Spitzensportler Mourad Laachraoui geriet wegen der Taten seines Bruders in den Fokus.

© APA/AFP/BELGA/EMMANUEL DUNAND

Belgien
08/03/2016

Attentäter-Bruder im olympischen Fokus

Der Bruder eines Brüssel-Attentäters ist im Taekwondo Europameister, in Rio aber nur Sparringpartner.

Mourad Laachraoui wird bei seiner Ankunft in Rio de Janeiro wieder für mediale Aufregung sorgen. So wie er es seit Ende März immer tut, wenn er öffentlich auftritt. Sportlich ist ihm eine Hauptrolle in Rio verwehrt, denn der belgische Verband hat ihn nicht für die in zwei Wochen beginnenden Taekwondo-Bewerbe nominiert. Weil die leichteste Gewichtsklasse (der 1,80 Meter große Sportler holte EM-Gold bis 54 Kilogramm) nicht im olympischen Programm steht, darf Laachraoui nur auf die Matte, wenn sich sein Teamkollege verletzt. Dennoch wird er einer der berühmtesten Sparringpartner der Spiele sein.

Und das liegt einzig und allein an seinem Bruder. Najim Laachraoui, einer der drei Attentäter vom 22. März 2016, hat sich am Flughafen Brüssel-Zaventem in die Luft gesprengt. 35 Menschen starben bei dem Anschlag, 300 wurden verletzt. Das war am Morgen, zu Mittag las Mourad auf seinem Handy den Namen eines Attentäters. Najim Laachraoui, 24. Seither ist auch das Leben von Mourad Laachraoui, 21, nicht mehr das alte. Najim Laachraoui wird auch mit den verheerenden Anschlägen im November in Paris in Verbindung gebracht, bei denen 130 Menschen starben. Seine DNA wurde an einem der Tatorte sichergestellt.

Familien-Geschichte

"Man hat uns geraten, unseren Nachnamen zu ändern. Aber das ist auch keine Lösung. Es ist mein Name, der Name meines Vaters." Das erzählte Mourad Laachraoui zwei Tage nach den Anschlägen bei einer Pressekonferenz in den Räumlichkeiten des belgischen Taekwondo-Verbandes, in der er erstmals zu den Taten seines Bruders Stellung nahm. "Ich wollte nicht glauben, dass er es war, aber man kann sich seine Familie nicht aussuchen", sagte er. Erst nach den Attentaten von Paris im November habe es eine Hausdurchsuchung gegeben. "Man hat uns gesagt, dass es eventuell eine Verbindung gibt", sagte Mourad.

Fünf Tage nach dem Schock über die Tat des Bruders tauchte Mourad wieder beim Training auf. In einem Interview mit dem Spiegel erklärt er, wie wichtig ihm der Sport war, um über das Geschehene hinweg zu kommen. "Taekwondo hat mich gelehrt, wie man andere Menschen respektiert", schrieb er auf seinem Facebook-Account, auf dem nur noch Bilder und Mitteilungen von seinen sportlichen Aktivitäten zu finden waren.

Sein Trainer organisierte die Fahrten in die Halle, weil er Angst hatte, dass sich einer der Verwandten der Opfer an Mourad rächen wollen. Leonardo Gambluch kommt aus Argentinien und ist seit März aber nicht mehr bloß Trainer von Mourad Laachraoui. Er wurde auch seine Bezugsperson, sein Beschützer und sein Sprecher.

Weil der aus Marokko stammende Vater Fan von Kampfsport-Filmen mit Bruce Lee und Jackie Chan war, durften die Brüder Laachraoui auch zum Kampfsport. Mit 14 begann Mourad mit Taekwondo, da hörte Najim mit 18 auch schon wieder damit auf. Er änderte seinen Lebensstil und radikalisierte sich in einer Moschee im Norden von Brüssel. Mourad bekam nichts davon mit, er hatte mit Najim Spaß, wenn der nach Hause kam.

Aber seit Februar 2013 gab es keinen Kontakt der beiden, weil Najim über die Türkei nach Syrien gereist war und sich dort dem "Islamischen Staat" angeschlossen hatte. Najim lebte nördlich von Aleppo, kämpfte an der Front und war danach für die Bewachung der internationalen Geiseln zuständig.

Bei der EM in Montreux gewann der 21-jährige Mourad im Mai in der Gewichtsklasse bis 54 Kilogramm die Goldmedaille. Als die belgische Hymne gespielt wurde, schloss er bei der Siegerehrung die Augen. "Ich widme die Medaille meiner Familie", sagt er danach. Gefragt, ob er eine Erklärung für die Verbrechen seines Bruders habe, sagte Mourad Laachraoui dem Spiegel: "Ich habe viel darüber nachgedacht, doch dabei ist nicht viel rausgekommen. Ich weiß nicht, was passiert ist, und ich werde es wohl nie wissen." Trotzdem vermisse er seinen Bruder, der Leid über so viele Menschen brachte, noch heute: "Er fehlt mir als Bruder. Aber er fehlt mir nicht für das, was er getan hat."

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