Sport
03.12.2017

Assinger: "Diskussion schadet natürlich dem Sport"

Armin Assinger über die Missbrauchsvorwürfe von Nicola Werdenigg und die Rolle von Peter Schröcksnadel. Der Neo-Aufsichtsrat der Bundes-Sport-GmbH plädiert für ein Sportministerium.

KURIER: Verteidigungs- und Sportminister Hans Peter Doskozil sagte anlässlich der von Nicola Werdenigg geäußerten Vorwürfe an den ÖSV, er erwarte sich „ eine gewisse Sensibilität im Umgang mit dem Betroffenen. Ich glaube, es ist nicht angebracht, hier Ultimaten zu setzen, sondern wirklich sensibel mit allen Betroffenen an der Aufklärung mitzuarbeiten." Teilen Sie Doskozils Meinung?

Armin Assinger: Ja.

Wie empfanden Sie die Stellungnahme der ÖSV-Spitze Schröcksnadel und Pum?

Es ist für beide an der Spitze des ÖSV stehenden Funktionäre eine sehr diffizile Situation, weil sie mehr oder weniger aus dem Nichts aufgetaucht ist. Es war extrem schwierig, mit den Aussagen von Nicola Werdenigg konfrontiert, gleichsam aus einem ersten Schock heraus die richtigen Antworten zu finden. Mir kommt vor, dass beide von den Umständen vollkommen überrascht worden sind und es sich dann gleichzeitig nicht bieten lassen wollten, für Vorfälle verantwortlich gemacht zu werden, die - wie im Falle der SHS Neustift - jahrzehntelang zurückliegen. Und sie wollen sich natürlich nicht den ÖSV, von wem auch immer, schlecht reden lassen und wehr(t)en sich – zurecht, wenn auch unglücklich formuliert - gegen eine öffentliche Pauschalverurteilung des gesamten ÖSV mit all seinen Betreuerinnen und Betreuern. Mit dem Einsetzen von Waltraud Klasnic wurde von Präsident Schröcksnadel jetzt ein erster Schritt in die richtige Richtung vollzogen und eine Aufklärung des Tatbestandes bzw. ein sensibler Umgang für die Zukunft mit diesem Thema eingeleitet.

Können Sie nachvollziehen, dass es Aufforderungen zu deren Rücktritt gab? Glauben Sie, dass die aktuelle Diskussion dem Image des Sports abträglich sein könnte?

Vor dem Hintergrund, dass derzeit in vielen Bereichen Fälle ans Tageslicht kommen, die oft jahrzehntelang zurückliegen, kann ich die Aufforderungen wohl verstehen, aber ich teile diese Meinung nicht. Die Vorfälle in der SHS Neustift liegen über 40 Jahre zurück und dafür Präsident Schröcksnadel und Sportdirektor Pum verantwortlich machen zu wollen, halte ich für übertrieben. Mir kommt vielmehr vor, dass für einige Personen sich nun endlich die Gelegenheit bietet, Schröcksnadel los zu werden, weil ihnen seine direkte, sehr auf den Erfolg ausgerichtete Art und Weise nicht geheuer ist. Es mag jetzt nicht hierher passen, aber es ist nun einmal Tatsache, dass er genau damit den Skiverband zum erfolgreichsten aller Sportverbände Österreichs gemacht hat. Lassen Sie es mich so sagen: wenn jetzt beispielsweise offenbar werden würde, dass es in einem großen Unternehmen Österreichs – meinetwegen in einem Zeitungsverlag – vor 40 Jahren sexuelle Belästigungen und Übergriffe, insbesondere unter Ausnützung eines Autoritätsverhältnisses, gegeben hätte, würden dann alle, die jetzt Schröcksnadels Rücktritt fordern, auch jenen des heutigen Verlagschefs fordern? Die derzeitige Diskussion schadet natürlich dem Sport. Gleichzeitig bietet sich ihm jetzt aber auch die Chance, die Vorfälle genau und lückenlos aufzuklären und die Weichen für einen einfühlsamen und sorgsamen Umgang mit dieser Materie für die Zukunft zu stellen.

Sie waren jahrelang erfolgreicher Ski-Sportler, kommentieren zudem seit Ende Ihrer aktiven Karriere für den ORF und kennen den Ski-Zirkus seit Jahrzehnten. Waren Ihnen die Vorwürfe, die Werdenigg geäußert, neu oder gab es auch zu Ihren Zeiten Gerüchte über Übergriffe und Missbrauch?

Seit nunmehr 35 Jahren bin ich im Skizirkus involviert, als Aktiver und als ORF-Experte. In dieser Zeit ist mir nicht das Geringste über eine sexuelle Belästigung einer Rennläuferin oder eines Rennläufers, geschweige denn einer Vergewaltigung, zu Ohren gekommen. Daher bin ich nach wie vor sehr betroffen von dem, was Nicola Werdenigg angab.

Seit Mitte November stehen Sie als Aufsichtsrat der Bundes-Sport GmbH vor. Appellierten bei Ihrer Antrittsrede, mehr in die sportliche Infrastruktur zu investieren. In welchen Bereichen muss sich Ihrer Meinung nach sofort etwas ändern und mehr Geld zugeschossen werden?

