Tausende Sicherheitskräfte schützen die Tour de France.

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Radsport
07/15/2016

Die Tour im Zeichen des Terrors

Im Schatten des Anschlags in Nizza wurde die Tour de France fortgesetzt.

Die Stimmung ist gedrückt, schrille Musik ist diesmal entgegen den üblichen Gepflogenheiten nicht zu hören. Stattdessen patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten mit kugelsicheren Westen entlang der Strecke. Der verheerende Terroranschlag in Nizza hat auch 220 km weiter nordwestlich bei der Tour de France auf der 13. Etappe in der Region Ardeche seine Auswirkungen hinterlassen.

Die Räder stehen im Tross der Frankreich-Rundfahrt zwar nicht still, die Heiterkeit wie etwa am Vortag auf dem Mont Ventoux ist allerdings gewichen. Rund 600 Sicherheits-Spezialkräfte sind am Freitag noch zusätzlich für das Zeitfahren über 37,5 km zwischen Bourg-Saint-Andeol und La Caverne du Pont-d'Arc mobilisiert worden.

Nachdenkliche Gesichter sind zu sehen. Bei den Fahrern, bei den Teamchefs, bei den Verantwortlichen. Kurzzeitig hatte die Tour-Organisation über eine Absage nachgedacht, dieses Szenario aber wieder verworfen. "Wir wollen diesen Tag nutzen, um die Opfer zu würdigen. Wir haben uns die Frage gestellt, ob die Etappe stattfinden soll. Wir sind der Meinung, dass das Rennen weitergehen soll. Wir wollen nicht dem Druck der Menschen nachgeben, die unsere Lebensweise ändern wollen", sagte Tourchef Christian Prudhomme nach einem Krisentreffen mit der Polizei, den Behörden und den regionalen Veranstaltern.

Schweigeminute

Dafür wurde das Sicherheitsaufkommen noch einmal erhöht. Mit Blick auf die Terrorgefahr hatten die französischen Behörden die Vorkehrungen schon im Vorfeld erhöht. 23.000 Polizisten und Gendarmen sind während der Rundfahrt im Einsatz, darunter auch erstmals Mitglieder der Spezialeinheit GIGN. Hinzu kommen private Sicherheitsleute etwa in den Start- und Zielbereichen. So auch in Ardeche.

Bevor der erste Fahrer auf die Strecke ging, wurde eine Schweigeminute abgehalten. Dann hieß es "Business as usual" - allerdings in abgeschwächter Form. Alle Festivitäten am Rande der Rundfahrt wurden zurückgefahren. Die Werbekarawane passierte diesmal lautlos die Strecke. "Das Herz der Tour schlägt für Nizza", war auf der Homepage der Rundfahrt zu lesen.

Die Terrornacht von Nizza, wo am Donnerstag mindestens 84 Menschen durch eine mörderische Lkw-Attacke ums Leben gekommen waren, schwirrt auch in den Köpfen vieler Fahrer. "Die Gedanken sind bei denen, die von dem schrecklichen Terroranschlag betroffen sind", schrieb Spitzenreiter Chris Froome beim Kurznachrichtendienst Twitter. Auch Lance Armstrong meldete sich aus den USA zu Wort. "Habe Jahre in Nizza und an der Côte d'Azur gelebt/trainiert. Schöne Erinnerungen, die ich nicht eintauschen möchte. So traurig, die heutige Tragödie zu sehen", twitterte der Amerikaner, dem wegen Dopings alle sieben Toursiege aberkannt worden waren.

"Was ist das nur für eine Welt"

Dass die Show am Freitag weiterging, wurde von den meisten Verantwortlichen begrüßt. "Was ist das nur für eine Welt", sagte Patrick Lefevere, Teamchef des Rennstalls Etixx-Quickstep, und betonte: "Wären wir nicht gefahren, hätten die Terroristen vielleicht das bekommen, was sie wollen."

Der deutsche Teamchef Rolf Aldag vom Rennstall Dimension-Data, dem auch der Steirer Bernhard Eisel angehört, hatte seinen Fahrern einen Ausstieg offen gelassen. "Die Ausgangslage ist klar. Wenn jemand sich in seiner Sicherheit bedroht fühlt, kann er natürlich heimfahren", sagte Aldag. Seine Fahrer blieben aber im Rennen, ähnlich wie die Profis des deutschen Giant-Alpecin-Teams, darunter auch der Steirer Georg Preidler. "Wir vertrauen den Sicherheitskräften. Man muss weitermachen", sagte Giant-Manager Iwan Spekenbrink.

"Da merkt man, wie nah das echte Leben ist"

Wie schwierig es aber ist, mehr als 3.000 Kilometer über drei Wochen hinweg quer durch Frankreich zu sichern, war bereits am Donnerstag deutlich geworden. Aufgrund der starken Winde waren auf den letzten Kilometern bei der Bergankunft auf dem Ventoux keine Gitter aufgebaut worden. So kam es zu chaotischen Szenen, als ein TV-Motorrad zwischen den Menschenmassen hängen blieb und Spitzenreiter Froome stürzte.

So meinte Ex-Weltmeister Rui Costa: "Ich fühle mich in Frankreich nicht sicher. Der Radsport bringt Tausende Menschen an einem Ort zusammen. Es ist ein einfaches Ziel. Ich habe Angst um die Fahrer und die Fans." Auch der deutsche Radprofi John Degenkolb will seiner Familie von einem Besuch zum Schlusstag in Paris womöglich abraten. "Das müssen wir noch überlegen", sagte Degenkolb. Er habe die Nachricht vom Anschlag beim Frühstück erfahren. "Da merkt man, wie nah das echte Leben ist."