Sport 17.01.2012

Alis Vorbild: Wrestler Gorgeous George

Gorgeous George brachte die Leute gegen sich auf - und füllte damit die Hallen. © Bild: youtube

Der Wrestler brüllte herum wie ein Irrer, gab sich arrogant und ef­fe­mi­niert. Alle wollten ihn verlieren sehen.

Von klein auf war Muhammad Ali, in frühen Jahren Cassius Clay, ein lautstarker Selbstdarsteller gewesen. Seine erste Vorhersage eines Kampfes stammt bereits aus dem Jahr 1954, Clay war gerade einmal zwölf Jahre alt. Doch eine Begegnung mit dem Profi-Wrestler " Gorgeous George" (bürgerlich: George Raymond Wagner) bei einem Radio-Termin sollte Alis Sicht auf die Vermarktung der eigenen Person völlig verändern.

Der Wrestler hatte in den 50er Jahren einen enormen Bekanntheitsgrad erreicht, weil er sich völlig anders gab als der Rest der vor Kraft strotzenden Wrestler-Riege. "Gorgeous George" war weder besonders stark noch furchteinflößend groß. Er bestach durch seine zur Schau getragene Arroganz, betrat den Ring in edel anmutenden, bunten Umhängen und ließ sich dort parfümieren. Wer seine goldenen Locken durcheinander brachte, dem drohte er wild schreiend mit dem Tod. Sein Talent bestand darin, die Leute gegen sich aufzubringen. Ali beeindruckte die Tatsache, dass im Publikum zwar fast jeder George hasste, aber dennoch bereit war, viele US-Dollars für eine Karte auszugeben. Das Großmaul verlieren zu sehen, war dem Publikum viel wert.

In der Folge benahm sich auch der Boxer vor Kameras und Mikrofonen wie ein Irrer und verschaffte sich somit bereits vor seinem ersten WM-Kampf 1964 eine unglaubliche Aufmerksamkeit.

Noch nie zuvor war ein junger Schwarzer in der Öffentlichkeit so selbstbewusst, geradezu arrogant, aufgetreten und Ali veränderte damit das Selbstwertgefühl einer ganzen Generation. Denn über weite Strecken seiner Karriere konnte der Boxer seine vollmundigen Ankündigungen auch erfüllen. Der Philologe und Essayist Jan Philipp Reemtsma hielt fest: "Für das Selbstbewusstsein der Schwarzen nicht nur in Amerika hat Ali vielleicht mehr getan als Martin Luther King, Malcolm X, Patrice Lumumba und Bill Cosby zusammen."

Einen großen Teil seiner Inspiration holte sich Ali von "Gorgeous George" ab, der 2002 posthum in die Hall of Fame des Wrestlings aufgenommen wurde. Alis Aufstieg zu drei Weltmeistertiteln verpasste der 1963 verstorbene Wagner. Als "Gorgeous George" hätte er wohl eine Freude an seinem "Schüler" gehabt.

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( Kurier ) Erstellt am 17.01.2012