Sport
17.01.2012

Box-Legende Ali wird 70

Experte Sigi Bergmann erinnert sich im KURIER an spannende gemeinsame Zeiten. Eine Serie in vier Teilen.

Kein Boxer in der Tausende Jahre alten Geschichte des Faustkampfes war weltweit so berühmt wie Muhammad Ali. Er war Olympiasieger und wurde drei Mal Schwergewichts-Weltmeister, obwohl es viele Boxer gab, die härter schlugen als er. Etwa Rocky Marciano, der als einziger Schwergewichts-Champion ungeschlagen abtrat, während Ali fünf Niederlagen bezog. Oder der "Braune Bomber" Joe Louis, der mit 27 WM-Kämpfen um zwei mehr bestritt als Ali.

Der Künstler

Was also machte Alis Einmaligkeit aus? Zunächst war er in diesem blutigen Handwerk ein Künstler. Mit seinem fast poetisch-tänzerischen Boxstil, mit zwei Sidesteps, einem eleganten Vor- und Zurückspringen – dem Ali Shuffle – und einer schnell geschlagenen Hakenserie verzauberte er Brutalität in Poesie und machte Boxgegner zu Boxfanatikern.

Alis Beine waren so schnell, die Hüften so beweglich und die Reflexe so unvergleichlich, dass er meist auf die Deckung verzichtete und seinen Kopf den Angriffen der Gegner feilbot. Als diese durch sein Auspendeln danebenschlugen, tanzte er weg und setzte blitzschnell eine Gegenattacke, die die überraschten Kontrahenten meist erschütterte und oft zu Boden streckte. Der amerikanische Schriftsteller Norman Mailer nannte Ali "die schnellfüßigste Verkörperung menschlicher Intelligenz".

Unmittelbar nachdem er 1964 sensationell Sonny Liston bezwungen und sich zum Weltmeister gekrönt hatte, trat er der militanten Sekte "Nation of Islam" bei und nannte sich Muhammad Ali. Wer ihn mit seinem "Sklavennamen Cassius Clay" ansprach, war Feind. Dann verteidigte er seinen Weltmeistertitel neun Mal erfolgreich, die Boxmafia wollte ihn weghaben, das Wettgeschäft war völlig eingebrochen, denn der Sieger hieß ja immer nur Ali.

Der Staatsfeind

Mit folgendem Kurzgedicht wurde er 1967 zum Staatsfeind: "Räumt mir eine Zelle doch und steckt mich in ein finsteres Loch! Denn lieber Gefängnisbrot, als in Vietnam und tot!"

Die Wehrdienstverweigerung bedeutete: Aberkennung des WM-Titels; Pass und Boxlizenz wurden ihm weggenommen; Hunderttausende Dollar Strafe; Alimente für seine geschiedene Frau, ebenfalls in Millionenhöhe. Er durfte weder boxen noch ausreisen.

Im Ausland hätte es zahlreiche lukrative Boxangebote gegeben. So tingelte er herum: Fernsehshows, Vorträge an Universitäten. Als Musicaldarsteller war er um vieles steifer als im Ring. Und Gesangsauftritte waren auch nicht das Seine, obwohl ihn der Wiener Starpianist Joe Zawinul begleitete. Der Champion in Zwangspension versuchte alles, um sich finanziell einigermaßen über Wasser zu halten.

Nach wilden juristischen Gefechten und dreieinhalb boxlosen Jahren durfte Ali wieder in den Ring. Doch für einen Weltklassesportler ist eine so lange Kampfpause fatal: Konditionsabfall und Gewichtszunahme sind enorm, Instinkte versanden, Reflexe verrosten, die Psyche bekommt Dämpfer.

Nach zwei Aufbaukämpfen kam es zum Hit: Weltmeister Joe Frazier, der "Gute", angepasst und friedlich außerhalb des Rings, ein wilder, hemmungsloser Schläger im Kampf, wird herausgefordert von Ali, dem Repräsentanten einer Gegenkultur. Vom Black Muslim – only black is beautiful – dem Revolutionär, der alle Gegner beschimpfte. Vom unsympathischen, bösen, unamerikanisch-revolutionären Kämpfer. Beide traten als Olympiasieger und ungeschlagene Weltmeister an.

Der Globalisierer

Alis Kämpfe waren – obwohl damals durch die Zwangspause seine goldene Zeit bereits abgelaufen war, was allerdings noch niemand ahnte – Shows mit einerseits hervorragenden Boxpassagen und andererseits boxerischen Grundfehlern, die Anfänger nicht machen durften. Garniert mit herrlichen, tänzerischen Bewegungen. Ali, der Nurejew des Boxrings, der ein seilumspanntes Quadrat ist … Boxen, die Quadratur des Kreises.

Die ganze Welt wollte diesen Fight sehen, und so wurde er zu einem globalen Erlebnis, das 350 Millionen vor den Fernsehgeräten erlebten. Die FAZ bewertete das Ereignis 1971 als Vorboten der Globalisierung. Gemeint war nicht die Globalisierung einer Güterproduktion, sondern eines Sport-Spektakels.

Ich kommentierte live aus dem ORF-Zentrum am Küniglberg, zwei Millionen Österreicher waren zugeschaltet (s. "Hintergrund"). Noch heute trauere ich als Katholik und Ex-Bundesheerler über die eindeutige Niederlage des Moslems und Wehrdienstverweigerers Muhammad Ali. Kompliment an "Smoking" Joe Frazier, der am 7. November 2011 nach kurzem Kampf dem Leberkrebs erlegen ist.

Die Reporter-Legende

Der Steirer Sigi Bergmann, geboren 1938, ist promovierter Historiker. Während des Studiums boxte er selbst. Auch ein Gesangsstudium schloss er ab. 1968 ging er zum ORF,
kommentierte in 40 Jahren an die 3500 Boxkämpfe und machte sich mit Sendungen wie Sportmosaik und Sport am Montag einen Namen. Der Ali-Fan ist seit 40 Jahren verheiratet, hat zwei Töchter und fünf Enkelkinder.

 

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