Sport
27.07.2017

Der Held mit dem Allerweltsnamen

Der deutsche Fußball-Europameister wird 60. In Tirol genießt der Schwabe heute noch Kultstatus.

Hansi Müller ist schuld, dass etliche Tiroler Teenager dereinst bei ihren Schuldirektoren antanzen mussten. Aber um an eine der begehrten Karten für ein Europacup-Heimspiel des FC Tirol zu gelangen – ja, die gab’s damals noch – nahmen viele Schüler gerne die stundenlange Warterei an den Stadionkassen während der Unterrichtszeit in Kauf. Den drohenden Rüffel im Direktorenzimmer sowieso.

Ende der 1980er-Jahre galt in Innsbruck das Motto: Eine Mathe-Stunde kann man getrost sausen lassen, aber ein Match des FC Tirol, einen Auftritt von Hansi Müller, da darf und will keiner schwänzen.

Dass der Mann mit dem Allerweltsnamen alles andere als ein Ottonormalfußballer war, zeigt sich noch drei Jahrzehnte später, als Hansi Müller im Frühjahr wieder einmal Innsbruck die Ehre erweist. Die Haare mögen lichter und grauer geworden sein, der Bauch ein klein wenig größer, aber die Begeisterung um den Stuttgarter scheint immer noch ungebrochen: Als Stargast und Laudator bei der Tiroler Sportler-Gala war der Jubilar beliebtes Fotomotiv und begehrter Gesprächspartner.

Beliebter Star

Hans Peter Müller, wie der seit heute 60-Jährige offiziell heißt, war es schon immer gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. "Der schöne Hansi" wurde er genannt, in der Bravo war er in den 1970er-Jahren öfter abgebildet als so mancher Popstar dieser Zeit. "Ich habe 250.000 Autogrammkarten im Jahr gebraucht", erinnert sich der beliebte Schwabe, dessen Popularität 1980 mit dem EM-Titel den Höhepunkt erreichte.

Heute wäre es undenkbar, dass ein so hochveranlagter und hochdekorierter Kicker wie Müller in Österreich am Ball ist. Damals tummelten sich freilich etliche Altstars auf den heimischen Fußballplätzen: In Steyr trickste mit dem Russen Oleg Blochin ein europäischer Fußballer des Jahres (1975), bei der Vienna geigte mit dem Argentinier Mario Kempes ein Weltmeister und WM-Torschützenkönig (1978) auf.

Aber keiner genoss so einen Kultstatus wie Müller, der 1985 von Kristall-Baron Gernot Langes-Swarovski als Spielmacher nach Innsbruck gelotst worden war. "Wie ich nach Tirol gekommen bin, konnten sie hier besser Skifahren als Fußball spielen", erinnert sich der 60-Jährige. Viele seiner ehemaligen Mitspieler hatten ihn belächelt, als er von der Serie A nach Österreich gewechselt war. Am Ende wurde er um seine Erfahrungen und Erfolge beneidet. Denn Müller und das Starensemble des FC Tirol (u.a. mit Trainer Ernst Happel und Bruno Pezzey) dominierten nicht nur die heimische Liga, im UEFA-Cup stürmten die Innsbrucker 1987 sogar bis ins Semifinale. Müllers direkt verwandelter Eckball im Viertelfinale gegen Torino gilt heute noch als einer der spektakulärsten Treffer in der Klubhistorie.

Verständlich, dass der Publikumsliebling aus Stuttgart heute noch bei jeder Gelegenheit in seine ehemalige Fußball-Heimat zurückkehrt. "Mein Sohn ist hier geboren, ich bin Firmpate von einem Seefelder, es ist eine sehr enge Bindung da."

Grausames Córdoba

Für einen Besuch in den Tiroler Bergen nimmt Müller sogar Hohn und Spott auf sich. Die historische Schmach von Córdoba hat er 1978 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien am eigenen Leib erlebt. Im Gegensatz zu anderen Nationalteam-Kollegen nimmt er diese Niederlage mit Humor und lässt die Hänseleien geduldig über sich ergehen. "Ich werd’ heute noch oft auf der Skihütte im Ötztal auf Córdoba angesprochen", berichtet Müller. "Ich kann darüber lachen. Wo ist denn das Problem? Wenn ein Deutscher sich daran stört, dann hat er Komplexe und keinen Schmäh."

Nur an den Leiberltausch in Córdoba hat Hansi Müller keine guten Erinnerungen. Der Deutsche bekam damals das Trikot von Herbert Prohaska, den er Jahre später bei Inter Mailand als Spielmacher ersetzen sollte. "Das Material der österreichischen Trikots war grausam. Irgendeine Synthetik", erzählt der 60-Jährige. "Das hat am ganzen Körper gekratzt. Das Beste war noch das Wappen – den Rest hast du echt vergessen können."