ein sehr gutes Team, mit dem man auf internationaler Ebene mitspielen kann.

Darf man erwarten, dass gegen Deutschland, Schweden und Irland die Qualifikation für die WM 2014 gelingt?
Erwarten nicht, aber es muss das Ziel sein. In Österreich werden die Erwartungen immer unrealistisch hoch gesteckt. Wenn sich Österreich für die WM qualifiziert, dann ist das so, als wenn Deutschland ins Finale kommt. Man muss die Zielsetzung realistischer gestalten. Die Qualifikation ist möglich, aber grundsätzlich erwarten darf man sie nicht.

Sie haben an der Säbener Straße den Weg des David Alaba hautnah miterlebt. Wie beurteilen Sie seinen Werdegang?
Wenn bei Bayern ein Spieler aus dem Nachwuchs in die Kampfmannschaft kommt, kann man nie wissen, ob er sich dort auch durchsetzt. Da spielen so viele Faktoren mit. Was wir gewusst haben, ist, dass er fußballerisch sehr gut ist und alle Möglichkeiten hat, weil er auch im Kopf sehr klar strukturiert ist. Dass er es aber wirklich schafft und so durchzieht, hat man auch nicht erwarten können. Ich gehe davon aus, dass sein Weg so weitergeht, weil er jetzt schon lange Zeit auf einem sehr hohen Level spielt.

In der Bayern-Jugend gibt es noch neun Österreicher. Wer kann es schaffen?
Fußballerisch haben alle die Möglichkeit, sich bei den Bayern durchzusetzen. Aber das ist ein weiter und steiniger Weg, auf dem nichts dazwischenkommen darf. Grundsätzlich holen wir Spieler aus dem Ausland nur, wenn wir wirklich von ihnen überzeugt sind.




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Erstellt am 28.03.2012