Andretti: "Wenn du Angst hast, gehörst du nicht auf die Rennstrecke."

© APA/EPA/STEVEN C. MITCHELL

Mario Andretti
10/22/2016

"Gebt Ihnen 1000 PS und seht, wer das Biest bändigt"

Die 76-jährige Ikone des US-Rennsports im Interview vor dem Grand Prix der USA in Austin.

von Philipp Albrechtsberger

"Mario Andretti versucht mich umzubringen", schrieb vor Kurzem ein Journalist im Forbes-Magazin. Der Autor saß im zweisitzigen IndyCar hinter dem 76-Jährigen, der solche Spaß-Ausfahrten wie auf dem Pocono Speedway "Marketing bei 320 km/h" nennt. Der Italo-Amerikaner ist die Rennsport-Legende der USA, Sieger des Indy 500 (1969), Weltmeister in der Formel 1 (1978).

KURIER: Mister Andretti, wie oft sitzen Sie noch in einem Rennauto?

Mario Andretti: Den Zweisitzer fahre ich fast noch bei jedem IndyCar-Rennen. Es ist eine tolle Sache, um den Leuten unseren Sport wirklich nahezubringen. Es ist zwar nicht 100 Prozent Rennsport, aber selbst 85 Prozent sind für die meisten noch schnell genug.

Was war das beste Auto, das Sie jemals gefahren sind?

Das beste Formel-1-Auto, das ich je fahren durfte, war wahrscheinlich der Ferrari Turbo 1982 in Monza. Aber als Rennfahrer bist du nicht nostalgisch, du willst immer das derzeit schnellste Auto fahren. Ich würde es lieben ein Formel-1-Auto der aktuellen Generation zu testen.

Trauen Sie sich das noch zu?

Ich teste noch regelmäßig die IndyCar-Boliden. Ich bin noch auf dem Laufenden und kein Auslaufmodell, glauben Sie mir.

Welche Rolle spielt dabei Angst?

Wenn du Angst hast, gehörst du nicht auf die Rennstrecke. Natürlich darfst du kein Dummkopf sein, denn die Gefahr ist immer da und Motorsport kann brutal sein. Du musst mit Selbstvertrauen ins Auto steigen und das Risiko akzeptieren.

Ihr Sohn Michael ist mit Andretti Racing unter anderem auch in der Formel E tätig. Wie gefällt Ihnen diese neue Serie?

Ehrlich gesagt, interessiert es mich überhaupt nicht. Es hat etwas an sich, das sich nicht richtig anfühlt. Ich hoffe nicht, dass das die Zukunft des Motorsports ist.

Also lieber Formel 1. Gefällt Ihnen, was Sie dort sehen?

Es macht Spaß, die Rennen zu verfolgen. Ich würde sonst nicht alle zwei Wochen mitten in der Nacht aufstehen, um mir jedes Qualifying und jeden Grand Prix anzusehen. Mercedes verfügt über den Luxus, seine Fahrer frei gegeneinander fahren zu lassen. Das war bei einigen Teams in der Vergangenheit in ähnlichen Situationen nicht immer der Fall. Die Rivalität zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg ist echt, sie ist nicht gespielt. Das macht es interessant. Und ich glaube, wir erleben gerade eine der besten Generationen an Fahrern in der Geschichte der Formel 1.

Wer hat es Ihnen derzeit besonders angetan?

Max Verstappen. Er könnte der nächste Superstar der Formel 1 werden. Und wir sind derzeit in der glücklichen Lage, ihm bei seinem Aufstieg zusehen zu dürfen.

Für viele Fans gehört Ferrari an die Spitze. Sind die Italiener wirklich so wichtig?

Ferrari war immer die magische Marke. Egal, ob dich Motorsport interessiert oder nicht, Ferrari kennt jeder auf der ganzen Welt. Das ist sehr selten in einem Sport. Irgendwann kommen sie wieder ganz nach vorne. Denn bei Ferrari gibt es einen großen Unterschied zu allen anderen Autoherstellern und Konstrukteuren: Ferrari lebt für den Rennsport. Alles andere ist für sie zweitrangig.

Ab dem kommenden Jahr gibt es ein neues Reglement. Wird die Formel 1 dadurch besser, spannender?

Ich glaube, dass es der falsche Weg ist. Mehr Abtrieb und breitere Reifen ermöglichen eine höhere Kurvengeschwindigkeit. Aber wer schneller durch eine Kurve fahren kann, ist schwieriger zu überholen. Mir ist nicht ganz bewusst, warum sie das tun. Wenn sie die Fahrer fragen würden, gibt es wohl keinen Einzigen, der diese Änderungen gut findet.

Was würden Sie ändern?

Was alle Fahrer wirklich wollen, weil es die Fähigkeiten im Cockpit herausstreicht, ist die Motorleistung. Gebt Ihnen 1000 PS und seht, wer so ein Biest wirklich bändigen kann. Mehr Abtrieb hingegen macht es einfacher ein Formel-1-Auto zu bewegen.

Seit 2012 gastiert die Formel 1 nach längerer Abwesenheit in Austin. Haben sich die Amerikaner daran wieder gewöhnt?

Die Begeisterung steigt stetig. Das liegt heuer auch am amerikanischen Haas-Team. Aber ein Fahrer wäre der ultimative Schub. Um in die Formel 1 zu kommen, musst du in jungen Jahren nach Europa. Vielen US-Fahrern ist das zu mühsam und zu unsicher.

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