© APA/Joerg Mitter/Red Bull Conten

Sport
10/15/2012

"Dachte, ich würde das Bewusstsein verlieren"

Rekordsprung: Am Sonntag raste Felix Baumgartner mit 1342 km/h zur Erde. Die Bilder gingen um die Welt.

Ich weiß, die Welt schaut zu. Ich hoffe, die Welt kann sehen, was ich sehe. Manchmal musst du weit hinaufgehen, um zu sehen, wie klein du eigentlich bist. Jetzt komm ich nach Hause."

Dann salutierte er und machte in 39 Kilometern Höhe einen Schritt ins Leere.

Es waren Bilder für die Ewigkeit, die am Sonntagabend über die TV-Schirme liefen. Millionen Zuschauer auf der ganzen Welt erlebten, wie der 43-jährige Salzburger Felix Baumgartner nach 40 Sekunden 1342 km/h erreichte – Schallgeschwindigkeit; sie fieberten mit, als sein Körper ins Trudeln geriet; und atmeten erleichtert auf, als er sich nach 90 Sekunden erfing und vier Minuten und 19 Sekunden im freien Fall flog.

Felix im Glück

Früher als geplant zog er in 3000 Meter Höhe seinen Fallschirm und schwebte sicher zu Boden, wo er vor Freude auf die Knie fiel und die Arme gen Himmel streckte – wissend, dass er an diesem Sonntag Geschichte geschrieben hatte.

Noch nie zuvor war ein Mensch aus 39 Kilometer Höhe gesprungen.

Noch nie zuvor hatte ein Mensch im freien Fall die Schallmauer durchbrochen.

Noch nie zuvor hatte ein Mensch eine Ballonfahrt in diese Höhe und einen Fallschirmsprung aus so einer Höhe unternommen.

Dabei hatte es am Anfang des Tages gar nicht gut ausgeschaut. Immer wieder musste der Start wegen des Windes in 240 Metern Höhe verschoben werden, ehe Baumgartner mit dreieinhalbstündiger Verspätung doch noch abhob.

"Heute hatten wir unglaubliche Hochs und Tiefs", sagte Baumgartner nach der Landung. Der Start sei zwar perfekt gewesen, doch dann habe es Probleme mit der Stromversorgung der Visierheizung gegeben. "Auch der Absprung war ideal, dann kam ich aber ins Trudeln. Am Anfang habe ich gedacht, ich würde mich bloß ein paar Mal drehen. Dann wurde es allerdings schneller. Zum Teil war das schon sehr heftig. Kurz habe ich sogar gedacht, ich würde das Bewusstsein verlieren."

Beim Durchbrechen der Schallmauer habe er keinen Überschallknall gespürt, erzählte der Salzburger, "denn ich habe mich voll und ganz darauf konzentriert, meinen Körper in der Luft zu stabilisieren. Ich habe versucht, im freien Fall mit Joe zu reden, um ihm Feedback zu geben. Aber das war gar nicht so leicht. Alles in allem war es viel härter, als ich es mir vorgestellt hatte."

Schneller als der Schall

Per Hubschrauber ging es nach der sicheren Landung gleich wieder in die Luft und zum Mission Control Center, wo er unter großem Applaus seine Familie in die Arme schließen konnte. Bei der Pressekonferenz im Anschluss bestätigte Brian Utley, Experte der Federation Aeronautique Internationale (FAI), die sich um die Datenaufzeichnung in der Luftfahrt kümmert, den Rekordsprung.

Der 43-Jährige habe bei seinem freien Fall eine Höchstgeschwindigkeit von 1342,8 Stundenkilometern erreicht – damit war er rund 265 Stundenkilometer schneller als der Schall.

Auf Facebook bedankte sich Baumgartner mit einem Video bei seinen Fans.

"Ich bin gerade von unserer kleinen Feier zurückgekommen und bin sehr müde, aber glücklich", sagte er darin. "Es war unglaublich."

Laut spiegel.de war dies auch Baumgartners letzter Sprung – er will angeblich als Hubschrauberpilot sein Geld verdienen.

"Ich beneide Felix um diesen Adrenalinkick"

Für "Skyrunner" Christian Stangl ist Felix Baumgartner ein großer Sportler – "auch wenn bei diesem Projekt nicht der Sport, sondern zu 99 Prozent die Technik im Vordergrund stand."

Der 46-jährige Steirer bewundert vor allem die Coolness Baumgartners. "Um das leisten zu können, musst du im Kopf wahnsinnig stark sein. Ich beneide den Felix fast ein bisschen um diesen Adrenalinkick."

Laut Stangl müsse sich Baumgartner nun neue Ziele suchen, um in kein psychisches Loch zu fallen. "Er weiß, dass er diese Leistung nicht mehr toppen kann – das kann einen schon zurückhauen."

Baumgartners Red-Bull-Kollege Christian Schiester hat die physische und psychische Leistung des Salzburgers beeindruckt. "Ein normaler Mensch würde den Sprung nicht überleben", sagt er.

Der 45-jährige Extremläufer ist überzeugt, dass die Menschen Typen wie Baumgartner brauchen, die ihre Visionen umsetzen. "Auch wenn der Felix jetzt eine große Leere vor sich hat – ein normales Leben wird er nie führen."

Roland Rettenbacher, der Sprunglehrer von Felix Baumgartner hat am Sonntag mit Kollegen vor dem Fernseher mitgefiebert. "Ich bin in Gedanken mitgesprungen", erzählt der Fallschirmexperte, der selbst schon mehr als 7500-mal aus einem Flugzeug gehüpft ist. Die Profis haben den Atem angehalten, als der kleine weiße Punkt am Bildschirm plötzlich heftig ins Trudeln geriet: "Ich war baff, dass es ihn so extrem gedreht hat. Ich habe eigentlich immer auf den Stabilisierungsfallschirm gewartet", sagt Rettenbacher.

Selbst der Fallschirmprofi kann nur Mutmaßungen anstellen: "Man muss die Daten anschauen, um zu sehen, was ihn in die Rotation um alle drei Achsen gebracht hat. Natürlich ist die Luft dort oben nicht griffig und im Druckanzug sind die Bewegungsfreiheit, das Gefühl und die Reaktion sehr eingeschränkt."

Auch Rettenbacher bestätigt, dass noch Zeit gewesen wäre, den Fallschirm später zu öffnen: "Aber vielleicht wollte er Joe Kittinger wirklich den Rekord lasen."

Fliegerarzt Joachim Huber ist überzeugt, dass Baumgartner knapp an der Grenze zum gefährlichen "Red-out" (Blut wird durch Beschleunigung in Kopf und Augen gepresst) war und Großartiges geleistet hat. "Er hat das geschafft, weil er eine perfekte Einheit aus Ausdauer, Kraft und psychischer Stabilität in sich vereint", sagt Huber.

"Typisch für Österreich ist, dass da auch kräftig gemeckert wird. Stattdessen muss man die Vorbildwirkung für Junge sehen: ‚Traut euch eure Träume im Team umzusetzen" ist die Botschaft. Kolumbus hat auch nicht überlegt, was der wissenschaftliche Nutzen seiner Entdeckungsfahrt sein könnte."

Sensationell aus Sicht des Flugmediziners ist auch, dass unzählige Körper-Daten aus extremer Höhe direkt zur Kontroll-Station übertragen wurden. "Das ist ein Schritt in Richtung Telemedizin. Und bestimmt helfen die Erkenntnisse mit, den Weltraumtourismus sicherer zu machen."

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