Heftige Überschwemmungen machten Tausende Bewohner obdachlos

© APA/AFP/DOMINIQUE FAGET

EM-Gastgeberland
06/05/2016

Frankreich: Überschwemmt, bestreikt, bedroht

Nach Hochwasser, Streiks und Dschihadisten-Drohungen ist das Fest der Euro-Kicker ein Lichtblick.

von Danny Leder

Eine der ersten Frohbotschaften seit Langem für Frankreichs Streik- und Überschwemmungs-geplagte Öffentlichkeit verbreitete sich über sämtliche französische TV-Nachrichtensender und kam aus Österreich. Besser gesagt aus der Idylle eines Tiroler Urlaubsorts, wo die französische Nationalmannschaft für die EM trainierte. "Vor dieser herrlichen Bergkulisse und in dieser wunderbaren Bergluft kommt man auf andere, bessere Gedanken", erklärten wie auf Kommando Spieler aller Hautfarben-Schattierungen des französischen Teams.

Damit wurde ein betrüblicher Streit um Frankreichs skandalerprobte Nationalkicker vorerst applaniert. Der jüngste Wirbel ging auf das Konto von Schützenkönig Karim Benzema, der für die Euro nicht aufgestellt worden war – um den Wählern der rechten "Front National" einen Gefallen zu tun, meinte Benzema in einem Zeitungsinterview. Vielleicht lag der Grund aber auch in dem Umstand, dass Benzema in eine unappetitliche Erpressungsaffäre gegen einen vormaligen Teamkollegen, via Videoaufnahmen einer Sexparty, verwickelt ist.

Dass Frankreichs Team diesmal – im Gegensatz zur WM in Südafrika 2010 – nicht in den Streik trat, ließ auch die Hoffnung sprießen, die Arbeitsniederlegungen in anderen Berufssparten könnten nun doch die bevorstehende Euro-Meisterschaft verschonen. Verdient hätten es die Franzosen, namentlich jene, die zwischen Versorgungsengpässen bei Sprit (durch Raffinerie-Streiks und Liefer-Blockaden) und S-Bahnstreiks endlos herumirren.

Grausame Ironie

Als sich auch noch die Überschwemmungen dazu gesellten, brachte das Massenblatt Parisien die verzweifelte Stimmung mit einer Schlagzeile auf den Punkt: "Das hat uns noch gefehlt". Aber die grausame Ironie könnte darin bestehen, dass diese Naturkatastrophe, die Tausende Bewohner obdachlos machte, auch den Streikbewegungen schwer zusetzt, jedenfalls mehr als alle bisherigen Zugeständnisse, Warnungen und Drohungen von Regierungsseite. So ist es einstweilen unmöglich, wenn man einen Radiobericht einschaltet und von Straßenblockaden, Unterbrechung von Zugverbindungen oder Stromausfällen hört, sofort zu verstehen, ob es sich um die Folge von Überschwemmungen oder von gewerkschaftlichen Kampfmaßnahmen handelt.

Tatsächlich hatte die CGT, Frankreichs größter Gewerkschaftsbund, an einigen Orten die Stromversorgung stundenlang unterbrochen, während anderswo die Flut denselben Effekt erzielte. Um sich doch noch zu unterscheiden, hat die CGT gleichzeitig Dienstnehmer in der Energiewirtschaft dazu veranlasst, die Stromversorgung von Spitälern und Sozialbau-Siedlungen als Billigstrom zu verbuchen (durch Umlegung auf den verbilligten Nachttarif). Aber es ist nicht sicher, ob diese sozialen Goodwill-Maßnahmen der CGT reichen, um die nun schon dreimonatige Bewegung gegen die Arbeitsmarkt-Reform der SP-Regierung weiter anzufachen.

Die Situation bleibt unübersichtlich, weil etliche Streiks, etwa bei der Bahn oder in der Luftfahrt, nicht direkt mit der Arbeitsmarkt-Reform zu tun haben, sondern mit den speziellen Anliegen von Berufskategorien in diesen meistens noch staatlichen Unternehmen. Die Regierung hat die Direktoren einiger dieser Unternehmen gezwungen, auf geplante Spar- und Produktivitätsmaßnahmen wieder zu verzichten, wodurch mehrere Gewerkschaftsbünde aus den Streiks wieder ausgestiegen sind.

Auch in der Pariser Metro kam es in den vergangenen Tagen zu Unterbrechungen, bei denen niemand wusste, ob es sich um Streiks, Stromausfälle oder sonstige Pannen handelte.

"Mir ist das egal, warum wir hier zerquetscht werden und eine halbe Stunde Fahrtzeit für vier Stationen brauchen. Ich hab es schlicht satt", klagt eine Benutzerin der Pariser Metro-Linie 13. Ausgerechnet diese berüchtigtste, weil heillos überbelegte Linie führt zum EURO-Austragungsort "Stade de France". Schon unter normalen Umständen müssen zu Stoßzeiten U-Bahnbedienstete auf den Bahnsteigen die Fahrgäste in die Waggons quetschen und die Nachströmenden abwehren. Leute werden ohnmächtig, Frauen klagen über Begrapschen. Fällt aber die ebenfalls zum "Stade de France" führende S-Bahn aus, wie das zuletzt wegen Streiks der Fall war, schwappt eine noch größere Menge auf die Linie 13 über.

"Normal leben"

Wer sich in solchen Alltagssituationen durchschlägt, für den werden Terrordrohungen oft zweitrangig. Im Computer einer der Selbstmordattentäter von Brüssel wurde eine Tonaufnahme von einem Gespräch mit einem syrischen Auftraggeber gefunden, in dem von einem Anschlag vor oder während der Euro die Rede ist: "Das wäre eine Schande und eine ordentliche Lektion für Frankreich", hört man.

Frankreich hat natürlich vorgesorgt: 77.000 Polizisten und Gendarmen sind im Einsatz. Aber die Fan-Zonen außerhalb der Stadien bleiben umstritten: Ihr Schutz und ihre Überwachung obliegen den Gemeinden und privaten Sicherheitsfirmen, die ihr Personal derartig schnell aufstocken mussten, dass für die Ausbildung und Prüfung dieser neuen Mitarbeiter nicht genügend Zeit blieb. Oppositionspolitiker forderten vergeblich den Verzicht auf die Fan-Zonen. Innenminister Bernard Cazeneuve wiederholt wie ein Mantra: "Niemand, und vor allem nicht die Terroristen, werden die Franzosen daran hindern, ein normales Leben zu führen."

Der Anstieg der Seine machte in der Nacht auf Samstag bei 6,10 Metern halt – haarscharf unter der Obergrenze, ab der eine weitgehende Überflutung von Paris kaum mehr zu stoppen gewesen wäre. Tagsüber ging der Wasserstand erstmals zurück. In der weiteren Umgebung waren vier Menschen ertrunken, 17.000 mussten evakuiert werden.

Während in Paris der Alarmzustand aufrecht erhalten wurde, verlagerte sich die Gefahr Richtung Normandie, wo der Abfluss der Seine im Atlantik, zurzeit in einer Phase aufsteigender Flut, behindert wird. Die Bahn meldete "katastrophale Schäden". Die zum Teil unterirdischen S-Bahnstrecken im Pariser Großraum werden noch mehrere Tage gefährdet bleiben und müssen komplett überprüft werden.

In dieser Situation appellierte der Bahndirektor an die Gewerkschaften, zumindest vorübergehend Streiks einzustellen. Doch zwei von vier Gewerkschaftsbünden setzten ihre Aktionen fort: so fielen am Samstag mancherorts fast die Hälfte der Züge aus.

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