"Ich lebe diesen Wahnsinn", sagt Mike Büskens.

© Agentur DIENER/DIENER / Philipp Schalber

Interview
10/23/2016

Büskens: "Das ist mein größter Fehler"

Trainer Mike Büskens vor dem Derby über Druck, Sprachprobleme und Energie-Räuber bei Rapid

von Alexander Huber

Rapid hält bei drei Derbysiegen in Folge. Ein vierter Erfolg wäre im 319. Derby gegen die Austria (16.30 Uhr/live ORFeins, Sky) für einen Mann in Hütteldorf besonders wichtig: Mike Büskens.

Im KURIER-Interview spricht der unter Druck geratene Rapid-Trainer offen und ehrlich über sein Leben und seinen Job.

KURIER: Sie waren nach einer Blutvergiftung 2005 in Lebensgefahr. Sieht man dadurch Drucksituationen im Fußball wie jetzt mit anderen Augen?

Mike Büskens: Meine Überlebenschance lag damals bei zwei bis fünf Prozent. Mir ist als spielender Co-Trainer bei Schalke II die Patellasehne abgerissen. Dann hatte ich in einem Jahr sieben OPs, bis mein System zusammenklappte. Dann kam die Blutvergiftung, ein Multi-Organ-Schock, künstliches Koma für mehrere Tage. Ein österreichischer Arzt hat mich gerettet. Ich war immer schon demütig und sozial eingestellt, aber natürlich hat das mein Leben geprägt.

Denken Sie sich deswegen manchmal "Ach, Mike, das ist doch nur Fußball"?

Manchmal. Aber die ablenkende Wirkung hält nicht lange, weil ich den Fußball so sehr liebe. Es würde mir guttun, öfters so zu denken.

Was halten Sie vom Spruch "Das Einzige, was die Österreicher und Deutschen trennt, ist die deutsche Sprache"?

Ich kann wenig damit anfangen, dass sich Österreicher immer in Konkurrenz zu Deutschland sehen.

Gemeint war eher das, was Kapitän Stefan Schwab erzählt hat: "Der Trainer ist immer offen und ehrlich, aber manche Spieler fühlen sich angegriffen."

Ja, ich will immer offen und ehrlich sein. Ich nenne ein Beispiel. Ich habe zu Strebinger gesagt: "Richi, wenn mir vor zwei Monaten jemand gesagt hätte, dass du so gut performst, hätte ich das nicht geglaubt". Das meine ich als Lob, nicht böse.

Wie soll Kritik funktionieren?

Sie soll nicht zerstören, sondern helfen. Ich kritisiere nie den Menschen. Viele vergessen das. Ich bin ein Werkzeug für die Jungs und sie können es nutzen. Dazu gehört, dass ich ihnen einiges sage. Wenn sie es nicht verstehen, können sie nachfragen.

Fragen die Spieler genug?

Nein. Ich habe ihnen immer gesagt: "Meine Tür ist offen." Ich bin ein Teamplayer und stelle mich dem Rundherum, das eigentlich krank ist. Öffentlich angegriffen werde ohnehin ich als Erster.

Sie lassen aber öffentlich auch Chancen aus. Gegen Sassuolo wurde ein taktisch brillantes italienisches Team überrumpelt. In der ersten Hälfte war Rapid durch einige Anpassungen taktisch überlegen. Warum haben Sie danach in der Pressekonferenz kein einziges Wort über die Taktik verloren?

Ja, das hätte ich erwähnen können. Trotzdem bleibt es heutzutage so, dass alles entweder glorifiziert oder zerrissen wird. Hängt ihn – oder sprecht ihn heilig! Die Wahrheit liegt aber meistens in der Mitte. Und das könnte man auch erklären, aber das tut keiner mehr. Diese Schnelllebigkeit, dieses Hire und Fire – das halte ich nicht aus, das ist Wahnsinn.

Stimmt es wirklich, dass Sie keine Medienberichte über sich selbst oder Rapid lesen?

Ja. Weder am Anfang, als es lief. Und jetzt auch nicht.

Die Kritik von Sportdirektor Müller im KURIER an den Spielern haben Sie nicht gelesen, in der Mannschaft gab es aber große Aufregung. Das Interview war demnach kontraproduktiv.

Wenn man sich danach beidseitig Gedanken macht, kann das auch produktiv sein. Aber es gab definitiv Themen, die uns Energie gekostet haben. Sonst hätten wir nach dem starken Start schon diese Welle erwischen können, auf der es dahingeht.

Sie meinen die Aufregung um Neuzugang Entrup?

Nicht nur: Verletzungen, das Ö-Topf-Thema, Spieler, die sich in einer anderen Rolle sehen ... Es gab im Spätsommer große Hektik. Da haben wir alle im Verein Energie verloren, während Sturm auf dieser Welle reitet und das nötige Spielglück hat. Aber jetzt sind wir wieder auf einem guten Weg.

Es hat sich herausgestellt, dass Müller und Sie tatsächlich keine "Haberer" sind. Mittlerweile entsteht sogar der Eindruck, dass eine Distanz einen intensiveren Austausch verhindert.

Wir sind weder verhabert, noch gibt es ein Problem. Das ist dann doch "deutsch" an uns: Wir können sehr kontroversiell diskutieren und schätzen das. Aber vielleicht gab es eine Zeit lang zu wenig Möglichkeit dafür.

Ihre Familie ist gerade in Wien, weil es in Deutschland Herbstferien gibt. Wäre es eine Hilfe, wenn sie immer da wäre?

Ich weiß nicht, ob sie es immer ertragen würden (lacht). Es ist zäh, wenn du wieder nicht gewinnst und die Kinder sagen: "Bitte trenne das doch von unserem Leben." Ich bin gerne hier, aber sicher nicht zum Spaß. Ich kann schlecht loslassen. Das ist mein größter Fehler. Ich schlafe nach manchen Spielen beschissen. Ich werde für alles verantwortlich gemacht, fühle mich auch für alles verantwortlich – aber ich bin es nicht. Das müsste ich mir öfter klarmachen.

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