Die Sportinfrastruktur in Österreich liegt teilweise im Argen. Fangen wir oben an: das Ernst Happel-Stadion ist weit weg von zeitgemäß. Die große Chance auf einen gescheiten Neubau ist – und da sind sich viele einig – im Zuge unserer Euro 2008 vergeben worden. Dieser Anlass wäre wie ein Elfer ohne Tormann für eine zukunftsweisende Investition gewesen. Fehlende Schwimmhallen sind ein weiteres Manko. Ich habe festgestellt, dass es allein in Berlin fünfzehn 50 Meter Schwimmhallen gibt. Wieviele gibt es in ganz Österreich? Keine fünf! Die Südstadt ist wirklich ein sehr gut ausgestattetes Trainingszentrum, der diesbezügliche Leuchtturm in Österreich und trotzdem würde dort eine 2. Schwimmhalle olympischen Ausmaßes nicht schaden, damit alle unter besten Bedingungen ihrem Sport nachgehen können, vom Olympiathleten bis zum ambitionierten Seniorenschwimmer. Am Land draußen ist die Sachlage noch dürftiger. Zum Beispiel gibt es in meinem Heimatbezirk Hermagor (20.000 Einwohner) keinen Kunstrasenfussballplatz, im gesamten Gail- und Lesachtal von Villach bis hinauf nach Osttirol keinen einzigen Kunsteislaufplatz. Und da rede ich gar nicht von einer Halle! Es ist aber enorm wichtig, unseren Kindern eine entsprechende Infrastruktur anzubieten, schon allein aus Motivationsgründen. Auf ein neues Fahrrad setzt man sich ja auch lieber als auf einen rostigen Drahtesel, mit neuen Skiern macht das Skifahren ja auch mehr Spaß als mit durchgetretenen Faßdauben. Alle, denen der Sport am Herzen liegt, müssen gemeinsam antreten und daran arbeiten, dem Sport den Stellenwert zu geben, den er verdient. Gesunder Geist in einem gesunden Körper – wir kennen den Spruch ja alle. Ich bin weiters der Meinung, dass die Wirksamkeit der eingesetzten Mittel ganz genau kontrolliert werden muss und die Gemeinden und Länder mit der BSG kooperieren sollten, um Doppelgleisigkeiten bei den Förderungen zu vermeiden bzw. diese noch effizienter gestalten zu können.

Mantrahaft und seit Jahren wiederholen Ex-Sportler wie Sie, dass mehr für Jugendliche getan werden muss – auch, um der Fettleibigkeit unter den Jüngsten, Herr zu werden. Wer ist hier gefordert? Eltern? Schule? Staat?

Alle sind gefordert. In erster Linie aber meiner Ansicht nach die Eltern, denn sie sind die ersten Vorbilder, die ein junger Mensch hat. Sportliche Betätigung, ja eigentlich nur das tägliche Bewegen, darf kein Ballast sein oder ein Übel, das mehr oder weniger in Kauf genommen wird, sondern muss als Basis für ein gesundes, erfolgreiches Leben angesehen werden. Rund 30 % der österreichischen Kinder sind übergewichtig, das ist eine Tatsache und dass uns alle dieser Umstand teuer zu stehen kommen wird, ist auch klar. Daher braucht es meiner Meinung nach einen nationalen Schulterschluss, einen österreichweiten Aktionsplan, ja eine regelrechte Werbekampagne, um unsere Kinder wieder für den aktiven Sport zu begeistern. Mit unseren Sportidolen an der Spitze einer derartigen Kampagne sollte es doch gelingen, bei unseren Kindern für die notwendige Bewegungsmotivation zu sorgen.

Wie viele Sportstunden sollte ein Stundenplan mindestens vorsehen?

Sie und ich kennen den Satz von der „täglichen Turnstunde“ ja zur Genüge. Und seit Jahrzehnten wird der gepredigt. Aber woran hakt es bei der Umsetzung? Es gibt sehr viele unglaublich stark in der Schulsportmaterie engagierte Lehrerinnen und Lehrer, die Visionen haben, Ideen und Projekte aus eigenem Antrieb starten. An denen scheitert die Umsetzung sicher nicht, also wo liegt das Problem wirklich? Am Geld? Am Willen der Entscheidungsträger? Selbstverständlich gehört die tägliche Sportstunde umgesetzt und sie gehört ganz einfach verordnet, zum Wohle unserer Kinder und ich bin fast geneigt zu sagen „ Koste es, was es wolle!“

In der türkis-blaue Regierung soll es ein Sportstaatssekretariat geben. Was ist Ihres Erachtens nach die dringlichste Aufgabe in dieser Position?

Von der volkwirtschaftlichen und sozialpolitischen Bedeutung des Sports aus gesehen denke ich, dass sich der Sport ein eigenes Ministerium verdiente. Ich glaube, hier im Namen aller Sportbegeisterten in Österreich sprechen zu dürfen und wünsche mir, dass der Minister/Staatssekretär, die Ministerin/Staatssekretärin sich mit aller Kraft und umfassend für die Belange des Sports einsetzt, für den Breiten- und Gesundheitssport genau so wie für den Hochleistungssport, für den Sportstättenbau genau so wie für den Schulsport. Es ist aber auch klar, dass es nur dann funktionieren wird, die Sportlandschaft in Österreich zu verbessern, wenn ausnahmslos alle (Politik, BSO, Dachverbände, Fachverbände) am gleichen Strang und dann noch in die gleiche Richtung ziehen.