Sport | Fußball
05.12.2011

Barazite: "Ich genieße das Vertrauen"

Austrias Nacer Barazite spricht vor dem Spiel in Cluj über Vertrauen, Religion und Wiener Gemütlichkeit.

Als die Stewardess ihn am Mittwoch auf dem Flug nach Cluj fragte, was er denn essen und trinken wolle, winkte Austria-Stürmer Nacer Barazite ab. Der 21-jährige Niederländer verzichtete, weil dem gläubigen Moslem der Fastenmonat Ramadan das von 1. bis 29. August so vorschreibt.

Wenn die Austria im Rückspiel gegen Gaz Metan Medias (Donnerstag, 19 Uhr, ORFeins ) das 3:1 verteidigen und in die Gruppenphase der Europa League einziehen will, wird Barazite bei Kräften sein: An Spieltagen darf er essen und trinken. Die Statistik dieser Saison beruhigt: Barazite ist mit acht Toren der beste Torschütze im Europacup. Seit Beginn des Ramadan traf er schon fünf Mal.

KURIER: Warum spielen Sie derzeit so stark?
Nacer Barazite:
Ich kam im Jänner zur Austria und brauchte einige Monate, um mich an alles zu gewöhnen. Diesen Sommer habe ich die komplette Vorbereitung mitgemacht, zudem habe ich meine Freundin geheiratet. Das gibt mir Stabilität. In der ersten Zeit habe ich allein gelebt. Jetzt komme ich heim, und es ist jemand da, der mich liebt und versteht.

Sie haben in London gelebt. Wie lebt es sich in Wien?
London ist hektisch, mehr mulitkulti. Wien ist ruhiger, auch die Menschen. Daher bevorzuge ich Wien. Hätte ich in London bei Arsenal acht Europacup-Tore erzielt, wäre wohl die Hölle los.

Nicht so in Wien?
Nein. Nach dem Derby war ich mit meiner Frau in der Innenstadt essen. Da haben mich einige erkannt. Schön langsam erkennen mich die Leute.

Erstmals in Ihrer Karriere treffen Sie wie am Fließband. Warum?
Weil ich von allen hier das Vertrauen bekomme. Für mich ist das extrem wichtig.

Sie sind also ein Spieler, der die Rückendeckung des Trainers besonders braucht?
Ja. Arsenal-Star Arschawin sagte mir, mit dem Vertrauen des Coaches spiele er um 50 Prozent besser.

In Ihrer jungen Karriere sind Sie viel in Europa herumgekommen. Gefällt es Ihnen, viele Länder zu sehen?
Absolut. Ich möchte Leute kennenlernen. Ich interessiere mich fürs Leben, lerne gerne Sprachen. Mein Deutsch wird auch schön langsam besser.

Die Austria wird sicher nicht Ihre letzte Station sein. Was ist Ihr Ziel?
Das Maximum aus meiner Karriere zu machen, egal wo. Hier in Wien kann ich beweisen, dass ich ein guter Fußballer bin. Und dann schauen wir weiter. Aber die nächste Entscheidung muss eine richtige sein.

Sie sind Moslem. Wie schwer ist es für einen Spitzensportler, den Ramadan einzuhalten?
Ramadan ist kein einfacher Monat. Aber auch in anderen Religionen gibt es Fastenmonate. Für mich ist es nicht so hart, weil sich meine Frau und meine Familie auch daran halten. Ramadan macht mich stärker, auch physisch. Für einen Nicht-Muslim ist das vielleicht schwer zu verstehen.

Wie sieht Ihr Tag aus?
Ich wache gegen 3.45 Uhr auf für mein Gebet. Um 4.20 Uhr muss ich aufhören zu essen. Danach schlafe ich wieder. Untertags esse und trinke ich nichts bis 20 Uhr. Dann hole ich alles nach, zirka bis Mitternacht, dann gehe ich schlafen.

Was halten Sie von anderen Religionen?
Viel. Ich glaube, viele Menschen haben ein falsches Bild vom Islam. Auch Christen können sich in den Islam verlieben.

Was würden Sie den Leuten raten? Über den Islam Bücher zu lesen?
Schwer zu sagen. Ich will ja niemanden konvertieren. Jeder soll sich sein Bild machen, wie er glaubt. Manche lesen ein Buch und verlieben sich in den Islam. Andere hören die Gebete und fangen zu weinen an. Wichtig ist, dass man die richtigen Dokumente liest. Nicht alles stimmt, was in den Medien verbreitet wird.

Waren Sie schon einmal im Stephansdom?
Fünf Mal sogar, mit meiner Familie. Die Tür steht ja immer offen. Letztens war gerade eine Messe. Es ist für mich sehr interessant, was Christen so machen.

Trotz der vielen Informationen gibt es zwischen den Religionen aber viele Missverständnisse ...
Richtig. Man muss sich sein Bild machen, und nicht ein Bild von Quellen übernehmen, ohne diese zu hinterfragen.

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