Sport | Formel-1
09.10.2017

Vettel klammert sich an Mini-WM-Hoffnung

Der Deutsche will in der Schweiz letzte Kräfte sammeln. Der Mercedes-Dominator kündigt Vollgas bis zum Titel-Gewinn an.

Aus Sicht von Sebastian Vettel hat sich das Thema Formel-1-Weltmeistschaft in diesem Jahr in Japan wohl erledigt. Der Deutsche will jetzt in seinem Familien-Refugium in der Schweiz die letzten Kräfte mobilisieren. Wie einst Michael Schumacher in schweren Phasen nimmt er die Ferrari-Familie in Schutz. Und Lewis Hamilton? Der Mercedes-Dominator kündigt Vollgas bis zum Titel-Gewinn an.

Es sind nur noch vier Formel-1-Rennen und Vettel hat 59 Punkte Rückstand auf WM-Spitzenreiter Hamilton. Am Sonntag in Suzuka musste Vettel seinen Ferrari schon nach wenigen Kilometern in der Box abstellen, weil dem Auto aufgrund einer kaputten Zündkerze die volle Power fehlte. Fluchtartig verließ der ausgelaugte Ex-Weltmeister das Gelände. Es war seine zweite Nullnummer in den vergangenen drei Rennen. "Natürlich ist die Weltmeisterschaft jetzt schwieriger, und das Rennen nicht zu beenden, hilft da nicht", sagte der 30-Jährige.

Die Aufholjagd des Ferrari-Fahrers gleicht einer schier unmöglichen Mission. In zwei Wochen in den USA muss der Hesse bei einem Sieg von Hamilton mindestens unter die ersten Fünf kommen, sonst ist der Zweikampf entschieden. Und Hamilton gilt als Austin-Spezialist, hat er in Texas doch die jüngsten drei Grand-Prix-Ausgaben gewonnen. Insgesamt siegte der Brite schon sogar schon fünfmal auf dem Circuit of the Americas.

Rückendeckung für die Crew

"Wir haben noch immer eine Chance, aber es ist nicht mehr so sehr in unserer Hand, wie wir das gerne hätten", blieb Vettel trotz der Umstände auf den theoretisch freilich noch möglichen Titel fokussiert. "Ich habe den Jungs auch gesagt, sie sollen nach Hause und sich etwas ausruhen, weil es eine schwere Woche war."

Erst der defekte Karbonschlauch in Malaysia und nun die Zündkerze. Ferrari ging nach der Sommerpause offenbar der Atem aus, denn gerade in dieser Phase sind Materialprobleme entscheidend. So gesehen liegt die Conclusio nahe, dass die Scuderia auch im dritten Jahr mit Vettel noch nicht reif für den ganz großen Wurf ist.

Der Deutsche stellt sich jedoch demonstrativ vor seinen Arbeitgeber. Ganz im Stile seines Vorbilds Michael Schumacher, der bis ins Jahr fünf bei Ferrari Aufbauarbeit leistete, gab Vettel seiner Crew Rückendeckung. "Ich weiß nicht, ob diese Situation viel mit Verlässlichkeit zu tun hat. Ich denke, es war ein kleines Problem, das ein großes verursacht hat", meinte er am Sonntag. "Ich denke, ich muss sie in Schutz nehmen. Wir haben bis hierhin einen unglaublichen Job abgeliefert." Alles in allem sei das Team "auf einem guten Weg".

2017 schied Hamilton nicht einmal aus

Auf einem besseren Weg sind dann aber Mercedes und Hamilton. Der Brite hat aus einem 14-Punkte-Rückstand vor der Sommerpause einen Vorsprung von 59 Zählern herausgefahren. Die Konstrukteurs-WM ist für die "Silberpfeile" nur noch Formsache, und auch der dreimalige Weltmeister steht ganz dicht vor dem Titel. Mit seinem vierten WM-Triumph würde er zu Alain Prost und Vettel aufschließen. "100 Punkte sind eine Menge, im Leben kann alles passieren", meinte Hamilton vorsichtig. "Seb hatte natürlich sehr viel Pech, woran er keine Schuld hat."

Der 32-Jährige würdigte seine Crew für die im Gegensatz bei Ferrari extrem zuverlässige Arbeit. 2017 schied Hamilton nicht einmal aus, saisonübergreifend kam er seit inklusive Japan vor einem Jahr in 21 Rennen durch und fuhr ununterbrochen in die Punkteränge. Sein bisher letzter Ausfall war der durch einen Motorschaden bedingte K.o. am 2. Oktober 2016 in Malaysia, nach welchem er sogar eine Mercedes-interne Bevorzugung von Nico Rosberg witterte.

Suzuka war für Hamilton gleichbedeutend mit dem 61. Sieg und dem 115. Podestplatz in seiner Formel-1-Karriere, die 2007 bei McLaren begann. An seiner Fahrweise wolle er weiter nichts ändern. "Ich gehe ja nicht besonders verrückte Risiken ein, um in die Position zu kommen, in der ich bin", erläuterte Hamilton. "Wenn du manchmal ein bisschen vom Gas gehst, verursachst du dir selbst etwas mehr Ärger als du bräuchtest."

DEUTSCHLAND:

Bild: "Wieder Hohn und Ärger für Ferrari. Das Panikorchester gibt eine Woche nach Malaysia in Japan ein Zusatzkonzert. Aus der roten Göttin ist eine rote Gurke geworden."

Süddeutsche Zeitung: "59 Punkte Vorsprung hat Hamilton vier Rennen vor Ende der Saison. 100 Punkte sind noch zu vergeben. Nur noch ein Wunder kann Vettel zurück ins Titelrennen bringen. In der technisierten Welt der Formel 1 gibt es aber keine Wunder. Da gibt es allenfalls gerissene Kabel und kaputte Zündkerzen, doch Mercedes bräuchte nach Lage der Dinge schon ein paar Defekte, um Ferrari wieder ranzulassen."

Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Der nächste Ausfall: Weil eine Zündkerze streikt, endet der Grand Prix von Japan für Ferraris Frontmann nach fünf Runden. Hamilton kann schon in Austin Weltmeister werden, doch Sebastian Vettel stellt sich in Suzuka vor seine Fahrgemeinschaft."

Stuttgarter Nachrichten: "Um im Bild zu bleiben: Es gibt nur noch ein Fünkchen Hoffnung für Sebastian Vettel, in dieser Formel-1-Saison seinen ersten Weltmeistertitel mit Ferrari einzufahren. Jenes Fünkchen, dass einer der Zündkerzen im Ferrari schon am Start zum Großen Preis von Japan fehlte, den Lewis Hamilton vor Max Verstappen und Daniel Ricciardo gewinnen konnte."

ITALIEN:

La Stampa: "Ferrari verrät Vettel erneut: Dieses Mal schmeißt ihn eine kaputte Zündkerze raus."

La Repubblica: "Ferrari ist Italien. Ferrari ist (oder war) das Beste von Italien, ein Konzentrat aus Wissen, Expertise, Tradition und Innovation, technischer Handwerkskunst und Futurismus. Was für den freien Fall der italienischen Fußball-Nationalmannschaft gilt, gilt für Ferrari von Marchionne: ein verlorenes Team. Wo ist nur diese einst gelobte Kraft der Gruppe? (...) Wir dürfen nicht da unten bleiben, in Angst vor der Zukunft. Wir dürfen nicht ausgehen wie (Zünd)-Kerzen beim ersten Mal Pusten."

Corriere della Sera: "Im Moment der tiefen Bitterkeit, muss man einen Weg für Lösungen finden. Es scheint provokant, aber dieser Ferrari ist immer noch ein Wagen der Extraklasse. (...) Es sind noch vier Rennen."

GROSSBRITANNIEN:

The Independent: "Vor nur sechs Wochen war Sebastian Vettel klar an der Spitze. Jetzt muss schon etwas ganz Besonderes passieren, damit der Deutsche Hamilton noch abfangen kann."

The Guardian: "Für Lewis Hamilton ist die vierte Formel-1-Weltmeisterschaft nach seinem Sieg beim Großen Preis von Japan in greifbarer Nähe."

The Telegraph: "Wenn Hamilton Vettel beim nächsten Rennen in Austin mit mehr als 16 Punkten Vorsprung schlägt, ist die Weltmeisterschaft rechnerisch gelaufen. In Wirklichkeit ist sie das schon jetzt."

BBC Sport: "Die Erwartung war, dass der Titelkampf bis zum letzten Rennen dauern wird (...) und das Ergebnis unmöglich vorherzusehen ist. Aber nach Hamiltons dominantem Sieg in Italien ist die Saison für Ferrari in drei Rennen in Asien in den vergangenen vier Wochen auf erstaunliche Weise implodiert."

SPANIEN:

Marca: "Ferrari beging Harakiri. Ein erneutes technisches Problem vergrößerte den Abstand zwischen Vettel und WM-Spitzenreiter Hamilton auf 59 Punkte."

Sport: "Der unanfechtbare Triumph von Hamilton in Suzuka und die Aufgabe von Vettel haben die WM praktisch entschieden. Der Brite hat seinen ersten Match-Ball am 22. (Oktober) in Austin. Bei Ferrari sind die Zuverlässigkeitsprobleme zum ungeeignetsten Zeitpunkt der Saison hervorgetreten."

Mundo Deportivo: "Hamilton hat sich gestern in Suzuka als japanischer Samurai-Kämpfer verkleidet und Sebastian Vettel im Kampf um den Titel den entscheidenden Schlag versetzt."

AS: "Sieg von Hamilton und Aufgabe von Vettel. Dank der 'Null' des Deutschen hat der Brite den halben WM-Titel bereits in der Tasche."

El Pais: "Ferrari lässt Hamilton ohne Gegner."

La Vanguardia: "Der Kampf um den WM-Titel ist aus und vorbei. Lewis Hamilton hat der Auseinandersetzung ein Ende gesetzt. Mit der Zusammenarbeit von Sebastian Vettel, oder besser gesagt, mit der Zusammenarbeit von Ferrari und dessen ewigen technischen Probleme."